Von unzumutbaren Arbeitsbedingungen

Foto: Wolfgang Schneider

In der badischen Kleinstadt Lahr am Fuße des Schwarzwaldes wird publizistische Vielfalt mit drei Tageszeitungen noch immer gelebt. Hier erscheinen neben der „Badischen Zeitung“ (BZ), die dem Badischen Zeitungsverlag angehört, die „Lahrer Zeitung“ (LZ) und der „Lahrer Anzeiger“ (LAZ). Produziert werden die beiden tariffreien Traditionsblätter, LZ und LAZ, jedoch unter zum Teil fragwürdigen und unsozialen Arbeitsbedingungen – ein Erfahrungsbericht.

Die „Lahrer Zeitung“ und der „Lahrer Anzeiger“ gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts: Die LZ, die zum Konsortium der Südwestdeutschen Mediengruppe gehört, feierte im vergangenen Jahr ihr 225-jähriges Bestehen. Der LAZ besteht aus einer lokalen Redaktion, die zum „Offenburger Tageblatt“ (OT) gehört, ebenfalls einer der ältesten Zeitungen in Baden-Württemberg. Hinter dem OT steht seit knapp zwei Jahrhunderten die Verlegerfamilie Reiff, der auch noch ein regionaler Radiosender gehört. Ihr jetziger Besitzer, der Reiff-Erbe Peter, gilt in der Branche als sparwütig.

LZ (in toto 20 redaktionelle Mitarbeiter*innen) und BZ (rund zehn Redakteur*innen) sind die beiden Platzhirsche in Lahr, konkurrieren seit vielen Jahren um die alleinige Vorherrschaft am Ort. Der LAZ, die dritte Tageszeitung in Lahr, hat deutlich weniger Abonnenten als die beiden Mitbewerber, die aber ebenso, vor allem die LZ, in den vergangenen zwanzig Jahren Abonnent*innen im großen Umfang verloren haben.

Langjährige LZ-Mitarbeiter*innen meinen, dass es zur Weiterführung der LAZ im Jahre 2006 durch Reiff Medien einzig und allein dadurch kam, weil sich die LZ Anfang der 2000er-Jahre dazu entschieden habe, ihren Mantelteil nicht mehr vom „Offenburger Tageblatt“ zu beziehen, sondern vom in Oberndorf am Neckar sitzenden „Schwarzwälder Boten“. Dieser wiederum erhält seinen Mantelteil von den „Stuttgarter Nachrichten“/„Stuttgarter Zeitung“ (Südwestdeutsche Medienholding). Reines Konkurrenzgebaren von Reiff.

Vielfalt um jeden Preis

Die Leser*innen in Lahr, das rund 47.000 Einwohner zählt, können also zwischen drei Tageszeitungen und zwei kostenlosen Wochenbeilagen wählen. Gut für die Leser*innen, könnte man meinen. Wie aber die Tageszeitungen, die BZ muss hier teilweise ausgeklammert werden, entstehen – auf dem Rücken der Mitarbeitenden nämlich – wissen nur die wenigsten. Dabei herrschen hier bisweilen unhaltbare und ungerechte Arbeitsverhältnisse, die sich etwa in mangelnder Wertschätzung für die Arbeit der Redakteur*innen und Mitarbeitenden, geringen Aufstiegsmöglichkeiten, sehr hoher Personalfluktuation, schlechter Kommunikation zwischen den Beschäftigten, offenbar überforderten Führungskräften und einem miesen Betriebsklima sowie nicht zeitgemäßer Büro-Infrastruktur manifestieren. Ein Blick ins Online-Arbeitgeber-Bewerterportal Kununu untermauert das eindrucksvoll. Neben einigen offensichtlich von den Geschäftsführungen selbst verfassten Beiträgen und Kommentaren finden sich durchweg negative Bewertungen und harsche Kritik an Geschäftsführung, Redaktionsleitern und Kollegen. Einige sprechen gar von Mobbing und systematischem Rausekeln von (kritischen) Mitarbeiter*innen.

Auch das gehört zur viel zitierten „heilen Lahrer Presselandschaft“, von der der Gemeinderat und die Stadt Lahr gerne sprechen. Man sei stolz auf die Vielfalt von Presse und Medien in der Kleinstadt. Unter welchen Verhältnissen und Rahmenbedingungen die Zeitungen produziert werden, wird nicht hinterfragt.

