Festivalarbeit: Kreativität braucht soziale Sicherheit

Bis auf den letzten Platz belegt war der große Saal im Leipziger Volkshaus beim ersten Vernetzungstreffen der Festivalarbeiter_innen. Foto: Gundula Lasch

Die Arbeits- und Einkommensbedingungen von Festivalarbeiter_innen standen im Fokus des ersten Vernetzungstreffens am Rande der Dokumentarfilmfestivals in Leipzig. Fast 100 Festivalarbeiter_innen aus dem gesamten Bundesgebiet waren am 4. November dem Aufruf der Initiative „Festivalarbeit gerecht gestalten“ gefolgt, um sich zu vernetzen und sich über die Probleme und Interessen in diesem Berufsfeld auszutauschen. Ein weiteres Ziel: Forderungen an die Politik aufstellen.

Anfang 2016 hatten Alexandra Hertwig (Kasseler Dokfest), Andrea Kuhn (Filmfestival der Menschenrechte Nürnberg), Grit Lemke (DOK Leipzig) und Ludwig Sporrer (DOK.fest München) die Initiative „Festivalarbeit gerecht gestalten“ gegründet (M berichtete). Nach ersten Gesprächen von haupt- und ehrenamtlichen ver.di-Aktiven in Leipzig mit Gründerinnen der Initiative war schnell klar, dass ihre Anliegen und Ziele weitestgehend überein stimmen. Das erste Treffen wurde geplant.

Was dann in Leipzig passierte, zeigt den großen Leidensdruck, der in der Branche herrscht: Fast 100 Mitarbeiter_innen von Filmfestivals, etliche davon in leitenden Positionen, kamen in den großen Saal des Gewerkschaftshauses. Im ersten Panel wurden empirische Studien zur Festivalarbeit präsentiert und diskutiert. Lisa Basten, Autorin des kürzlich erschienenen Buches „Wir Kreative“ hat in zahlreichen Interviews herausgefunden, was kreativ Tätige antreibt: „Die meisten treffen eine bewusste Entscheidung für projektbezogene Arbeit außerhalb hierarchischer Strukturen.“ Doch dafür bezahlten die meist akademisch gebildeten Leute einen hohen Preis: „Sie sind oft so mit ihrer Existenzsicherung beschäftigt, dass die Kreativität auf der Strecke bleibt.“ Das bestätigte auch Skadi Loist, die sowohl die wissenschaftliche Perspektive als auch ihre praktischen Erfahrungen einbringen konnte: Sie war Vereinsvorstand bei den lesbisch/schwulen Filmtagen in Hamburg, promovierte zu Filmfestivals und bereitet derzeit eine neue Studie zu den Arbeitsbedingungen in der Branche vor. „Wie viele von Euch haben ein Normalarbeitsverhältnis, das heißt eine unbefristete Festanstellung?“, fragte sie in die Runde. Ganz fünf Arme hoben sich. „Das ist die Normalität: 95 Prozent atypische Arbeitsverhältnisse“, konstatierte Loist. Und genau da liege ein großes Problem, erklärte Basten: „Unser gesamtes Sozialsystem beruht auf dem so genannten Normalarbeitsverhältnis – alle anderen fallen da raus, haben keine Absicherung für Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit.“

Tanja Zieg-Krainhöfer sammelte zu den derzeit ca. 450 Filmfestivals in Deutschland Daten zu Beschäftigungsstrukturen und Aspekten der Arbeit: „Filmfestivals lösen die angestammten Kinos ab und prägen die Programmkinolandschaft. Aber 70 Prozent der Festivals sind Vereine, in denen der Großteil der Mitarbeiter_innen ehrenamtlich tätig ist“, stellte sie fest. Die Zahl der Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, steige – die meisten aber würden schlecht oder gar nicht bezahlt.

