Bürgerjournalismus reloaded

Wie Correct!v und die FAZ zusammen mit Bürgern investigativ recherchieren wollen

Faule Kredite, Luxusrenten und Bürgermeister, die in den Aufsichtsgremien ihre eigenen Projekte durchboxen? Das gemeinnützige Recherchebüro Correct!v und die Frankfurter Allgemeine Zeitung wollen die 414 deutschen Sparkassen durchleuchten – und setzen dabei auf die Hilfe von recherchierenden Bürgern.

CORRECT!V

Jeder kann mitmachen beim neuen großen Rechercheprojekt von Correct!v und FAZ. Denn: „Kein Journalist der Welt kann allein die Geschäftsberichte von 414 Sparkassen auswerten, darin Auffälligkeiten entdecken und auswerten”, schreibt Correct!v-Chefredakteur Markus Grill – und lädt seit Anfang November auf allen Kanälen zur Recherche in der eigens entwickelten virtuellen Redaktion ein. Hier werde dann „Schritt für Schritt erklärt, wie man als Journalist/in arbeite, wie man Quellen überprüft, Belege herbeischafft und im konkreten Fall: Wo man in einem Sparkassen-Geschäftsbericht die interessanten Informationen findet.”
Journalisten-Ausbildung im Schnelldurchgang – um zusammen Großes aufzudecken: Vier Video-Tutorials zwischen 1.37 und 3.11 Minuten umfasst der „Grundkurs Journalismus”, in dem Correct!v-Redakteur Jonathan Sachse erklärt, wie journalistisches – und vor allem investigatives – Arbeiten funktioniert und wer überhaupt Journalist ist. Im Prinzip jeder, erklärt Sachse das Selbstverständnis hinter dem Projekt: „Es geht darum, mit den richtigen journalistischen Methoden zu arbeiten und die wollen wir euch hier beibringen”, so sagt er es den Nutzern im Schulungsvideo. Eine Neubelebung von Bürgerjournalismus mit Maximal-Ansprüchen?
Die Tipps im Grundkurs reichen vom grundsätzlichen „immer freundlich bleiben”, auch wenn der Gesprächspartner nervt, bis zum Appell für eine ergebnisoffene Recherche, die auch die Ausgangshypothese in Frage stellt. Die Tutorials werden durch verlinkte Hintergrundinformationen ergänzt – alles kann im Kommentarbereich mit der Redaktion diskutiert werden. Im zweiten Kurs geht es im gleichen Stil um den Aufbau und rechtliche Rahmenbedingungen der Sparkassen – und vor allem darum, wo die Rechercheure die Informationen über die jeweilige Sparkasse finden. Die tragen sie dann im Crowdnewsroom zusammen. „Damit wir die Daten der Sparkassen vergleichen können, haben wir zu den Themenbereichen exakte Fragen erarbeitet, an denen alle Rechercheure arbeiten”, erklärt Sachse. Denn: Die Redakteure wollen einen Gesamtüberblick über das System Sparkasse bekommen: Wo liegen besonders viele ausfallbedrohte Kredite, für die die Kommunen dann einspringen müssen? Wie viele Sparkassen haben die Kreditvergabe ausgelagert und in welchem Ausmaß nehmen Lokalpolitiker in den Aufsichtsgremien Einfluss auf das Bankgeschäft? Und das sind nur einige der Leitfragen, an die sich die Redaktion machen will.

Die Crowd – das in der virtuellen Redaktion gecoachte Publikum – dagegen arbeitet kleinteilig: Sie sucht zum Beispiel die Zinssätze der Kreditprodukte oder den Verdienst eines Vorstandes einer bestimmten Sparkasse heraus und gibt sie in die genau auf die jeweilige Frage ausgerichtete Redaktionsmaske ein. Zu allen Daten muss die Quelle mit hochgeladen werden, sonst funktioniert die Eingabe nicht. „Außerdem überprüfen wir alle Daten anhand der mit hochgeladenen Quelle noch einmal”, sagt Sachse. Im virtuellen Redaktionsraum erscheint dann, für alle angemeldeten Nutzer sichtbar, ein grünes Häkchen mit „verifiziert”. „Wir arbeiten ja mit Menschen, die wir nicht kennen”, sagt Sachse. „Deshalb muss sich auch jeder anmelden, bevor er mitmachen kann.”

