Bedroht und verfolgt

Pedro Matías Arrazola über die journalistische Arbeit in Mexiko

Der 46-jährige Journalist Pedro Matías Arrazola aus Mexiko lebt seit einem guten halben Jahr mit einem Stipendium der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in der Hansestadt. Der aus Oaxaca stammende Reporter musste seine Heimatstadt verlassen, weil er dort nach einer Entführung und massiven Drohungen nicht mehr sicher war. Pedro Matías ist nach einer Stippvisite in Oaxaca gerade wieder zurück nach Hamburg gekommen.


M | Wie war es nach einem halbem Jahr in Hamburg in ihre Heimatstadt zurückzukehren?

PEDRO MATIAS ARRANZOLA |  Es war schön Freunde, Kollegen und Verwandte wieder zu sehen. Ich wurde auch gefragt, wann ich zurückkomme und wieder journalistisch arbeite. Das zeigt, dass meine Arbeit gewürdigt wird – im Journalismus ist das nicht unbedingt alltäglich. Diese positive Erfahrung habe ich auch in Deutschland gemacht – auf Konferenzen, Tagungen, aber auch im Interview mit Kollegen. Das gibt Kraft, macht Mut und es ist der Beweis, dass die eigene Arbeit nicht auf dürren, ausgelaugten, sondern auf fruchtbaren Boden fällt. Die Chance auf einen Wandel in Mexiko ist wie ein Samenkorn, das man pflegen muss.

M | Das bedeutet, dass Sie Ihre Rückkehr bereits vorbereiten?

MATIAS ARRANZOLA |  Ja, ich werde in wenigen Monaten zurückgehen, am 14. Juni. Dann muss ich sehen, wo ich arbeiten kann. Viele Medien sind in den Händen der Regierung; andere sind überaus vorsichtig und achten aufgrund der schwierigen ökonomischen Situation darauf, Problemen aus dem Weg zu gehen. Wenn man sich mit dem Staat anlegt, können weniger Werbeeinnahmen oder Ärger mit dem Finanzamt die direkten Folgen sein. Auf meine Haltung hat das keine Auswirkung, denn ich will nicht zu einem Komplizen dieses Systems werden.

M | Mexiko ist in den letzten Jahren zum gefährlichsten Land für Journalisten in Lateinamerika geworden …

MATIAS ARRANZOLA |  Ja, im Januar 2010 wurden bereits 3 Journalisten ermordet. Mexiko ist ein Land im Krieg. Dem Krieg gegen die organisierte Kriminalität wird derzeit alles untergeordnet, aber längst nicht alle Opfer sind Opfer dieses Krieges, haben Beziehungen zum Drogenmilieu oder arbeiten für die Regierung. Das ist zwar ein Eindruck der immer wieder entsteht und den die Regierung auch schürt, aber der ist einfach nicht korrekt. Es gibt viele Verbrechen, die nicht gesühnt werden, es gibt viele Unschuldige, die in diesem Konflikt sterben, es gibt aber auch viele Menschen, die aus ganz anderen Gründen sterben und deren Tod kaum mehr untersucht wird. Die Straflosigkeit ist längst zu einer Geißel unserer Gesellschaft geworden. Die Verbrechen an Journalisten gehören dazu. 2009 hat es 38 Angriffe auf Journalisten gegeben, so die nationale Menschenrechtsorganisation. Darunter fallen Morde, Entführungen, Attentate und Drohungen. Zudem verschwanden seit 2005 acht Kollegen spurlos.

M | Wird die journalistische Arbeit nicht respektiert…?

MATIAS ARRANZOLA |  Nein und Teil des Problems ist, dass die Regierung viele Medien kontrolliert. Die Regierung zahlt, in Form von Anzeigen, und die Redaktion verhält sich entsprechend zurückhaltend. Die brisanten Themen werden ausgeklammert und es gab Fälle, wo darauf gedrängt wurde Kollegen zu entlassen, die nicht locker lassen. Es gibt kaum Raum für einen kritischen Journalismus in Mexiko.

M | Gibt es Tabuthemen?

