Informationsquelle oder Spielwiese

re:publica: Ein mediales Massenereignis mit Kick am Klick

Die re:publica hat sich etabliert, entsprechend massiv ist die Resonanz in den Medien. Der Tagesspiegel schreibt von „der wichtigsten und größten Internet-Konferenz in Europa“. Nicht nur Spiegel Online und WDR-Online begleiten die Veranstaltung mit ganzen Dossiers. Selbst in der Berliner U-Bahn erhielten die Fahrgäste über Monitore drei Tage lang Berichte aus der Netzwelt.

Foto: republica / Gregor Fischer

Die Veranstalter zählten dieses Jahr über 6.000 Teilnehmer, rund 1.000 mehr als im Vorjahr. 40 Prozent davon weiblich. Zur internationalen Prominenz der diesjährigen Berliner Veranstaltung zählten die Ex-Ehefrau von Mick Jagger, Bianca Jagger und der singende Schauspieler David Hasselhoff. Gemeinsam mit der re.publica fand erstmals die Medien Convention mit 30 Veranstaltungen statt. Sie wurde bisher als Medienwoche im Rahmen der Internationalen Funkausstellung IFA ausgerichtet.
„Into the wild“ lautete das Motto der achten re:publica. Dank Snowden wisse man, dass man sich im Internet zugleich immer auch in eine Wildnis begebe, beschrieb Andreas Gebhard, Geschäftsführer der re:publica das Motto. Entsprechend wurde die Veranstaltung mit der Forderung nach Asyl für Edward Snowden eröffnet. Zweifelsfrei hat die NSA-Affäre diese re:publica geprägt. Jetzt „geht es auf der re:publica zunehmend um Politik und Gesellschaft“, schrieb Spiegel Online. Die Nachrichtenagentur dpa sprach von der „größten Tagung von Netzaktivisten“ und die taz sah in der Veranstaltung sogar eine „Gesellschaftskonferenz“. „Es geht um Herrschaft, es geht um Macht und Kontrolle“, meint der Deutschlandfunk.

Kritik an Sponsoren. Die einst als Blogger-Treffen gestartete dreitägige Konferenz befasst sich zwar inzwischen mit allen Aspekten der digitalen Gesellschaft. Dafür sorgten 350 Redner auf 18 Bühnen parallel. Sicherheit im Netz war ein durchgängiges Thema. Aber der von einigen Medien behauptete politische Vordergrund war nur bedingt zu erkennen.
Gesponsert wurde der Kongress vorrangig von Daimler und Microsoft. Die großen Konzerne haben die Relevanz längst erkannt: „Die Besucher der größten Internetkonferenz des Landes sind offenbar eine begehrte Zielgruppe für Unternehmen“, schreibt SpiegelOnline. Tausende Menschen, begeisterungsfähig für neue Technologien, wollen sie sich nicht entgehen lassen. Daimler stellte neue Fahrzeugkonzepte vor, Microsoft präsentierte neue Tablet-Technologien. Eine Antwortsuche nach dringenden gesellschaftlichen Problemen sieht anders aus. Dass mit Daimler zugleich ein Rüstungskonzern und mit Microsoft ein IT-Monopolist zu den Sponsoren gehört, führte wiederholt zu Kritik.

