Im Dezember weniger recherchieren?

„Profit-Center“ Archive: Die Verknappung des Gutes Recherche. Und die Auswirkungen für die Freien.

Bei der Umwandlung von Abteilungen in „Profit Center“ fängt der Westdeutsche Rundfunk mit seinen Archiven an. Damit wird ausgerechnet das verteuert und verknappt, was ohnehin schon vernachlässigt und schlecht bezahlt ist: die Recherche. Bittere Folgen drohen vor allem den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die Abteilung Dokumentation und Archive bisher am intensivsten nutzen.

Denn in Zukunft sollen die Kosten der Archivbenutzung den Redaktionen berechnet werden, gestaffelt nach dem Aufwand, der getrieben wird. Ob ein recherchierender Programm-Mitarbeiter nun fünfzig Zeitungsartikel findet und kopiert, eine Datenbankrecherche macht, das passende Buch zu seinem Thema sucht, oder Bilder, Geräusche, Töne, Musiken für den Hörfunk und das Fernsehen auswählen will: Alles hat seinen Preis. Und immer wird die Frage der betreffenden Redaktion lauten, ob das denn wirklich alles nötig ist. Denn je aufwendiger die Recherche, desto mehr wird der Jahresetat der Redaktion belastet.

Genau die Frage, ob ein großer Aufwand denn nötig sei, ist aber auch beabsichtigt, sagt Hans Gilles, der in der betroffenen Abteilung für die Umwandlung in ein „In-House-Service Center“ mit zukünftiger „Vollkostenrechnung“ zuständig ist. Wenn er über das Projekt spricht, dann hagelt es Fachausdrücke aus Betriebswirtschaft und Marketing. „Punktgenau“ soll eine „bessere Ressourcensteuerung“ „transparent“ und „kundenorientiert“ eine „professionelle Reduktion von Rechercheanfragen“ erreichen. Weiter Seite 14 Dabei ist alles ganz einfach. Die Abteilung ist überlastet, aber die WDR-Chefs wollen oder können die Abteilung und ihre Leistungen nicht mehr erweitern. Mehr als die bisherigen 140 Mitarbeiter sind nicht drin. Also muß der Mangel verteilt und die Not auf kreative Weise verwaltet werden.

Beispiel Filmarchiv

Beispiel Filmarchiv. Die drei Dokumentare im Benutzerdienst bearbeiten laut Gilles derzeit monatlich 1800 Projektrecherchen, von der Suche nach einem einzelnen Film-Bildmotiv bis zur Auswertung des Archivbestandes für ein Breloer-Dokudrama. Durchschnittliche Bearbeitungszeit laut Gilles: 20 bis 25 Minuten.

Als die Redaktion „ZAK“ sich darauf verlegte, Schnipsel aus Archivkonserven zu Politsatire umzutopfen und dazu wöchentlich hunderte von Videokassetten zum trickreichen Schnitt-Recycling anforderte, wurde ein Tag pro Woche zum „ZAK“-Tag: Die Dokumentare waren dann für Mitarbeiter anderer Sendungen kaum ansprechbar.

Seitdem ist das Programm, zum Beispiel mit dem ARD-Frühstücksfernsehen, noch erheblich ausgeweitet worden. „Phoenix“ und der „Kinderkanal“, „Verdammt lang her“ und „Parlazzo“, all diese „Kunden“ wollen sich vor allem aus dem Archiv bedienen. In der „Servicestelle“ Filmarchiv werden dafür künftig die Kosten dem jeweiligen Etat angelastet. Was dazu führen soll, daß die „Kunden“ ihre „ungebremste Inanspruchnahme“ auf eine „professionelle Art“ zurückschrauben, so Gilles.

Wie dies mit Hilfe der neuen Archivgebühren für die Redaktionen geschehen soll, ist aber unklar. Denn die Redaktionen, die bisher die Archive am stärksten genutzt haben, sollen dafür den höchsten Etat eingeräumt bekommen. Benachteiligt sind also Redaktionen, die bisher wenig im Archiv recherchiert haben, das aber in Zukunft mehr machen wollen. Solche dagegen, die bisher verschwenderisch mit der Ressource Archiv umgegangen sind, werden dafür in Zukunft mit einem hohen Budget für die Archivrecherche belohnt.

