Wo steht der Zeilometer?

Oder: Über den alltäglichen Wahnsinn des Umgangs der Festen mit Freien

Er steht in jeder Redaktion! Jeden Vormittag das gleiche Spiel: Nach der Themenkonferenz sprinten Ressortleiter zum Zeilometer, geben vorher im Zufallsgenerator ermittelte Daten und Fakten ein und die Maschine zeigt dann im Display, welche Länge die Artikel haben dürfen. Der Zeilometer ist eine Willkürmaschine! Vor ein paar Wochen feierte eine Tageszeitung ihren ersten Geburtstag. Eine wunderbare Gelegenheit, um über Wirtschaftsjournalismus, den besagte Zeitung neu erfinden wollte, zu reflektieren, dachte sich die Kollegin in der Bürogemeinschaft. Sie bot das Thema einem überregionalen Blatt an und meinte, so etwa 200 Zeilen könnte man dazu schon schreiben.

Das war dem Ressortleiter zu viel, mehr als 90 Zeilen seien nicht drin. Zähneknirschend akzeptierte die Kollegin. Seitdem diskutieren wir darüber, wie solche Vorgaben zu Stande kommen. Fragen über Fragen bewegen uns: Was ist Würdigung genug, um der Tagesaktualität zu entsprechen? Welches Thema ist ausgelutscht und abgefrühstückt? Schreibt man zu diesem oder jenem Ereignis einen Vorbericht oder wird abgewartet, was auf der Tagung besprochen wird? Schaut man sich eine neue Magazinsendung erst an, oder berichtet man schon darüber, wenn aus dem Sender verlautet, man plane ein neues Magazin?

Zum Beispiel will ein namhafter Verlag ab Anfang Mai mit „Metropolenfernsehen“ den Berliner Fernsehmarkt bereichern. Drei Fotos und 140 Zeilen waren einer Zeitung die Ankündigung wert. Das muss man sich mal vorstellen: Nichts ist passiert und daraus macht man eine halbe Zeitungsseite! Vielleicht ist ja das Amt für die Gewichtung von Ereignissen fürs Zeitungsmachen zuständig?

Zudem ist eine andere Unsitte in den Redaktionen eingekehrt: Volontäre bedienen das Telefon und sprechen mit den Autoren die Beiträge ab. Sagen einem zum Beispiel, dass man den Presserat anrufen soll, wenn ein Privatsender dabei erwischt wird, wie er mit versteckter Kamera filmt. Das medienpolitische Statement muss selbstverständlich von Herrn Weischenberg kommen und bitteschön nicht von Herrn Hensche. Na ja, die Redakteure sind ja auch so gestresst und müssen mindestens an drei bis fünf Redaktions- und Ressortleitersitzungen teilnehmen. Dann noch die vielen Verabredungen wegen Nebenjobs: Hier ein Talkshow-Auftritt, da eine Moderation und dort ein Gastbeitrag – da kann man sich nicht noch mit zickigen Autoren rumärgern und schon gar nicht den Volos die Grundlagen des Journalismus beibringen.

Neben Zeilometer und Tipps der Volos nerven zunehmend Ansagen, was in einem Artikel zu stehen hat und was nicht. In der Reportage über Dotcoms darf die Gewerkschaft nicht vorkommen. Andere Ansage: „Das Thema ist gut, das möchte ich selbst bearbeiten“, so ein maßgeblicher stellvertretender Chefredakteur einer maßgeblich wichtigen Zeitung. Zwei bis drei Mal im Jahr hat die freie Kollegin auch eine gute Idee für eine Seite-Drei-Geschichte. Da hört sie dann regelmäßig, es wäre noch zu früh, um das Thema „an so prominenter Stelle“ zu präsentieren „machen Sie doch 70 Zeilen nachrichtlich“ tönt es aus der Hörmuschel. Oder man bekommt einen Rechercheauftrag, stellt nach einem halben Tag und einem Dutzend Telefongespräche fest, dass an der Geschichte nichts, aber auch wirklich nichts dran ist und teilt das der Redaktion mit und bittet darum, dass 150 Mark überwiesen werden. Blankes Entsetzen am anderen Ende des Telefons. Geld für nichts ausgeben, das geht nun wirklich nicht. Schließlich sind wir Freien freie Unternehmer und tragen das unternehmerische Risiko. Dass wir manchmal die Liberos der Festangestellten sind, ist eine ganz andere Geschichte.

 

 

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