MATIAS ARRANZOLA |  Oh ja, die soziale Gewalt ist so ein Thema, es ist riskant über die politischen Strippenzieher zu schreiben, die regionalen Kaziken (Machthaber in indigenen Gemeinden d.R.). Was in Europa kaum registriert wurde, ist die Tatsache, dass die politische Öffnung zu Beginn dieses Jahrtausends nur in der Hälfte der Bundesstaaten Mexikos stattfand, die anderen fünfzehn Staaten sind nach wie vor von der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) dominiert. Dort gibt es nicht einmal minimale Änderungen in Richtung Demokratie. Das andere grundsätzliche Problem ist die Armut in Mexiko. Die hat inmitten der Krise weiter zugenommen. Ein weiteres heißes Thema ist das Jahr 2010, denn es ist das Jubiläum der mexikanischen Revolution von 1910 und ein Wiederaufflammen von revolutionären Kräften in Mexiko ist ein Schreckgespenst für die Regierung. Während im zentralen Norden Mexikos der Krieg mit den Kartellen tobt, findet im Süden des Landes ein sozialer Krieg statt. Derzeit verlegt die Regierung größere Armeeverbände in den Süden, weil sie Angst hat, dass es eine Wiederauferstehung der Guerilla geben könnte.

M | Sind die Risiken für einen Lokaljournalisten größer als für einen Journalisten aus der Hauptstadt?

MATIAS ARRANZOLA |  Das Risiko ist für Lokaljournalisten höher als für Journalisten aus der Hauptstadt oder aus dem Ausland. Ein Lokaljournalist wird sehr viel schneller von den lokalen Behörden bedroht, wenn er über brisante Themen in der Gemeinde berichtet. Die lokalen Kaziken wissen wer er ist, wo seine Familie wohnt und so fort. Zudem werden die überregionalen Medien stärker wahrgenommen und an ihnen beziehungsweise deren Personal vergreift man sich nicht so ohne weiteres. Generell gilt die Regel: je kleiner das Medium, desto größer das Risiko.

M | Die Tatsache, dass Mexiko das gefährlichste Land Lateinamerikas für Journalisten ist, dürfte der Regierung kaum gefallen?

MATIAS ARRANZOLA |  Ja, aber national wie international wird das kaum wahrgenommen. Ein Grund dafür ist, dass Mexikos Journalisten schlecht organisiert sind und keine einheitliche Stimme haben.

 

nach oben

weiterlesen

dju fordert Ahndung der Dresdner Angriffe

"Es ist kaum noch zu ertragen, welchen Gefahren sich die Kolleginnen und Kollegen mittlerweile aussetzen müssen, einfach nur, um ihrer Arbeit nachgehen zu können“, sagt Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann. Mit großer Betroffenheit reagierte die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di auf den massiven Gewaltausbruch gegen zwei Journalisten, der sich gestern nach einem siegreichen Fußballspiel des SG Dynamo Dresden ereignete.
mehr »

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Mehr Sichtbarkeit für Frauen beim SWR

Der Südwestrundfunk (SWR) will den Frauenanteil in Radio, Fernsehen und Internet erhöhen und Frauen in allen Programmen sichtbarer machen. Daher stellt sich der Sender als erste Landesrundfunkanstalt der ARD der sogenannten 50:50-Challenge. Nach dem Vorbild der britischen BBC sollen alle Redaktionen ein Jahr lang freiwillig auf ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in ihrem Programm achten. Das Mitmachen in den Redaktionen ist freiwillig.
mehr »

Sie haben Post! – Ein neuer Newsletter

Altbacken, langweilig und viel zu viele: Newsletter galten lange Zeit als überholt. Doch das hat sich geändert. Aus den USA kommt der Trend, dass auch einzelne Journalistinnen und Journalisten ihre Inhalte im Abo direkt an ihre zahlende Leserschaft ausschließlich mailen. Sie stehen weder im Netz noch in gedruckten Medien. Wer Insider-Infos für zahlungsbereite Kundschaft liefert, kann damit sogar Geld verdienen. Einfach ist das allerdings nicht.
mehr »