Affengebrüll im AfD-Zirkus

Am Wochenende treffen sich in Koblenz die Vertreter_innen rechtspopulistischer Parteien aus ganz Europa und wieder einmal ist eine freie Berichterstattung unerwünscht. Die öffentlich-rechtlichen Sender, aber auch einzelne Vertreter_innen anderer Medien werden von den Veranstaltern des Treffens ausgesperrt, weil ihre Berichterstattung gefärbt sei. Eine Begründung, die reichlich absurd ist!

Zutritt zum Koblenzer Treffen der Fraktion im Europaparlament „Europa der Nationen und der Freiheit“ (ENF), dem u.a. die AfD angehört, erhalten lediglich die Journalist_innen der dpa sowie ausländische Medien. Alle anderen sollen bei einer Pressekonferenz mit Informationen aus zweiter Hand abgespeist werden. Wieder einmal zeigen die AfD und ihre europäischen Verbündeten, wie sie zu den Grundwerten unserer demokratischen Gesellschaft, wie sie zu Presse- und Meinungsfreiheit stehen. Ausgerechnet diejenigen, die allenthalben den diffamierenden Kampfbegriff der „Lügenpresse“ verwenden und „den Medien“ pauschal eine irreführende oder sogar bewusst falsche Berichterstattung vorwerfen, wollen einer fundierten und umfassenden Berichterstattung über ihre politischen Aktivitäten einen Riegel vorschieben?

Das ist ebenso absurd wie die Begründung des Journalistenboykotts durch den nordrhein-westfälischen AfD-Landeschef und Mitorganisator des Treffens Marcus Pretzell. Der behauptet –  wohlgemerkt ohne dies zu belegen –  dass die Berichterstattung über seine Partei nicht den journalistischen Grundsätzen entspreche. Dabei vergisst er allerdings, dass hierzulande aus gutem Grund weder Parteien noch staatliche Institutionen darüber entscheiden, ob Berichterstattung journalistischen Standards entspricht oder nicht. Dafür gibt es die funktionierenden Organe der Selbstkontrolle, etwa den Deutschen Presserat. Dessen Sprecher hat übrigens erst kürzlich darauf hingewiesen, dass niemand von jenen, die das Kampfwort „Lügenpresse“ im Munde führen, bisher versucht hat, in einem ordentlich geführten Prüfungsverfahren beim Presserat den Vorwurf der Lüge, also der Falschberichterstattung, mit Tatsachen zu untermauern.

Anstatt die berechtigte Empörung der Journalist_innen über ihren Ausschluss von dem rechtspopulistischen Kaffeekränzchen unzutreffend als „Katzenjammer im Journalistenzirkus“ zu kommentieren, sollte Pretzell also lieber vor der eigenen Haustür kehren. Dumm nur, dass das Affengebrüll im AfD-Zirkus juristisch auf schwachen Beinen steht. Ganz im Gegensatz zum Katzenjammer der Journalist_innen. Die könnten sich nämlich auf das europäische Grundrecht der Pressefreiheit berufen, sagt Ulrich Karpenstein, Spezialist für Europarecht von der Kanzlei „Redeker Sellner Dahs“ heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). Ein selektiver Ausschluss und damit eine Diskriminierung unter Berufung auf vorausgegangene Berichterstattung seien demnach unzulässig.

Vor diesem Hintergrund darf man sich nun zumindest wundern, warum die ausgeschlossenen Medienvertreter_innen trotz Protesten und der ARD-Ankündigung, rechtliche Schritte prüfen zu wollen, ihr Grundrecht bisher nicht eingefordert haben.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »

KI-Resilienz im Journalismus

In der aktuellen KI-Debatte schenkt sich keiner was. Kaum taucht der Verdacht auf, ein Kollege habe ChatGPT oder Claude zum Schreiben mitgenutzt, beginnt vielerorts bereits die öffentlichkeitswirksame KI-Spurensuche.Die aktuelle KI-Debatte zeigt, warum Redaktionen endlich praxistaugliche Leitlinien für einen souveränen Umgang mit der KI brauchen.
mehr »

Bürgermedienplattform vor dem Aus

Die Bürgermedienplattform NRWision an der Technischen Universität (TU) Dortmund steht vor einer ungewissen Zukunft. Die nordrhein-westfälische Medienanstalt stellt Ende 2026 die finanzielle Förderung ein – nach dann fast 18 Jahren. Die Verantwortlichen versuchen, für eine Fortführung andere Geldgeber zu finden.
mehr »

Ein Preis mit hohem Preis

Die Berliner Autorin und Journalistin Marie von Kuck erhält für ihr Lebenswerk den Leipziger Medienpreis. Und kämpft zugleich ums Überleben. Warum sie die Auszeichnung mit gemischten Gefühlen entgegennimmt.
mehr »