Re:publica TEN diskutiert über Arbeit der Zukunft

re:publica-Session "Big Data und Arbeitnehmer: Zwischen Selftracking & Corporate Panopticon" mit Andrea Kocsis, Johannes Kleske und Andreas Dewes (v.l.n.r.)
Foto: Martha Richards

Arbeit 4.0, Arbeit der Zukunft oder Digitalisierung der Arbeit. Drei Begriffe, die dieselbe Problematik beschreiben: Wie können wir – Gesellschaft, Politik und Gewerkschaften – die Auswirkungen, die die Digitalisierung auf Arbeitsformen und -prozesse hat, sozialverträglich und ohne dass dabei seit langem etablierte Standards des Arbeitnehmerschutzes verloren gehen, gestalten? Dieser Frage wurde auf der re:publica TEN in zwei Panels nachgegangen, die in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung als externer Partner realisiert wurden. Als Podiumsgast geladen war auch die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis.

Um Impulse für die Debatten in Politik, Gewerkschaften und Unternehmen zu geben, hatte die Hans-Böckler-Stiftung bereits im Mai vergangenen Jahres die Kommission Arbeit der Zukunft ins Leben gerufen. Deren Aufgabe ist es, Herausforderungen und Perspektiven für die Gestaltung der Arbeitswelt in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren zu beschreiben. Ihren Abschlussbericht wird sie im Frühjahr 2017 veröffentlichen. Unter dem Motto „Weiterdenken. Mitgestalten. Mitbestimmung“ hat die Stiftung nun auf dem zehnten Geburtstag der re:publica deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Zukunftsdebatte darüber eingeladen, wie wir künftig leben und arbeiten wollen. Denn: „Themen und Begriffe von Gewerkschaftswelt und Netz-Community scheinen auf den ersten Blick weit auseinanderzuliegen. Aber in Wirklichkeit drehen sie sich um ähnliche Fragen, wenn es um die Arbeit der Zukunft geht.“ In zwei Diskussionsrunden wurden die Auswirkungen von Crowdworking und Big Data auf Arbeit- bzw. Auftragnehmer_innen beleuchtet und nach Lösungen und Perspektiven gesucht.

Crowdsourcing ist Outsourcing – Arbeitnehmerrechte in der Cloud?

In der Session „Crowdworking behind the screen – Clickworking & Labor Rights“ erläutert die Zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner, weshalb sich auch die IG Metall als Industriegewerkschaft mit dem Themenkomplex Crowdworking und Clickworking beschäftige. Crowdsourcing sei Outsourcing. Viele Industrieunternehmen würden zunehmend Aufgaben an Crowdworker übertragen. Dies sei damit zudem ein originäres Gewerkschaftsthema, da Arbeitsbedingungen und kollektive Vereinbarungen auf diese Weise unterlaufen würden. Benner sieht im Phänomen Crowdworking eine Gefahr für Betriebsräte und Kollektivverträge, Grundpfeiler gewerkschaftlicher Arbeit und der Arbeitnehmerinteressenvertretung also. Grund genug für die größte deutsche Gewerkschaft, Crowdworking zu ihrem Thema zu machen und unter anderem die Rating-Plattform faircrowdwork.org ins Leben zu rufen. Hier können Clickworker die Crowdworking-Plattformen, für die sie arbeiten, bewerten. Kriterien sind vor allem eine angemessene Vergütung und faire Arbeitsbedingungen. Benner betont, dass es diese Plattform den Clickworkern zudem ermögliche, miteinander in Kontakt zu treten. Die allermeisten Crowdworking-Plattformen würden dies in ihren AGB’s verbieten. Überhaupt seien diese AGB’s sehr einseitig ausgestaltet. Von einem Arbeitsvertrag auf Augenhöhe könne man in diesem Fall nicht mehr sprechen. Die IG Metall versuche deshalb, so Benner, bei den einzelnen Plattformanbietern faire AGB’s und damit Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Eine Aufgabe, die allerdings dadurch erschwert werde, dass viele Clickworker ihre Situation lieber stillschweigend hinnehmen anstatt sich zu organisieren oder den Plattformanbieter gar zu verklagen.

"Crowdsourcing ist Outsourcing" sagt Christiane Benner von der IG Metall auf der re:publicaFoto: Martha Richards
„Crowdsourcing ist Outsourcing“ sagt Christiane Benner von der IG Metall (erste v.l.) auf der re:publica
Foto: Martha Richards

Benner sieht die Herausforderung demnach darin, die Auftragnehmer_innen selbst zu mobilisieren, sich für ihre Rechte zu engagieren. Beim Thema Leiharbeit habe sich bereits gezeigt, dass die Gewerkschaften in der Lage seien, die Arbeitsbedingungen prekärer Beschäftigtengruppen zu verbessern. Voraussetzung hierfür sei jedoch das richtige Zusammenspiel zwischen politischer Intervention und Eigeninitiative der betroffenen Auftragnehmer_innen. Die Gewerkschafterin zeigt Unverständnis darüber, dass es bisher nicht gelungen ist, ein sozialverträgliches Modell für die Arbeit in der Crowd zu entwickeln. Es bestehe schließlich kein Widerspruch zwischen Crowdworking und fairen Arbeitsbedingungen. Die Clickworker fordert sie deshalb auf, endlich ihre Stimme zu erheben und von der Politik erwartet sie, dass das soziale Sicherungssystem auch für diese Beschäftigtengruppe geöffnet wird.


