Buchtipp: Ostdeutsche Regisseurinnen in der Nachwendezeit

Die Sichtweisen auf die Zeit nach der Wende sind vielschichtig – doch für viele davon ist im gängigen Narrativ der Wiedervereinigung bis heute kein Platz. Vor diesem Hintergrund ist das Buch „Was wir filmten“ entstanden. In Essays und Gesprächen beschäftigen sich Filmemacherinnen aus drei Generationen mit Filmen von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990. Den Impuls gab das Internationale Frauen Film Fest Dortmund/Köln.

„Nach der Wende 1990/2020“ – das war der Titel des Schwerpunkts beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund/Köln 2020. Ziel dieser Themensetzung: den Arbeiten von ostdeutschen Regisseur*innen nach der Wende einen Raum zu geben und vielfältige Perspektiven auf die Geschichte zuzulassen, fernab der im Mainstream verbreiteten DDR-Stereotype und Narrative.

„Es gab viel Redebedarf“, bilanziert Betty Schiel, die das Filmprogramm des Schwerpunkts kuratiert hat. Offenbar so viel, dass daraus nun auch ein Buch entstanden ist: „Was wir filmten“ ist eine Sammlung von Essays und Gesprächen von Filmemacherinnen aus drei Generationen, die sich mit ihren eigenen Werken oder denen ihrer Kolleginnen auseinandersetzen.

Diese Auseinandersetzung ist überfällig: Wie Therese Koppe, Regisseurin des Dokumentarfilms „Im Stillen Laut“ (2019), schreibt, wurde es um viele ostdeutsche Künstler*innen nach der Wende still. Koppe zeigt das am Beispiel von Filmarchiven, in denen sie sich auf die Suche nach Filmen der Regisseurin Helke Misselwitz begibt. Ihre Filme bis 1991 findet sie problemlos, darunter ihren Dokumentarfilm „Winter adé“ aus dem Jahr 1988. Doch für Misselwitz’ spätere Filme „Herzsprung“ (1992) und „Engelchen“ (1996) muss sie sich auf eine regelrechte Odyssee begeben.

Beide Filme handeln von den Erfahrungen der Menschen während massiver gesellschaftlicher Umbrüche. Sie sind in Vergessenheit geraten, weil – so legt Koppe nahe – im wiedervereinigten Deutschland Werke von ostdeutschen Künstler*innen vor allem dann von Interesse waren, wenn sie von der DDR handeln, nicht von der Zeit danach.

Einige Essays des Buchs widmen sich ausführlich ausgewählten Filmen – etwa Petra Tschörtners legendärem Dokumentarfilm „Berlin, Prenzlauer Berg“, der die Stimmung in dem Ostberliner Bezirk zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990 einfängt. Autorin und Regisseurin Grit Lemke schreibt über ihre Heimatstadt Hoyerswerda und die Entstehung ihres Dokumentarfilms „Gundermann Revier“ (2019).

Angelika Nguyen, Regisseurin von „Bruderland ist abgebrannt“ (1991), erinnert in ihrem Text an die rassistischen Angriffe auf Vertragsarbeiter*innen und andere Menschen mit internationalem Hintergrund in Ost- und Westdeutschland Anfang der 90er-Jahre und beschreibt, welches Unbehagen der Satz „Wir sind das Volk“ vor diesem Hintergrund in ihr ausgelöst hat. Die runden Jahrestage der „friedlichen Revolution“ seien für sie Tage der Trauer, schreibt sie.

„Die öffentliche Perspektive auf die DDR und die Zeit nach der Wende ist so verengt“, sagt Medienwissenschaftlerin Hilde Hoffmann in einer Diskussion zwischen Film*arbeiterinnen, die am Ende des Buchs wiedergegeben wird. „Es gibt ein, zwei, drei Stereotype, die immer wieder abgerufen und bestätigt werden.“ Wer auf der Suche nach Perspektiven abseits der gängigen Narrative ist, wird sie in diesem Buch finden.

Was wir filmten. Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990. Betty Schiel, Maxa Zoller (Hg.). Bertz + Fischer, 2021, 208 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86505-267-4

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Reform oder Abrissbirne im Hörfunk

Die Hängepartie um Finanzierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) geht weiter. Nach wie vor sträuben sich ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten, der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) für eine Beitragserhöhung um 58 Cent auf 18,94 Euro zu folgen. Bis Oktober wollen die Länder einen Reformstaatsvertrag vorlegen, um künftig über Sparmaßnahmen Beitragsstabilität zu erreichen. Einzelne ARD-Sender streichen bereits jetzt schon ihre Hörfunkprogramme zusammen.
mehr »

Filmschaffende kriegen künftig mehr

In der achten Tarifverhandlungsrunde für die rund 25.000 Filmschaffenden haben sich die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die Schauspielgewerkschaft BFFS und die Produktionsallianz auf Eckpunkte einer vorläufigen Tarifeinigung verständigt. Doch nicht alle Verhandlungsthemen konnten geklärt werden. Die Frage nach der Regelung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Film wurde verschoben.
mehr »

Wie ethisch kann KI berichten?

Ein ethischer Kompass ist angesichts zunehmender Desinformation immer wichtiger – für Journalist*innen, aber auch Mediennutzende. Positivbeispiele einer wertebewussten Berichterstattung wurden jüngst zum 20. Mal mit dem Medienethik Award, kurz META, ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden der Stuttgarter Hochschule der Medien HdM vergab den Preis diesmal für zwei Beiträge zum Thema „Roboter“: Ein Radiostück zu Maschinen und Empathie und einen Fernsehfilm zu KI im Krieg.
mehr »

VR-Formate im Dokumentarfilm

Mit klassischen Dokumentationen ein junges Publikum zu erreichen, das ist nicht einfach. Mit welchen Ideen es aber dennoch gelingen kann, das stand auf der Sunny Side of the Doc in La Rochelle im Fokus. Beim internationalen Treffen der Dokumentarfilmbranche ging es diesmal auch um neue Erzählformen des Genres wie Virtual Reality (VR).
mehr »