„Ich will es schwer machen wegzusehen“

Sonia Mikich: Über die Diskussion post festum

Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen, nach jedem Krieg im letzten Jahrzehnt, der bedeutend genug war, über Wochen oder Monate von den großen Medien behandelt zu werden, nach jedem mediatisierten Krieg also, beginnt eine Diskussion darüber, was wir Journalisten alles falsch gemacht haben. Golfkrieg – Bosnienkrieg – und jetzt der Kosovokrieg.

Die Selbstkritik gleicht sich: Wie wir Journalisten zu viel Schwarz-weiß-Malerei betrieben haben, wie wir unbedacht das Vokabular der Militärs übernahmen, wie wir uns von Jamie Shea oder Joschka Fischer oder Rudolf Scharping haben einwickeln lassen.

Parallel zur Selbstkritik und Medienschelte kommt die Wahrheit über den Krieg langsam zu Tage. Gräueltaten, Massaker Ñ sie werden erst jetzt in ihrem Kontext gezeigt, manchmal relativiert, manchmal als Propagandamärchen entlarvt. Wir zweifeln dann noch mehr an der Möglichkeit, je eine angemessene Krisenberichterstattung leisten zu können, und ich fürchte, nach dem nächsten Medienkrieg wird es wieder so sein. Woran liegen diese wiederkehrenden Probleme?


„Es gibt keinen anständigeren Platz als den des Störenfrieds,
der im Widerspruch steht zum Anliegen von Regierungen und Militärs
und organisierten Gruppen, den Krieg
in ihrem Sinne interpretieren zu lassen.“


Noch nie sind Kommunikationstechnologien so einfach, so schnell gewesen. Internet, Satellitentelefone, mobile Übertragungseinheiten ermöglichen es, Realitäten im Augenblick ihrer Entstehung abzubilden. Das Tempo der globalen Berichterstattung nimmt zu, gleichzeitig nimmt die Bereitschaft ab, Komplexität darzustellen. Aktionsfernsehen möchte man das nennen, mit einem Seufzer.

Wie ein Blitzlicht beleuchten die Kameras eine Situation, für einen Augenblick ist alles grell erleuchtet, danach wieder dunkel. Wissen wir aber mehr über den Impakt eines Angriffs, wenn wir ihn eins zu eins bei CNN oder ARD oder BBC verfolgen? Wir sind immer informierter, aber nicht unbedingt klüger.

Dazu kommt der Quotendruck, er macht sich inzwischen auch in unserem öffentlich-rechtlichen Laden bemerkbar. Wie oft sehen Sie noch Beiträge aus dem Ausland, die Alltag wiederspiegeln? Oder die einfach Kontinuität wahren? Ich berichte über französiche Vorstädte und Ausländerghettoes, wenn es dort brennt, wenn jemand stirbt, aber nicht in den langen Perioden zwischen den Schlagzeilen. Was ist mit Äthiopien oder Mosambik weiter passiert?

Es gibt, so scheint mir, eine Internationale von instant experts bei der Krisenberichterstattung, man nehme ein Team, ein Flugzeug, ein Haufen Agenturmeldungen und bei Ankunft am Flughafen ist er/sie schon ein Experte.

Ausland – das muss knallen. Tragisch oder bunt.

Ich beobachte auch eine Militarisierung der Auslandsberichterstattung, damit meine ich einen psychologischen Prozess. Hören Sie einmal die Sprache in den Berichten an. Sie wird aufgerüstet: „Schlächter, Mordmaschine, Deportation, Konzentrationslager, Völkermord, Assoziationen zu Auschwitz.“

Wir benutzen leichtfertig Werbefilme der Rüstungskonzerne, wenn wir die Arbeitsweise eines B2-Stealth-Bombers zeigen wollen.

Ambivalenzen, Grautöne, Widersprüche werden in den Schlagzeilen und Sondersendungen geradezu weggeballert.

Wie Dieter Prokop einmal über die Berichterstattung im Kosovokrieg formulierte: „Was wurde nicht gezeigt? Dass die Rüstungswerte während des Kosovokrieges höher stiegen als der Dow-Jones-Index.“ Zweifler? Skeptiker?

Realisten? Das können nur Verräter oder naive Friedensmoppel sein.

Die Militarisierung der Medien – sie hat noch andere, sehr reale, tödliche Konsequenzen. Journalisten werden Kriegsziele. (Reporters sans fronti_res meldeten: Im letzten Jahr starben 36 Kollegen. Im Jahr zuvor waren es 16.)

In der Nacht zum 23.April griff die NATO das Telezenter in Belgrad an. Ein gefährlicher Präzedenzfall. Denn auch wenn in diesem Gebäude Propaganda für Milosevic betrieben wurde: Journalisten und Techniker zum Abschuss freizugeben, war ein Novum. Wenn, wie eifrige NATO-Sprecher es unvorsichtig formulierten, das Zentrum als Kombattant im Medienkrieg galt, so waren ab sofort westliche Journalisten in Jugoslawien in Lebensgefahr. Als Kombattanten der anderen Seite hätten sie mit Fug und Recht abgeknallt werden dürfen. Ich war entsetzt über die geringen Reaktionen im Westen.