Foto: Wolfgang Schneider

Bei der LZ und dem LAZ produziert ein Redakteur täglich mindestens zwei Tageszeitungsseiten, muss sich um die Terminvergabe kümmern, koordiniert freie Mitarbeiter*innen, macht die Abrechnung, plant seine Seiten, muss selbst auf Termine gehen und soll nebenbei noch crossmedial arbeiten sowie einmal am Tag einen Facebook-Post absetzen. Ergo: Recherche kommt bei der Masse an teilweise redakteursfernen Aufgaben deutlich zu kurz. Die Redakteur*innen leiden unter den Arbeitsbedingungen, sprechen vom „Arbeiten im Hamsterrad“. Bei der BZ, die ein sogenanntes Desk-System hat, werden einige dieser Tätigkeiten teilweise von Sekretärinnen oder von zwei Redakteuren übernommen.

Allein von Januar bis Dezember 2018 haben etwa zehn Redakteure die LZ verlassen (2019 dann nochmals drei), dazu noch einige Vertriebsmitarbeiter. Einige wurden gekündigt ohne Angabe triftiger Gründe und ohne Rücksicht auf die finanzielle und private Situation der Personen. Andere haben keine Perspektiven mehr gesehen und sind gegangen. Solidarität unter den Kolleg*innen? Fehlanzeige. Ältere Mitarbeiter*innen drangsalieren Neue, die etwas verändern wollen und noch viel Leidenschaft für den Job mitbringen. Ein älterer Redakteur hat beispielsweise einen jüngeren beim Chef angeschwärzt, weil dieser mit Kopfhörern am PC saß und angeblich dabei zu laut getippt habe. Oder es wird ganz offenkundig über eine Mitarbeiterin gelästert, weil sie „rieche“. Der Chef duldet das, offenbar, weil die Sticheleien von den alten Hasen kommen, mit denen er es sich nicht verscherzen will.

„Ich hätte mir insgesamt mehr Rückendeckung vom Chef gewünscht“, berichtet ein ehemaliger LZ-Redakteur, der seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte. Ein anderer erklärt: „Ich bin hier versauert und bin froh, dass ich weg bin. Hier zu arbeiten ist Folter für die Nerven gewesen. Das hält man nicht lange aus.“ Diese Kommentare sind nur die Spitze des Eisbergs, verdeutlichen aber das Stimmungsbild in der Redaktion.

Hohe Fluktuation

Wer kann, der verlässt die LZ schnell wieder, die hauptsächlich Volontäre als billige Arbeitskräfte einstellt. Fest angestellte Redakteure sind häufig nach einem Jahr wieder weg. Das geht seit Jahren so und änderte sich auch nicht durch den Geschäftsführerwechsel 2017. Nachdem drei Redakteur*innen die Zeitung verlassen hatten, stellte die LZ Mitte 2019 lediglich einen neuen Redakteur ein.

Nicht nur, dass bei der LZ und beim LAZ für Redakteur*innen zu geringe Löhne bezahlt werden, seit vielen Jahren besteht kein Tarifvertrag und es gibt auch keinen Betriebsrat. Vielmehr sind Strukturen geschaffen worden, die einem am Arbeiten eher hindern als motivieren. Wer etwa bei Reiff einen neuen Schreibtisch oder Arbeitsstuhl benötigt, muss lästige Formulare ausfüllen, Druck machen und auf das Wohlwollen des Vorgesetzten und der Einkaufsabteilung hoffen, dass diese schlussendlich bestellen, was aber nicht immer der Fall ist. Die Kosten für den Presseausweis werden nur teilweise übernommen. Fahrgelder werden mitunter nicht ausbezahlt, obwohl das vertraglich festgelegt ist. Erkrankten Redakteur*innen wird vor allem beim LAZ schnell unterstellt, sie würden „krank feiern“. Überstunden sind eher der Regelfall und lange geplante Urlaube müssen schon mal verschoben werden, wenn der Verlag es so will. Das alles sind klare Zeichen und Indizien, wie wenig Mitarbeitende wertgeschätzt werden beim LAZ bzw. bei Reiff Medien, da sind sich viele (Ex)-Mitarbeitende einig. Wohl auch daher rührt der Spitzname des Verlags: Unreif(f).