Genau das, so stellten die versammelten Festivalarbeiter_innen fest, sei ihr Hauptproblem: Eine Arbeit die Spaß macht, aber kein Existenz sicherndes Einkommen bringt und damit Altersarmut erzeugt. „Es wird sich nichts ändern, wenn sich die Kreativen nicht zusammenschließen“, rief eine Teilnehmerin aus dem Plenum und erntete viel Zustimmung. Wer Gewinne mache, der soll zu Beiträgen zur Alterssicherung herangezogen werden, so die einhellige Meinung. Das gelte auch für die Filmfestivallandschaft insgesamt, wirtschaftlich ein relevanter Teil der Kreativwirtschaft, denn hier werden Standortgewinne generiert. Das zeigen Erhebungen, aus denen hervorgeht, dass für jeden in ein Filmfestival investierten Euro durchschnittlich vier Euro in die entsprechende Stadt/Region zurück fließen.

Im anschließenden Plenum diskutierten die Teilnehmer_innen die nächsten Schritte und gründeten sieben Arbeitsgruppen, die nun verschiedene Themenfelder weiter bearbeiten. Ein nächstes Treffen am Rande der Berlinale ist bereits vereinbart und ein Raum gefunden.

Soziale Sicherheit, angemessene Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung ihrer gesellschaftlich unverzichtbaren (Kultur-)Arbeit sind die Hauptanliegen der Festivalarbeiter_innen, die sie wirksam öffentlich artikulieren wollen.

 

 

nach oben

weiterlesen

Fake News-Anstieg vor der Wahl

Aus der Statistik von Buzzfeed, wonach in den Wochen vor der US-Wahl auf sozialen Netzwerken die populärsten Fake News eine größere Verbreitung fanden als die meistgelesenen echten Nachrichten.
mehr »

Bremedia-Gehälter steigen wie bei Radio Bremen

Vor zehn Jahren hat Radio Bremen (RB) seine Produktionstechnik komplett auslagert: in die gemeinsam mit der Bavaria betriebene Tochterfirma Bremedia. Dort arbeitet seitdem eine Zwei-Klassen-Belegschaft: Alle vom Mutterhaus zur Tochter gewechselten Beschäftigten werden weiterhin so bezahlt, als wären sie bei RB geblieben; alle Neueingestellten dagegen müssen mit deutlich geringeren Leistungen Vorlieb nehmen. Sie profitieren jetzt vom jüngsten Tarifabschluss, den die Tarifkommission der Gewerkschaften mit der Bremedia-Geschäftsleitung ausgehandelt hat: zwei Prozent mehr Gehalt bei einem Jahr Laufzeit. 
mehr »

Zeitungsverlag muss Fotohonorare nachzahlen

Vor dem Oberlandesgericht Hamm (OLG Hamm) hat jetzt ein hauptberuflicher freier Fotograf erfolgreich eine Nachvergütung seiner Fotos entsprechend der Vergütungsregeln zu Bildhonoraren für freie hauptberufliche Journalisten bei einem Zeitungsverlag durchsetzen können. Der Journalist aus Hagen, der seit 2000 für verschiedene Zeitungen der heutigen Funke Mediengruppe im Märkischen Kreis (z.B. die Westfälische Rundschau) hauptsächlich im Sport gearbeitet hatte, bekam jetzt eine Nachvergütung in Höhe von 79.000 Euro vom Gericht zugesprochen.
mehr »

Filmtipp: National Bird

„National Bird“ erzählt von den Folgen des Drohnenkriegs. Da sind die Menschen, die die Drohnen bedienen, die Ziele identifizieren, die von weit weg auf einen Knopf drücken oder auch nur die Bilder interpretieren. Was macht diese Tötungsarbeit, die wie ein Videospiel aussieht, mit den Menschen? Und da sind die unmittelbaren Opfer des Drohnenkriegs in Afghanistan, denen der Tod plötzlich und wortwörtlich von oben auf den Kopf fällt.
mehr »