Beratung für Crowdworker

Unter ichbinmehrwert.de bietet ver.di einen Beratungsservice für Cloudworker an


Big Data versus Persönlichkeitsschutz

Doch die Rechte von Arbeit- und Auftragnehmer_innen, die wir längst als sicher glaubten, werden im Zuge der Digitalisierung nicht nur durch das Phänomen Crowdworking in Frage gestellt. Big Data mit seinen Unmengen an durch undurchschaubare Algorithmen erhobenen Daten stellt wie ein zweischneidiges Schwert nicht nur eine Chance für Produktivitäts- und damit Wohlstandssteigerungen dar, sondern gefährdet zunehmend auch den Persönlichkeitsschutz der Arbeitnehmer_innen. In der Session „Big Data und Arbeitnehmer: Zwischen Selftracking & Corporate Panopticon“ warnt der Datenwissenschaftler Andreas Dewes davor, dass unsere Rückzugsräume in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren stark abnehmen werden. Es herrsche schon jetzt eine regelrechte Datensammelwut. Daten würden nicht auf Grundlage der Prozesse, die damit optimiert werden sollen, gesammelt, sondern einfach, weil es technisch möglich sei, diese Daten zu sammeln. In Gesprächen mit Unternehmen stelle er oftmals fest, wie viel Unkenntnis diesbezüglich bestehe. In der Logik des Arbeitgebers müssten das Sammeln und die Analyse von Daten automatisch auch zu einer Produktivitätssteigerung führen. Dabei sage in Wahrheit jedoch nicht jede Form von Datenanalyse auch etwas über die Produktivität des anhand dieser Daten analysierten Beschäftigten aus. Auf der Seite der Unternehmen wie auch in der Gesellschaft selbst müsse deshalb die Sensibilität für einen bewussten Umgang mit Daten und Datenanalyse gestärkt werden. Dewes erkennt durchaus das große Potenzial von Daten und Datenanalyse für die Optimierung von Arbeitsprozessen, bindet die Nutzung dieses Potenzials jedoch an die Bedingung, dass die Privatsphäre der Arbeitnehmer_innen gleichzeitig geschützt werde.

Andrea Kocsis, stellvertretende ver.di-Vorsitzende auf der re:publica: „Wir müssen uns überlegen, ob wir in einer solchen Welt leben wollen, wo wir uns alle gegenseitig überwachen.“Foto: Martha Richards
Andrea Kocsis, stellvertretende ver.di-Vorsitzende auf der re:publica: „Wir müssen uns überlegen, ob wir in einer solchen Welt leben wollen, wo wir uns alle gegenseitig überwachen.“
Foto: Martha Richards

In dieser Frage spielt er den Ball an die Gewerkschaften weiter, vertreten auf dem Podium durch die stellvertretende ver.di-Vorsitzende und Fachbereichsleiterin Postdienste, Speditionen und Logistik Andrea Kocsis. Big Data könne in der Tat Entlastung für die Beschäftigten schaffen, räumt sie ein, aber Problemfelder wie Persönlichkeitsrecht und Persönlichkeitsschutz müssten künftig auch von den Informatikern selbst mitgedacht werden. Die Forschung im Bereich der Datenanalyse müsse auf ganzheitlichen Denkansätzen gründen, in denen den Rechten der Arbeitnehmer_innen nicht weniger Bedeutung zugemessen werde als der Technik und dem Algorithmus. Sei die Beschleunigung von Arbeitsprozessen durch die Digitalisierung auch keine neue Entwicklung, so ist es doch die Frage des Persönlichkeitsschutzes. Ob GPS-Sender für Paketzusteller oder intelligente Datenbrillen für die Beschäftigten in Logistikbetrieben, unter dem Credo der Effizienzsteigerung führt Big Data in vielen Bereichen zu einer permanenten Überwachung der Arbeitnehmer_innen. Die Gewerkschaft ver.di sehe hier Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen, die sehr unterschiedlichen Entwicklungen und Bedürfnisse in den verschiedenen Branchen ließen hingegen keine schnelle Lösung zu. Im Betriebsverfassungsgesetz benennt Kocsis ein erstes Handlungsfeld. Hier gelte es, die nicht mehr zeitgemäßen Bestimmungen den schier ins Unendliche wachsenden Datenmengen anzupassen. Daneben würden auch tarifvertragliche Regelungen angestrebt: „Wir brauchen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten, die auch anders als heute aussehen, und einen guten Arbeitnehmerdatenschutz“, formuliert Kocsis die Position der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Mittel zur Verwirklichung dieser Ziele seien neben dem Betriebsverfassungsgesetz und der tarifvertraglichen Regeln auch Eckpunktepapiere zur digitalen Transformation sowie Innovationsdialoge zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft, um kontinuierlich einen Ausgleich zwischen den Unternehmensinteressen, also der Produktivitätssteigerung, und den Interessen und Belangen der Beschäftigten auszuhandeln. Nicht zuletzt sieht auch sie eine Chance in der Stärkung des gesellschaftlichen Bewusstseins für Daten, den Umgang damit und die Folgen für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Dem Publikum gibt sie mit auf den Weg: „Wir müssen uns überlegen, ob wir in einer solchen Welt leben wollen, wo wir uns alle gegenseitig überwachen.“

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