Teilnehmen heißt nicht Teilhaben

Ursprünglich als Erfahrungsaustausch der Blogger-Szene gedacht, hat sich die re:publica zu einem Massen-Event entwickelt. Mit Blogs haben die meisten Besucher nichts zu tun. Hier begegnen sich Menschen, für die das Internet eine Rolle spielt, aber für jeden eine andere. „Kraut und Rüben“ sei die Stärke der re:publica, schreibt Zeit-Online, das spiegelt sich auch beim Publikum wider. Spaß im Netz oder Spaß mit dem Netz bildet für viele das treibende Moment und hin und wieder auch ein politischer Anspruch. Für manche ist das Netz Artikulationsbasis, für andere Informationsquelle oder Spielwiese. Spielwiese, um sich auszuprobieren; auf der Suche nach der eigenen Identität, auf der Suche nach Suchkriterien, gesteuert von Suchmaschinen. Andere treibt der Job, vielleicht in einer PR-Agentur, dorthin, um zu wissen, was die avisierte Klientel anspricht.
„Es ist unser Netz, lasst es uns gemeinsam zurück erkämpfen“, forderten die Veranstalter zur Eröffnung. Auch Blogger Sascha Lobo forderte das Publikum in seinem Vortrag zum Handeln auf. Doch allzu oft beschränkt sich dieses auf Kommentare in Foren oder Online-Petitionen. Die Klick-Kompetenz als Ermächtigung des mündigen Bürgers: Teilnahme am Klick ist für viele Teilhabe am Kick. Von Flattr und Crowdfunding leben, ergibt ein fragiles Zukunftsmodell ohne Einkommensgarantie und soziale Absicherung. Blogs und Plattform-Artikel werden zumeist für umsonst geschrieben. Die sozialen Arbeitsbedingungen im virtuellen Raum hinken weit hinter denen der physischen Arbeitswelt hinterher und die sind oft schon erbärmlich. Entsprechende Kräftebündelung wäre nötig, um den Machtverhältnissen etwas entgegenzusetzen. Ohne Kämpfe wird das nicht gehen. Das Netz ermöglicht neue Kampfformen, aber erfolgreiche Kämpfe erfordern erhebliche Anstrengungen, daran ändert das Netz nichts.
Hinter den sozialen Netzwerken stehen milliardenschwere Netzgiganten, hinter zahlreichen Startups lauert Venture-Kapital aus Steueroasen. In vielen Foren und Blogs schreiben PR-Agenturen für ihre Auftraggeber geschönte Kundenmeinungen und manipulieren Wikipedia-Einträge. Um die öffentliche Meinung gegen Lokführerstreiks aufzubringen, soll die Deutsche Bahn 2007 rund 1,3 Millionen Euro ausgegeben haben. Astroturfing, Green- und White-Washing heißen die modernen Kommunikationskonzepte. Ihr PR-bezogener Kommunikationsbegriff orientiert sich nicht an Information, sondern an Manipulation.

 

nach oben

weiterlesen

Als Journalisten verkleidete Animateure

Die Otto-Brenner-Stiftung stellte im Rahmen des Mainzer Mediendisputs am 2. März ihre neueste Veröffentlichung „Journalist oder Animateur – ein Beruf im Umbruch“ vor. Hans-Jürgen Arlt, gemeinsam mit Wolfgang Storz Autor des Arbeitspapiers, erklärt im Interview mit M, was Journalismus von Animationsarbeit unterscheidet und warum es so wichtig ist, den Journalismus zu verteidigen.
mehr »

100 Jahre Wissenschaft für Kommunikation an der Universität Leipzig

Das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (KMW) der Universität Leipzig steht in unmittelbarer Nachfolge des am 1. November 1916 von Karl Bücher gegründeten „Instituts für Zeitungskunde“. Es war der Start universitärer Forschung zu Massenmedien und -kommunikation in Deutschland. Heute gehört es neben Instituten in Berlin, Mainz und München zu den großen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen hierzulande. 100 Jahre später trafen sich Medienprofessoren und –experten zu einem wissenschaftlichen Symposium in Leipzig, in dem sie die wechselvolle Geschichte des heutigen Instituts für KMW beleuchteten.
mehr »

Silvesternacht in Köln – Symbol und Lehrstück

„Köln“ ist ein Symbol geworden für „sexuelle Übergriffe nordafrikanischer Männer auf deutsche Frauen“ und ein Lehrstück für die Medienberichterstattung. Diese ließ sich Deutungsmuster aufzwingen – nicht nur durch Hetze in sozialen Medien, sondern auch von Verlautbarungen aus Politik und Polizei. Fairness und Vielfalt blieben auf der Strecke. Zu diesen Ergebnissen kommt die Salzburger Medienwissenschaftlerin Ricarda Drüeke in ihrer Studie „Zu den TV-Nachrichten in ARD und ZDF über die Silvesternacht 15/16 in Köln", die sie im Auftrag des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus &Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat.
mehr »

Rassismus oder Schweigekartell

Seit der sexuellen Gewalt in der Silvesternacht in Köln stellen Redaktionen ihren Umgang mit der Herkunft von Straftätern in Frage: Nennen oder nicht? Am 9. März wird auch der Presserat über die ethischen Spielregeln der Kriminalitätsberichterstattung diskutieren. Denn: Die Ziffer 12.1 des Pressekodex, nur bei einem „begründbaren Sachbezug“ zur Tat die Nationalität zu nennen, polarisiert unter dem Druck in sozialen Medien mehr denn je – unumstritten war sie noch nie.
mehr »