Filmtipps: 75 Jahre Kriegsende

"Mit Gott gegen Hitler - Bonhoeffer und der christliche Widerstand", am 04.05.20 um 23:15 Uhr im ERSTEN. Laurentius Siemer (links) war Provinzial der Dominkaner und leistete Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Bild: NDR/Thomas Bresinsky

Geschichte muss lebendig werden, damit man sie versteht, und das funktioniert in erster Linie mit Zeitzeugen; kein Film, kein Buch, kein Artikel kann die Intensität einer persönlichen Begegnung ersetzen. In der Dokumentation „Kinder des Krieges“ kommen Menschen zu Wort, die in jungen Jahren das Kriegsende erlebt haben. In einem zweiten Film würdigt die ARD den christlichen Widerstand gegen Hitler; hier verkörpern Schauspieler die Protagonisten.

Wer die Schrecken des Zweiten Weltkrieges vor 75 oder mehr Jahren als Kind erlebt hat, dem haben sich diese Bilder nachdrücklich ins Gedächtnis gebrannt; deshalb können die betagten Männer und Frauen ihre Erinnerungen in der Dokumentation „Kinder des Krieges“ mit einer Lebendigkeit schildern, als hätten sich die Ereignisse erst gestern zugetragen. Jan N. Lorenzen hat die neunzig Minuten seiner Dokumentation denkbar sparsam gestaltet: Menschen sitzen in einem Sessel und berichten. Sie stammen aus allen Teilen der Republik, aus Großstädten und vom Lande; sie sind die Söhne und Töchter von Tätern wie von Opfern. Einige waren in den frühen Vierzigerjahren Teenager, sie waren damals quasi ihr Leben lang mit nationalsozialistischem Gedankengut indoktriniert worden; andere haben als Kinder wie durch ein Wunder ein Konzentrationslager überlebt. Lorenzen illustriert ihre Schilderungen zwar durch passende zeitgenössische Aufnahmen, aber vor allem zeigt er die Menschen.

Anders als in vielen vergleichbaren Dokumentationen hat sich der Autor nicht auf zwei oder drei Zeitzeugen beschränkt. Die kaleidoskopartig miteinander kombinierten Erzählungen seiner vielen Gesprächspartner*innen wirken zunächst zusammenhanglos, doch nach und nach ergeben die schlaglichtartigen und nur wenige Minuten dauernden Schilderungen der Männer und Frauen ein Gesamtbild. Die einen waren im letzten Kriegsjahr erst sechs, andere bereits 18, aber alle haben traumatische Erfahrungen gemacht. Ein alter Herr wird bis heute die Bilder nicht mehr los, wie er als jugendlicher Scharfschütze während des „Volkssturms“ einen feindlichen Soldaten erschossen hat. Die gesamte Gruppe wurde kurzerhand der Waffen-SS zugeteilt, Widerspruch war nicht möglich; in sowjetischer Gefangenschaft wurde dies dem Jungen zum Verhängnis. Eine Frau, die als Teenager in ein Konzentrationslager kam, kann heute noch nicht glauben, dass sie nach der Befreiung zufällig ihre verschollene Schwester wiedergefunden hat. Wo es möglich war, hat Lorenzen die Erzählungen mit authentischen Filmausschnitten aus Wochenschauen oder aus privaten Aufnahmen unterlegt; anderswo müssen Bilder genügen, die zumindest zu den Berichten passen. Die Offenheit, mit der die Menschen sprechen, zeugt vom Vertrauensverhältnis zwischen dem Filmemacher und seinen Zeitzeugen.