In dieser Zeit machte ich persönlich eine merkwürdige Mutation durch. Als Paris-Korrespondentin hatte ich die Konferenz von Rambouillet vom Anfang bis zum unrühmlichen Ende begleitet und war immer wieder gefordert, auch über den Krieg zu berichten, wenn auch aus zweiter Hand. Wir Journalisten lebten überwiegend von Bildern und Informationen, über die wir kaum Kontrolle hatten.

Und nun meine Mutation: Aufgrund einiger NATO-kritischer Artikel, die ich geschrieben hatte, bekam ich Kontakt zu serbischen Kollegen in Paris, die ihrerseits wieder Video-Material heraus schmuggelten von kleinen, lokalen Sendern. Dieses Material zeigte vor allem die Folgen der Angriffe für die serbische Zivilbevölkerung in Städten wie Nis, Surdulica, Aleksinac. Tote und Verletzte, zerstörte Einfamilienhäuser, verwüstete Fabriken, Strassen und Schulen – alles sehr nah, geradezu intim.

Wie stand es um die Glaubwürdigkeit dieses Materials? Bilder sagen doch mehr als tausend Worte. Aber sagen sie 1000 Wahrheiten oder Lügen?

Ich fand die Bilder parteiisch, weil kein serbischer Kollege je eine Frage stellte nach den Ursachen dieses Krieges. Nach Verantwortlichen, nach dem grauenvollen Unrecht, das den albanischen Mitbürgern zur selben Zeit geschah.

Ich fand die Bilder gleichzeitig objektiv, weil es für mich kaum ein klareres Statement über den Unsinn eines Krieges gibt, als die Leiche eines Zivilisten, der nie die Wahl hatte.


„Die für mich wesentliche Rolle
des Kriegsberichterstatters:
das Grauen des Krieges darzustellen
und den Opfern eine Stimme zu geben. “


Ich machte aus diesem Material verschiedene Filme, und mutierte plötzlich zur Stimme der serbischen Zivilbevölkerung. Alle Berichte, die ich zuvor mit (hoffentlich) Sachlichkeit und Anteilnahme gemacht hatte, zählten nicht. Mir wurde, sehr persönlich, der „Spiegel“ mit den Zeichnungen zur Operation Hufeisen um die Ohren gehauen. Warum? Die Tatsache, dass ich halbe Jugoslawin, halbe Serbin bin, machte mich halb verdächtig in Sachen Menschenrechte. In der oft hysterisierten öffentlichen Diskussion wuchs ich, nicht freiwillig, in die Rolle der Anti-

NATO-Lobbyistin hinein. Meine Arbeit war plötzlich ideologisch besetzt – die personifizierte Ausgewogenheit der Berichterstattung.

Warum dieser persönliche Ausflug? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass jede Berichterstattung über Krieg und Frieden mit der Glaubwürdigkeit des Reporters steht und fällt. Marcel Ophuls, der Dokumentarist, hat einmal gesagt, dass Kriegskorrespondenten die „Widerstandskämpfer von heute“ seien. Ich stimme vorsichtig zu: es gibt keinen anständigeren Platz als den des Störenfrieds, der im Widerspruch steht zum Anliegen von Regierungen und Militärs und organisierten Gruppen, den Krieg in ihrem Sinne interpretieren zu lassen. Genau so wichtig aber wie die Frage: wo stehe ich und wer gehört zu mir? ist die Frage: was passiert hier eigentlich?

Und deswegen möchte ich eins sehr deutlich betonen: ich halte nichts davon, aus der Kriegsberichterstattung eine besondere Kategorie zu machen. Es sind nicht plötzlich alle journalistischen Regeln außer Kraft gesetzt.

Kriegsberichterstattung fordert genau wie jede andere eine bestimmte ethische Grundhaltung: fair zu berichten, möglichst über das, was man selbst gesehen und gehört hat oder die Quellen nennen und erklären, warum man ihnen vertraut. Und klar sagen, dass wir den Krieg – wie jede andere Realität, nur sektoral, nie ganz abbilden.

Reporterarbeit ist Beinarbeit. Daher habe ich den größten Respekt vor jenen Kollegen, die tatsächlich vor Ort, on the ground sind, selbst erleben, wovon sie erzählen, und nicht in den berühmten Hotels im Hinterland sitzen, von wo aus dann Material angekauft und bearbeitet wird. Ich weiß, dass die Quantität der Nachrichtenproduktion die authentische Reporterarbeit immer stärker behindert, aber die „Beinarbeit“ sollte gerade in Krisengebieten die Norm sein, nicht die Ausnahme.

