Berlinale Tipp: Shooting the Mafia

Fotojournalistin Letizia Battaglia dokumentiert die Verbrechen der Mafia
Foto: Shobha / Lunar Pictures

Das Schweigen hatte ein Ende: Die vielfach ausgezeichnete britische Filmemacherin Kim Longinotto porträtiert in ihrem aktuellen Dokumentarfilm „Shooting the Mafia“ die heute 84jährige Fotojournalistin Letizia Battaglia. In Italien ist sie eine Legende. Ihre Fotos spielten eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die sizilianische Mafia. Viele der Filme Longinottos zeichnen sich durch ihre charismatischen Protagonistinnen aus.

Es sind Frauen, denen es gelingt, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. So zuletzt in „Pink Sari“ über Sampat Pal Devi, eine Aktivistin in Nordindien.  „Dreamcatcher“ begleitet Brenda Myers-Powell, eine ehemalige Sex-Arbeiterin, die mit ihrer Stiftung jungen Frauen in Chicago beim Ausstieg aus der Prostitution hilft. Loginottos Filme beobachten, gehen direkt ins aktuelle Geschehen hinein.

„Shooting the Mafia“ gestaltet sich ganz anders, denn Letizia Battaglia erzählt rückblickend von ihrem bewegten Leben. Sie durfte als sizilianisches Mädchen in den 1940er Jahren das Haus nicht verlassen; als sie dagegen rebellierte, kam sie in eine Klosterschule. Durch eine Heirat mit 16 Jahren erhoffte sie sich Freiheit. Die blieb nur ein Traum, denn nun war sie häuslicher Gewalt ausgesetzt, und ihr Mann verwehrte ihr ein Studium. „Frauen mussten sich den Regeln der Männer unterwerfen“, sagt Battaglia. Mit 36 Jahren brachte sie den Mut auf, zusammen mit den Töchtern ihren Mann zu verlassen und verdiente ihren Lebensunterhalt fortan als Korrespondentin für die Tageszeitung L‘Ora. Sie wechselte ihren Beruf, Initialzündung war der Anblick eines von der Cosa Nostra ermordeten Mannes unter einem Olivenbaum. Mit 40 Jahren wurde sie nun die erste offizielle Fotografin einer italienischen Tageszeitung.

Longinotto illustriert Battaglia Erzählungen aus der Jugend und dem Eheleben geschickt mit Archivmaterial, vor allem mit melodramatischen Szenen aus dem italienischen Kino der 1950er, Kitsch und Neorealismus. In der zweiten Hälfte des Films geht es um Battaglias Kampf gegen die Mafia als Fotojournalistin. Dazu greift Longinotto auf Battaglias Fotos zurück. Keine Paparazzifotos, sondern streng komponierte Schwarzweißbilder, ernüchternde Darstellungen des Blutvergießens.

Palermo 1976: Vincenzo Battaglia war aus dem Haus gegangen, um Cannoli zu kaufen. Sie haben ihn im Dunkeln mitten im Müll ermordet.
Foto: Letizia Battaglia / Lunar Pictures

Täglich fallen der Mafia in Palermo rund fünf Personen zum Opfer, auch Frauen und Kinder. Battaglia ist mit ihrem 22 Jahre jüngeren Lebens- und Arbeitspartner Franco Zecchin immer schnell vor Ort. Natürlich war sie den Mafiabossen ein Dorn im Auge, ihre Fotos rüttelten am „Code of Silence“ der Cosa Nostra. Doch nun hatte das Schweigen ein Ende. Irgendwann konnte Battaglia das Blut nicht mehr sehen, sie ging in die Politik. Dem schenkt Longinotto jedoch kaum Aufmerksamkeit. Sie konzentriert sich mit reichlich Archivmaterial auf die weitere Entwicklung der Sizilianer im Kampf gegen die Mafia in den 1980er und -90er Jahren. Die legendären Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, enge Freunde Battaglias, verurteilten die ersten Mafiabosse. Die Rache ließ nicht lange auf sich warten.

„Shooting the Mafia“ ist nicht nur ein sehenswertes Porträt Letizia Battaglias, der Film gewährt mit den Erzählungen der Fotojournalistin auch einen tieferen Einblick in die sonst hermetisch abgeschlossene Welt der Mafia und deren allgegenwärtigen Einfluss auf die sizilianische Gesellschaft.

Shooting the Mafia von Kim Longinotto, Irland/USA

Filmvorstellungen:
Mi 13.02. 17:00, CineStar 7
Do 14.02. 22:30, CineStar 7
Fr 15.02. 17:30, Cubix 7
Sa 16.02. 14:30, Colosseum 1

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Journalistinnen vor Online-Hass schützen

Zum Internationalen Frauentag warnt die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di vor zunehmender digitaler Gewalt gegen Journalistinnen. Die Gewerkschaft fordert verbindliche Schutzstandards für Medienschaffende und mehr Verantwortung der Medienhäuser beim Schutz ihrer Beschäftigten.
mehr »

DuMont schluckt die Kölnische Rundschau

80 Jahre sind eigentlich  Anlass für eine große Geburtstagsfeier. Am 19. März 1946 erschien die erste Ausgabe der Kölnischen Rundschau (KR). Es gäbe also einen guten Grund, den Tag in diesem Jahr zu feiern. Daraus wird nun nichts. Denn der Heinen-Verlag schließt die Redaktion der Kölnischen Rundschau.
mehr »

RBB: Zweifel bei „Zusammenarbeit“

„Neue Zusammenarbeit“ – so heißt beim RBB das aktuell größte Umbauprojekt. Es soll die Rahmenbedingungen für die journalistische Arbeit verbessern. Dazu gehört eine Umstrukturierung und Verkleinerung der zweiten Führungsebene, der unterhalb des Direktoriums. Vorgesehen sind nur noch acht statt bisher zwölf Positionen. Sie wurden öffentlich ausgeschrieben und sollen bis Anfang April besetzt werden. Doch vom RBB-Personalrat kommt Kritik.
mehr »

Pro Quote: Gefährdet durch Förderstopp

Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat nach neun Jahren Förderung einen umfangreichen Antrag von ProQuote Medien zur Beobachtung und Analyse des Geschlechter-Backlashes innerhalb der deutschen Medienlandschaft abgelehnt. Das gefährdet laut Aussage des Vereins dessen Arbeit massiv.
mehr »