Später am selben Abend zeigt das „Erste“ eine Dokumentation über den christlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Film hat jedoch ein entscheidendes Manko: Mit 45 Minuten ist er viel zu kurz, um dem komplexen Thema gerecht zu werden. Sehenswert ist „Mit Gott gegen Hitler“ dennoch, weil Ingo Helm (Buch und Regie) mit seinem Dokudrama zwei großen Männern die Ehre erweist: auf protestantischer Seite Dietrich Bonhoeffer, kurz vor Kriegsende auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers zu Tode gefoltert, und auf katholischer Seite der Dominikanermönch Laurentius Siemer, den Älteren vielleicht noch als erster TV-Pfarrer im jungen deutschen Nachkriegsfernsehen in Erinnerung. Helm belässt es allerdings nicht bei einer Würdigung dieser beiden Persönlichkeiten. Sein Film geht auch der nicht unberechtigten Frage nach, ob die Kirchen Hitler hätten verhindern können. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, findet in dieser Hinsicht sehr kritische Worte („Teil unserer Schuldgeschichte“). Den spannendsten Aspekt des Themas – warum war der Widerstand bei den Katholiken deutlich größer als bei den Protestanten? – kann Helm leider nur streifen. Dass er Bonhoeffer für faszinierender hielt als Siemer, zeigt nicht zuletzt die Besetzung: In den ergänzenden Spielszenen wird der Lutheraner von Matthias Koeberlin verkörpert. „Mit Gott gegen Hitler“ ist gerade auch dank der kenntnisreichen Aussagen Bedford-Strohms eine Empfehlung. Noch besser wäre es gewesen, wenn Helm Geld und Sendezeit für einen Zweiteiler bekommen hätte.


„Kinder des Krieges“ (4. Mai, 20.15 Uhr) ist ein Multimediaprojekt des Geschichtlichen Arbeitskreises der ARD und wird ergänzt durch fünf Radiogeschichten sowie vertiefende Filmdokumente in der ARD-Mediathek. „Mit Gott gegen Hitler“ folgt am selben Tag um 23.15 Uhr.

 

 

nach oben

weiterlesen

Istanbul: Meşale Tolu endlich freigesprochen

Freispruch für Meşale Tolu: Nach vier Jahren und mehr als acht Monaten endet damit ein mehr als zweifelhaftes, politisch motiviertes Verfahren der türkischen Justiz gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin. Tolu hatte in Istanbul unter anderen für die linksgerichtete Nachrichtenagentur Etha gearbeitet hatte, war im April 2017 inhaftiert und später wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation sowie Terrorpropaganda angeklagt worden.
mehr »

Filmtipp: „Die Wannseekonferenz“

Matti Geschonneck hat zum 80. Jahrestag aus dem als „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichte eingegangenen Treffen führender Vertreter des NS-Regimes zur „Endlösung der Judenfrage“ ein erschreckend faszinierendes Kammerspieldrama gemacht. Dank des famosen Spiels der Mitwirkenden ist es auf morbide Weise faszinierend, wie die Männer die logistischen Herausforderungen besprechen und sich über juristische Details ereifern. Das Verbrechen selbst ist da schon beschlossene Sache.
mehr »

Bedenken bei neuem Medienstaatsvertrag

Am 19. November hat die Rundfunkkommission der Länder einen „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ vorgelegt. Bis 14. Januar lief die öffentliche Konsultationsphase. Grundsätzlich begrüßen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den Entwurf zum neuen Medienstaatsvertrag und das Vorhaben, der digitalen Transformation der Anstalten einen rechtlichen Rahmen zu geben. Allerdings haben ver.di und der DGB neben einzelnen Ergänzungen bei anderen Vorschlägen verfassungsrechtliche Bedenken. 
mehr »

Lebenslange Haft für Staatsfolter in Syrien

Das Oberlandesgericht Koblenz hat heute Anwar R., in den Jahren 2011 und 2012 Chefvernehmer der berüchtigten Al-Khatib-Abteilung 251 des syrischen Geheimdienstes in Damaskus, zu lebenslanger Haft verurteilt. Das erste deutsche Verfahren nach dem Weltrechtsprinzip, in dem es um Verbrechen des Assad-Regimes in Syrien ging, dürfte als Meilenstein in die Rechtsgeschichte eingehen. Doch hinsichtlich Presseberichterstattung und Dokumentation bleibt begründete Kritik. 
mehr »