Buchtipp: Die Kämpfe eines Arbeiterkinds

Scheiblettenkind von Eva Müller, Foto: Suhrkamp

Pommesbude, Adiletten und Karl Marx beim Yoga: In „Scheiblettenkind“ erzählt Eva Müller von einer jungen Frau, die in einem westdeutschen Dorf als Kind von Arbeiter*innen aufwächst. Die Heldin dieser autofiktionalen Graphic Novel sucht nach einem anderen Leben und führt dabei einen ständigen Kampf – mit den Umständen, in die sie hineingeboren wurde, und mit sich selbst. Müller verfällt dabei nie in simple Schemata, sondern lotet mit einem beeindruckenden Blick für Details die vielfältigen Formen von Ausgrenzung und Abgrenzung aus.

Eva Müller schildert in „Scheiblettenkind“ das Leben einer jungen Frau, die sich immer irgendwie fehl am Platz fühlt – auch, weil ihr Umfeld sie gerne daran erinnert, dass sie nicht dazugehört: sie, das Mädchen mit den billigen Jeans, das in einer Pommesbude jobbt, deren Eltern Schichten in der Fabrik schieben, deren Oma nie das Meer gesehen hat.

Die Schlange ist eine ständige Begleiterin. Mal streckt sie die Zunge heraus und macht sich mit einem Zischen bemerkbar, mal blickt sie der Heldin der Geschichte über die Schulter. Wenn es besonders schlimm ist, wickelt sie sich um ihren Körper. Die Schlange nennt die Protagonistin eine Blenderin und eine Verliererin. Sie ist es auch, die ihr den titelgebenden Spitznamen verpasst.

Scheiblettenkind von Eva Müller, Foto: Suhrkamp

Müllers Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind klar und direkt. Ohne die Bilder zu überfrachten, gelingt es ihr, die Lebenswelt ihrer Protagonistin bis ins kleinste Detail auszuleuchten. Diese Welt, das ist die westdeutsche Provinz der 80er- und 90er-Jahre mit den Zigaretten- und Süßigkeitenautomaten, mit Vokuhilas und Adiletten und der bieder dekorierten Fernsehschrankwand im elterlichen Wohnzimmer. Es ist eine kleine Welt, aus der die Heldin immer wieder auszubrechen versucht, mit herben Rückschlägen. Ihr dabei zuzusehen, ist bisweilen schmerzhaft – langweilig ist es nie.

Geld sei nicht alles, sagt die Zahnarzttochter

Hier das ausgegrenzte Arbeiterkind, dort die Gymnasiasten aus besserem Haus: So einfach ist es nicht. Die Abgrenzungen sind vielfältig und sie funktionieren in alle Richtungen, das zeigt Müller eindrucksvoll. Als Kind ist die Protagonistin wütend auf „die Ostdeutschen“, weil sie vermeintlich Schuld an der drohenden Arbeitslosigkeit ihrer Eltern haben. Die Eltern wiederum verachten die Menschen einer benachteiligten Siedlung, denn die lägen nur dem Staat auf der Tasche. In einer Gruppe Punks findet die Heldin ein Umfeld, das sie akzeptiert. Ihre neuen Freund*innen, Kinder wohlhabender Eltern, finden es eher cool, dass sie einen anderen Hintergrund hat. Als sie einen Job in einem schicken Restaurant annimmt, erfährt sie allerdings auch in diesem Kreis Herablassung. Geld sei nicht alles, sagt die Zahnarzttochter mit Nietenhalsband: „Ich könnte das nicht mit mir vereinbaren.“

Am Ende jedes Kapitels erscheint Karl Marx und kommentiert das Geschehen. Dabei steht er mal an der Supermarktkasse, mal macht er Yoga. An einer Stelle sagt er: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen gegebenen und überlieferten Umständen.“

Die Umstände aushalten

Dieses Zitat könnte auch das Vorwort von „Scheiblettenkind“ sein. Wie die Menschen die vorgefundenen Umstände aushalten, ist das große Thema dieser Familie. Die Eltern und ihre Großeltern, so schildert es Müller, hatten keine andere Wahl, als sich mit den Bedingungen zu arrangieren. Der Oma wurde in jungen Jahren ein Arbeitsplatz in Brasilien angeboten, doch sie musste im Dorf bleiben und sich um den elterlichen Hof und die Geschwister kümmern.

Die Protagonistin hingegen fügt sich nicht, sie kämpft permanent mit den Umständen, in die sie hineingeboren wurde. Sie baut kein Haus in dem Dorf ihrer Familie, sie macht keine Ausbildung zur Arzthelferin. Sie verfolgt ihren Wunsch, Kunst zu studieren – auch wenn die Schlange sie dabei auf jedem Schritt begleitet.


Eva Müller: „Scheiblettenkind“, Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2022, 283 Seiten, 28 Euro

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Freier Autor siegt gegen „Berliner Zeitung“

Dieses Urteil „kann die redaktionellen Abläufe deutscher Medien massiv beeinflussen“, so bewertete die FAZ das Urteil des Landgerichts Köln: Es hatte die Berliner Zeitung wegen schwerwiegender Urheberrechtsverletzung und Rufschädigung des Autors Werner Rügemer zu einer Strafzahlung von 1200 Euro verurteilt, ein erstmaliges Urteil in Deutschland. Doch bis das Urteil rechtskräftig wurde, dauerte es noch fast ein Jahr: Freier Autor siegt gegen die „Berliner Zeitung“.
mehr »

Was steht im neuen RBB-Staatsvertrag

Die Länder Berlin und Brandenburg beraten derzeit über eine Novelle des RBB-Staatsvertrags. Ein erster Entwurf liegt vor. Vor allem eine der geplanten Änderungen dürfte in der Rundfunkanstalt für Unruhe sorgen, gerade bei Führungskräften. Die Politik will eine außertarifliche (AT) Vergütung beim RBB nur noch für die Intendantin und die beiden Direktor*innen zulassen.
mehr »

Schon entdeckt: Kinomagazine

Zahlreiche Kultur-, Bildungs- und Politikmagazine „zum Mitnehmen“ entstanden in den nuller Jahren. Insbesondere Kinothemen spielten darin eine große Rolle. Eine ganze Generationen von Kino- und Kulturliebhaber*innen wuchsen an Rhein und Ruhr mit diesen Medien auf.
mehr »

Deutsche Journalistin in syrischer Isolationshaft

Am 18. Januar war die für kurdische Medien schreibende Journalistin Eva Maria Michelmann verschwunden. Jetzt wurde enthüllt, dass sie in Aleppo inhaftiert ist. Ihre Angehörigen sind jedoch weiterhin besorgt.
mehr »