Nur selten eine Selbstverständlichkeit

Neue Vergütungsregeln für Freie anerkannt und auch ignoriert

Seit dem 1. Februar 2010 gelten neue Vergütungsregeln für freie hauptberuflich tätige Journalistinnen und Journalisten an Tageszeitungen. Erfreulich ist, dass etliche Verlage diese zwischen den Gewerkschaften und den Verlegerverbänden ausgehandelten Mindesthonorare ohne Wenn und Aber umsetzen. Aber es gibt auch andere, wie die in Journalistenkreisen zu trauriger Berühmtheit gelangte Frankenpost. Deren Chefredakteur kegelt Freie auf höchst zynische Art und Weise hinaus.

Die Hitliste der guten Beispiele führt die Bremer Tageszeitungen AG an. Deren Buchhaltung schrieb einen freundlichen Brief an die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bat um Nachweise der hauptberuflichen Tätigkeit. Sie sagte eine Prüfung der Honorareinstufungen „nach den seit dem 1.2.2010 gültigen gemeinsamen Vergütungsregeln“ zu und weiter: „Sollte die höhere Honorareinstufung für Sie zutreffen, honorieren wir selbstverständlich die Differenz der seit Februar gezahlten Honorare nach.“ Auch die Kieler Nachrichten signalisierte eine schnelle Umsetzung der neuen Honorarsätze. Die Stadtrundschau Ostfildern (18.000 Auflage) will sich bei einer ohnehin geplanten Honorarumstellung freiwillig an den Vergütungsregeln orientieren.
Was für die einen selbstverständlich ist und von der Wertschätzung der Arbeit der Autoren zeugt, ist anderen einen Versuch wert, Freien künftig Aufträge zu versagen. So geschehen bei der Frankenpost in Hof. Zwei langjährige freie Mitarbeiter haben hier die neuen Vergütungsregeln geltend gemacht. Postwendend kam die an Zynismus kaum zu übertreffende Antwort des Chefredakteurs Johann Pirthauer: „Sehr geehrte …, haben Sie Dank für Ihr großzügiges Angebot, auf das wir leider nicht zurückgreifen können. Ich wünsche Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute.“ Die Redaktion der Frankenpost erhielt zudem die Anweisung, von den beiden Autoren keine Beiträge mehr zu veröffentlichen. ver.di wird gegen diese dreiste Art der „Auftragskündigung“ mit allen Mitteln vorgehen.
ver.di erreichen zurzeit viele Mails, in denen freie Kollegen ihre miese Bezahlung sowohl bei Texten (unter 10 Cent!) als auch bei Fotos (doch ganze 4 Euro!) schildern. „Wir versuchen dann, diesen Kollegen Mut zu machen. Und wir brauchen noch mehr Hinweise – positive, um sie bekannt zu machen und negative, um vor Ort dem Recht Geltung verschaffen zu können“, fordert Inez Kühn, Bereichsleiterin Medien in der Bundesverwaltung, die Kolleginnen und Kollegen auf. Die Gewerkschafterin zeigt sich „erschüttert über die offensichtliche Unkenntnis in manchen Chefredaktionen“. In diesem Zusammenhang verweist Kühn darauf, dass die auf dem Urheberrecht basierenden Mindesthonorare rechtlich bindend sind.
ver.di arbeitet in vielen Bundesländern inzwischen aktiv an der Aufklärung. Die Gewerkschaft bietet Info-Versammlungen für Freie, aber auch für Betriebsräte an Tageszeitungen an. Beraten wird unter anderem über ein möglichst gemeinsames Vorgehen der Freien an der jeweiligen Zeitung. Dass ver.di-Mitglieder fachkundig beraten und rechtlich unterstützt werden, versteht sich dabei von selbst.
Wie es gelingt, die Vergütungsregeln umzusetzen, kann auch davon abhängen, wie Journalist/innen ihre Gewerkschaft informieren. Wendet Euch an ver.di vor Ort (Adressen: http://dju.verdi.de) oder an die Bundesverwaltung. Fordert Unterstützung! Berichtet von Euren Erfahrungen! Nutzt die Informationen unter:
http://dju.verdi.de/freie_journalisten/vergutungsregeln

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

„Paragraph gefährdet Pressefreiheit“

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat gegen den Journalisten und Chefredakteur von FragDenStaat, Arne Semsrott, Anklage erhoben. Sie wirft ihm vor, drei Dokumente aus einem laufenden Ermittlungsverfahren im Netz veröffentlicht zu haben. Damit soll Semsrott gegen den §353d Nr. 3 Strafgesetzbuch verstoßen haben. Der verbietet die wortgetreue Veröffentlichung von Passagen amtlicher Dokumente aus laufenden Ermittlungsverfahren. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und Strafverteidiger Lukas Theune unterstützen Semsrott und FragDenStaat in dem Strafverfahren.
mehr »

Berlinale-Tipp: Georgiens erste Filmemacherin

Eine der führenden Regisseurinnen der früheren Sowjetunion, Lana Gogoberidze (95) folgt in ihrem autobiografischen Dokumentarfilm „Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete“ den Spuren ihrer Mutter Nutsa Gogoberidze (1902 – 1966), Georgiens erster Filmregisseurin. Zehn Jahre war Nutsa im Gulag inhaftiert und ihr Werk galt als verschollen. Doch 2013 wird ihre Tochter Kopien zweier ihrer von der sowjetischen Zensur weggeschlossenen Filme entdecken.
mehr »

Berlinale: Protest für gute Tariflöhne

„Kein Film ohne uns“, „Kein Kino ohne uns“, tönte es bei der gestrigen Eröffnung der Berlinale über den Potsdamer Platz. Rund 150 Filmschaffende und Kinobeschäftigte aus dem gesamten Bundesgebiet setzten ein Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen und gute Tariflöhne. Die Gewerkschaft ver.di hatte den "Union Day"-Protest organisiert und rief gleichzeitig zu Streiks in zwei großen Kinoketten auf.
mehr »

Politischer Journalismus im Wandel

Politik und Journalismus stehen angesichts von Krisen und Kriegen vor großen Herausforderungen. Das Vertrauen in Medien sinkt. Speziell dem Hauptstadtjournalismus wird oft zu viel Nähe zur Regierung, zu wenig Nähe zu den Menschen nachgesagt. „Die Meute von morgen: Wie verändert sich politischer Journalismus?“ - unter diesem Titel diskutierten am 13. Februar Journalist*innen und Medienwissenschaftler*innen am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.
mehr »