Filmtipp: „Die Wannseekonferenz“

Der Film zeigt Saubermänner am Werk: Im Konferenzraum der Villa am Großen Wannsee beginnt die Besprechung. Foto: ZDF/ Julia Terjung

Matti Geschonneck hat zum 80. Jahrestag aus dem als „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichte eingegangenen Treffen führender Vertreter des NS-Regimes zur „Endlösung der Judenfrage“ ein erschreckend faszinierendes Kammerspieldrama gemacht. Dank des famosen Spiels der Mitwirkenden ist es auf morbide Weise faszinierend, wie die Männer die logistischen Herausforderungen besprechen und sich über juristische Details ereifern. Das Verbrechen selbst ist da schon beschlossene Sache.

An einem Wintertag trifft sich ein gutes Dutzend hochrangiger Herren in Uniform und Zivil, um auf Staatssekretariatsebene organisatorische Details zu besprechen. Es geht um eine Frage, die ganz Europa betrifft. Was wie die Vorstandssitzung eines multinationalen Konzerns vor einer erheblichen Umstrukturierung wirkt, ist in Wirklichkeit die Planung eines in der Historie noch nie da gewesenen Genozids: Am 20. Januar 1942 haben führende Vertreter des NS-Regimes im Rahmen der sogenannten Wannsee-Konferenz die „Endlösung der Judenfrage“ diskutiert.

Anlässlich des achtzigsten Jahrestags hat das ZDF das Ereignis neu verfilmen lassen. Die Umsetzung hat der Sender dem vielfach ausgezeichneten Duo Matti Geschonneck (Regie) und Magnus Vattrodt (Buch) übertragen. Der Regisseur, ohnehin ein Meister seines Fachs, hat schon einige fesselnde Kammerspiele gedreht. Tatsächlich lässt die Bildgestaltung vergessen, dass sich die Handlung über weite Strecken in einem Konferenzraum zuträgt; der Film wirkt in keinem Moment wie ein abgefilmtes Theaterstück. Das ist natürlich auch eine Frage des Schnitts, der für eine gewisse Dynamik sorgt, aber mindestens ebenso wichtig ist Geschonnecks Arbeit mit den Schauspielern. Besondere Wertschätzung verdient die Leistung Philipp Hochmairs: Er versieht den Versammlungsleiter Reinhard Heydrich mit einer auf perfide Weise sympathischen Mischung aus Charme und Charisma. Sehr interessant ist auch Thomas Loibl als Friedrich Wilhelm Kritzinger, skrupulöser Ministerialdirektor in der Reichskanzlei, der als einziger Teilnehmer der Runde humanistische Argumente vorträgt. Seine Sorge, die allerdings nicht den Opfern, sondern den Tätern gilt, steht in einem krassen Kontrast zur technokratischen Bürokratensprache, die den Genozid mit neutralen Begriffen wie „Einwaggonieren“ oder „Sonderbehandlung“ umschreibt und vergessen lässt, dass es hier um Menschen geht. Unverblümt sind neben den privaten Zwiegesprächen in den Pausen („Was macht der Osten?“ „Zu viele Juden, aber wir arbeiten dran.“) allein die zynischen Zwischenbemerkungen.

Gerade der Kontrast zwischen der Ungeheuerlichkeit des geplanten elfmillionenfachen Massenmords und vorgeführtem kleinlichen Zwist um Zuständigkeiten verleiht dem Film eine morbide Faszination. Das Drehbuch (Ko-Autor: Paul Mommertz) basiert zwar auf einem 15seitigen Protokoll Adolf Eichmanns, den Johannes Allmayer als seelenlosen Bürokraten verkörpert, doch darin sind im Wesentlichen nur die Ergebnisse notiert. Geradezu absurd wird der Disput, wenn sich Wilhelm Stuckart (Godehard Giese), Mitverfasser der Nürnberger „Rassegesetze“, minutenlang über den Umgang mit „Halb-“ und „Vierteljuden“ auslässt, als ginge es um Schrauben unterschiedlicher Größe. Welche psychische Belastung die Dreharbeiten für die Schauspieler dargestellt haben, lässt sich nur erahnen. Ihnen allen ist es jedoch ausnahmslos gelungen, die „Banalität des Bösen“ in höchstem Maße glaubwürdig zu verkörpern. So hatte Hannah Arendt 1963 ihr Buch über den Prozess gegen Eichmann betitelt: weil sich der vermeintliche Teufel in Menschengestalt als ganz normaler Mensch entpuppte, der sich bloß auf geltende Gesetze und Befehlsstrukturen berief. Die Bedeutung dieses Films gerade in der heutigen Zeit, da die Verbrechen des Nationalsozialismus gern verharmlost werden, weil beispielsweise die sogenannten Querdenker ihre Lage mit jener der Juden im „Dritten Reich“ vergleichen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

„Die Wannseekonferenz“ kann ab dem 20. Januar (10 Uhr) in der ZDF-Mediathek abgerufen werden; die TV-Ausstrahlung erfolgt am 24. Januar um 20.15 Uhr. Der Film ist Teil eines umfangreichen ZDF-Schwerpunkts zu diesem Thema sowohl im Fernsehen als auch im Internet. Unter anderem zeigt das „Zweite“ im Anschluss an das Drama (22.00 Uhr) eine Dokumentation gleichen Titels.

Begleitmaterial in der ZDF Mediathek: https://zdf.de/dokumentation/terra-x/themenpaket-wannsee-konferenz-100.html

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