Kriegsberichterstatter, ich beobachte es seit dem Golfkrieg, treten in vielen Rollen auf. Die für mich wesentliche: das Grauen des Krieges darzustellen und den Opfern eine Stimme zu geben. Wir müssen Tote, Verletzte, Verlassene bis zur Schmerzgrenze zeigen. Denn die Schmerzen der Opfer sind nun mal grenzenlos.

Ein Handwerk, das aus dem Elend anderer schöpft, könnte man zynisch sagen. Aber wer, wenn nicht die Journalisten, soll Zeugnis ablegen?

Heißt das, die gebotene Objektivität verlieren? Absolut nicht, es ist meiner Meinung nach „objektiv“ geboten, sich zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit zu entscheiden. Objektiv heißt nicht neutral. Und fair heißt nicht, von einem Gleichgewicht zwischen Opfer und Aggressoren auszugehen.

Ich weiß, dass auch meine überzeugendsten Worte mit meinen stärksten Bildern den ersten Tschetschenienkrieg nicht um eine Stunde verkürzt haben. Aber ich weiß auch, dass es für unsere Politiker schwerer war, sich aus einer Mitverantwortung davonzustehlen und zu verdrängen. Wir können dazu beitragen, die Konsumenten unsere Nachrichten kompetenter und kritischer zu machen. Ihnen beibringen, Nachrichten in Kriegszeiten zu mißtrauen.

Ich will es schwer machen, wegzusehen. Im Dezember 95, um die Weihnachtszeit, kam es zu einem Massaker in der Stadt Gudermes, etwa 30 Km von Grosny entfernt. Dutzende Männer, Frauen und Kinder wurden willkürlich von der russischen Soldateska grauenvoll umgebracht. Es war die Weihnachtszeit, und die deutsche Öffentlichkeit, wie auch die übrige westliche „trug“ nicht Tschetschenien, es war gerade mal wieder aus den Schlagzeilen. Ein deutscher OSZE-Offizier, der kurz nach dem Vorfall in Gudermes war und die Opfer sah, kam nach Moskau, erzählte mir davon, mit einer ungeheuerlichen Wut. Er sprach von Genozid, von bewußten Menschenrechtsverletzungen und von der Unmoral der westlichen Regierungen, die Boris Jelzin weiterhin Kredite gaben und somit seinen Kurs rechtfertigten.

Mit diesem Mann machte ich ein Interview, stellen Sie sich bitte vor, ein deutscher Offizier, der Zeugnis ablegte, weil er nicht anders konnte. Der Bericht verdarb vielen Leuten im Auswärtigen Amt die Weihnachtsferien und – allererste kleine Geste, dass etwas geklickt hatte – die OSZE wurde in Deutschland plötzlich als „Moralische Instanz“ wahrgenommen. Die Mitglieder der Mission in Grosny wurden prominent, das half ihnen wiederum bei ihrer Arbeit mit den Russen und Tschetschenen. War das Kriegs- oder Friedensberichterstattung? Ich weiß es nicht.

Schwer machen wegzusehen. Während des Kosovokrieges hieß das zu oft: Gefühlskitsch. Die Medien spalteten die Opfer in zwei Klassen: gute (Albaner) und selbstverschuldete (Serben). Trauerumflorte Kinderaugen, weinende Flüchtlingsfrauen, unterlegt von tragischer Musik, dazu die passenden Sprachleichen: „Das Drama spitzt sich bedenklich/ gefährlich zu, die Gewalt der serbischen Mordmaschine, die mörderische Gewaltmaschine der Serben“. Dazu lange Reihen von Vertriebenen, möglichst als Masse, ohne jede Individualität. Ich weiss noch, wie ich mich freute, als ein Kollege des bayerischen Rundfunks endlich anfing, Interviewpartnern einen Namen zu geben – und nicht einfach vom Kosovoalbaner sprach.

Je klarer und präziser unser Reporterblick ist, umso glaubwürdiger ist unser humanistisches Anliegen. Genauigkeit, Genauigkeit und nochmals Genauigkeit.

Unabhängig vom Geschwindigkeits- und Quotendruck, unabhängig von Interessensgruppen.

Ein Schlussgedanke. „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit?“ Vorsichtig, so stark scheint mir die Wahrheit zu Friedenszeiten auch nicht daherzukommen, sonst käme es vielleicht nicht zu Kriegen.


  • Sonia Mikich studierte Soziologie und Politologie und ist seit 1984 in der Auslandsredaktion des WDR als Reporterin und Redakteurin tätig. Erste Krisenberichterstattungen aus Russland, Lettland, Westbanks/Israel und Simbabwe. Von 1992 bis 1998 war sie Korrespondentin, später Studioleiterin im ARD-Studio Moskau mit dem Schwerpunkt Kriegsberichterstattung (Tschetschenien, Karabach, Afghanistan, Tadjikistan). Für ihre Berichterstattung im Sinne der Völkerverständigung erhielt Sonia Mikich 1996 den Medienpreis Telestar und 1998 das Bundesverdienstkreuz. Seit April 1998 ist Sonia Mikich Studioleiterin in Paris.
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