Foto: Wolfgang Schneider

Die Lokalredaktion der LAZ, bestehend aus ursprünglich drei Redakteuren, einer Sekretärin sowie zwei Anzeigenverkäufern, wird somit als Kleinbetrieb (unter zehn Mitarbeitende) geführt, für den das Kündigungsschutzgesetz nicht gilt. Damit ist es einfacher, Leute loszuwerden. Geschäftsführer und Redaktionsleiterin haben das Sagen. Deshalb sei der LAZ, wie am Hauptsitz von Reiff Medien in Offenburg immer gern betont wird, eigenständig und unabhängig. Faktisch mag das stimmen. Jedoch wird sehr wohl Einfluss aus Offenburg auf redaktionelle Inhalte und Personalentscheidungen genommen. Oft hat man beim LAZ gehört: „Offenburg will, dass wir die Leser mehr zu Wort kommen lassen“ oder vom Gesamtlokalleiter (Reiff Medien hat fünf Lokalausgaben) ist zu hören, was zur Kommunalwahl gemacht werden soll.

Schlechtes Betriebsklima

Zum schlechten Betriebsklima trägt nicht unerheblich die Leiterin der LAZ-Redaktion bei. Sie hatte 2018 die Leitung übertragen bekommen, und hat seither nicht nur Redakteur*innen entlassen, sondern auch freie Mitarbeiter*innen verloren. Sie entpuppte sich sehr schnell als unkollegial. In den Hauptproduktionszeiten geht sie beispielsweise lieber ausgiebig mit ihrem Hund spazieren als mit anzupacken. Wichtige Entscheidungen werden kaum oder gar nicht kommuniziert, die Angestellten vor vollendete Tatsachen gestellt. Während eines krankheitsbedingten Ausfalls übertrug sie sieben Wochen die Leitung ihrem Stellvertreter, ohne ihn eingearbeitet zu haben. In dieser Zeit kam sie jeden Freitag mit einem neuen Krankenschein rein, torpedierte Ideen und Entscheidungen des Verantwortlichen. Nach einem Vierteljahr „Amtszeit“ der Lokalleiterin wurde der erste Redakteur entlassen, ohne Begründung. Er wurde durch eine junge Volontärin ersetzt, die nun Redakteurin ist. Vier Monate später ist der neue Stellvertreter weg. Die Chemie habe nicht gestimmt beim ersten, der zweite sei angeblich betriebsbedingt gekündigt worden, heißt es von Reiff Medien. Dagegen spricht, dass zu Jahresbeginn 2019 wieder ein dritter Redakteur eingestellt wurde. Seit August erledigt nun eine „freie Dienstleisterin“ die Arbeit des anderen Redakteurs, der zuvor entlassen worden ist. Sie sei günstiger, heißt es.

So gesehen spielt man mit den Mitarbeitenden ein perfides Spiel, wechselt sie einfach aus, sobald sie Widerworte und Verbesserungsvorschläge geben. Leicht machbar durch die Arbeitsverträge auf der Grundlage der Regelungen für Kleinbetriebe, die auch ohne große Begründung eine sofortige Freistellung ermöglichen. Dass manche Mitarbeitende nach einer Kündigung, wie das auch 2018 der Fall war, in eine tiefe Krise rutschen, ist dem LAZ offensichtlich völlig gleichgültig.

Der OT-Betriebsrat in Offenburg fühlt sich nicht zuständig für den LAZ, und ist es rechtlich auch nicht, wie von der Vorsitzenden betont wird. Man bedauert lediglich: „Das ist traurig, was da derzeit bei Reiff und beim LAZ passiert.” Im Oktober 2019 wurde verkündet, dass das OT seine Vollredaktion schließt, Mantelredakteure entlässt und den Mantelteil fortan von den „Stuttgarter Nachrichten“/“Stuttgarter Zeitung“, also der Südwestdeutschen Medienholding, bezieht. Vom Ende der Unabhängigkeit ist im Zuge dessen die Rede bei ehemaligen Reiff-Redakteuren. Sie hatten 2019 die Reißleine gezogen und bei Reiff gekündigt haben.

 

 

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