Probleme für die Freien

Schwieriger wird die Arbeit in Zukunft vor allem für die Freien Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Da droht zunächst einmal der Gang zur Redaktion, die eine Archivrecherche genehmigen müßte – zusätzlicher Zeitaufwand für die Freien und die Redaktionen, die sie leider niemandem in Rechnung stellen können. Erklärungen werden nötig: Müssen es für den Dreiminüter wirklich 50 Hintergrundartikel, 20 Fotos, 30 Videokassetten und fünf Bücher zu vier Suchstichworten sein, die der/die Freie auswerten will? Mögliche Folgen: Die Recherche wird abgelehnt – oder die Sache hat sich erledigt, bevor sich die Redaktion überhaupt damit befassen konnte.

Vielleicht kommt es dabei sogar auf die Jahreszeit an: Im Dezember hat die Redaktion womöglich ihr Archivbudget schon verbraucht und verhängt eine Sperre. Oder aber es ist noch viel Archivetat übrig, der verpulvert werden muß, damit das Geld der Sendung nicht im folgenden Jahr weggenommen wird. Dann könnte die Redaktion im Dezember wieder verschwenderisch sein. Gilles wäre das sogar recht. Er hofft, daß ihm in Zeiten von Spitzenbelastungen zusätzliche Aushilfskräfte genehmigt werden, finanziert von den Archivgebühren, die den Redaktionen angeschrieben werden.

Übersehen wird bei dem Vorgehen des gebührenerhebenden „Service-Centers“: Weder Angestellte noch freie Mitarbeiter haben etwas davon, ihre Zeit mit dem Anschauen und Abhören von allzuviel Archivmaterial zu verbringen. Bisher halten sich die meisten also schon aus eigenem Interesse beim Bestellen von Material zurück. Für einen höheren Rechercheaufwand gibt es in der Regel ohnehin nicht mehr Geld für die freien Autorinnen und Autoren.

Künftig noch Recherche zur Ideenformulierung?

In der WDR-Diskussion um freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Archiv taucht immer wieder eine Horrorfigur auf: Der Freie, der im WDR-Archiv ohne Redaktionsauftrag recherchiert und seine Erkenntnisse anschließend bei RTL verwertet. Vergessen wird dabei aber ein viel häufigerer Fall: Der Freie, der sich im WDR-Archiv ohne Auftrag über ein Thema informiert, das er WDR-Redaktionen zur Realisierung anbieten will. Recherche zur Ideenfindung und zur Konzeption von Sendebeiträgen also. Typische Fragestellungen dabei an das Archiv: Sichten, was zum Thema schon gelaufen ist, Hintergrundinformation, Suche nach Inspiration, nach einem Blickwinkel, mit dem im Programm bisher die Sache noch nicht gesehen wurde. Kreative Arbeit also, die die Freien aus ökonomischem Eigeninteresse machen und auf die ein Informationssender angewiesen ist, der die erste Reihe der Zuschauer bedienen will.

Die Recherche zur Ideenformulierung ist zwar auch Hans Gilles wichtig, dem „Service-Center“-Beauftragten der Archive. Er hat aber keine Lösung, wie sie in Zukunft ermöglicht werden kann. Derzeit kann er sich jedenfalls nicht vorstellen, daß in Zukunft noch irgendjemand ohne konkreten Redaktionsauftrag die Abteilung „Dokumentation und Archive“ nutzt.

Von der WDR-Chefetage ist wohl kein Lob für ein ausgiebiges und sinnvolles Nutzen der Archive zu erwarten. Der Intendant, der laut den Nutzen einer Bibliothek für einen Sender in Frage gestellt hat, ist zwar inzwischen im Ruhestand. Nicht dagegen der Chefredakteur, der seiner Abteilung einen Brief schrieb und mahnte, doch bitte weniger Filme aus dem Archiv auszuleihen.

 

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