Nutzerzahl verdoppelt

Und weil jeder Fehler machen kann, gibt es eine Kontrollinstanz: „Zwei redaktionelle Mitarbeiter machen gerade den ganzen Tag Faktenchecks zur Sparkassenrecherche”. Denn: die Resonanz auf das Crowdsourcing-Projekt ist enorm: Schon nach 24 Stunden hatten 166 Benutzer 23 Sparkassen bearbeitet und 713 Datensätze eingetragen. Nach einer Woche hat sich sowohl die Sparkassen als auch die Nutzerzahl verdoppelt, berichtet Sachse. „Es werden täglich mehr.” Die meisten seien keine professionellen Journalisten, glaubt er. „Das merken wir an den Rückfragen.” Aber jetzt arbeiten sie journalistisch. „Wir wollen so auch die Arbeitsweisen von Journalisten transparent machen und vermitteln”, sagt Sachse. Auch, damit Bürger Informationen und ihren Wahrheitsgehalt besser einschätzen könnten. „In Zeiten von Lügenpresse-Vorwürfen und immer mehr Informationsangeboten ist uns der Bildungsauftrag im Projekt sehr wichtig.” Künftig will die gemeinnützige Rechercheplattform häufiger mit Bürgern zusammen recherchieren, die virtuelle Redaktion aus den jetzt entstehenden Erfahrungen weiterentwickeln.
Crowdsourcing eignet sich gut für investigative Recherchen, findet der Münchener Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger. „Wenn es darum geht, in Fleißarbeit große Datenmengen zu bearbeiten, ist eine Recherche mit Bürgerbeteiligung eine sehr gute Möglichkeit, solche Themen als Redaktion überhaupt realisieren zu können”, sagt der Professor.
Neu ist sie nicht, in diesem großen Stil gab es sie aber in Deutschland noch nicht: Der britische Guardian rief 2009 im viel beachteten Projekt „Investigate your MP´s expenses” seine Leser auf, die zuvor im Parlament veröffentlichten Spesenabrechnungen der Unterhaus-Abgeordneten auf Unstimmigkeiten zu untersuchen – und deckte mit Hilfe der Crowd tatsächlich welche auf. „Es funktioniert, wenn eine gut vorbereitete konkrete Aufgabe an die Bürger gegeben wird”, sagt Neuberger. Und in Zusammenarbeit mit professionellen Journalisten – gerade, wenn es um komplexe Recherchen geht wie im Sparkassenprojekt. „Die Ergebnisse aus den Daten zu ziehen, die Übersicht zu behalten und alles in den Gesamtzusammenhang zu stellen, funktioniert nur über Profis.”
So sieht das auch Wiebke Möhring von der Hochschule Hannover, die wie Neuberger zu Bürgerjournalismus und journalistischen Arbeitsweisen geforscht hat. „Wenn eine Crowd eine journalistische Rechercheaufgabe bewältigen kann, heißt das nicht, dass eigentlich jeder Mensch Journalist ist”, sagt die Professorin. „Um die Ergebnisse zu filtern, Uneindeutiges einzuschätzen und darauf zu reagieren, braucht es einiges Mehr an Ausbildung und Professionalität, als es von Laien vorausgesetzt oder schnell erlernt werden kann.” Ein investigatives Projekt mit Bürgerbeteilung funktioniere nur mit absoluter Transparenz über die Arbeitsweise und einer Kontrolle der Rechercheergebnisse durch Journalisten, „sonst ist das Ergebnis nicht verlässlich, vor allem nicht, wenn so viele unterschiedliche Personen beteiligt sind.”
In Konkurrenz zum Profijournalismus sehen beide Forscher Bürgerjournalismus – auch in dieser Form des Crowdsourcings – nicht. „Er ersetzt ja keine journalistischen Arbeitsplätze, sondern er ergänzt und verändert Arbeitsweisen und journalistische Produkte”, sagt Neuberger. Zudem sei die Einbindung von Bürgerjournalisten keine „Gelddruckmaschine”, auch wenn das in Bezug auf Leserreporter immer wieder diskutiert werde. Diese würden in der Regel zwar nicht für Beiträge bezahlt, bei der Umsetzung bräuchten sie aber mehr Betreuung als professionelle freie Journalisten.
Auch Correct!v und FAZ zahlen den Rechercheuren nichts. „Die Nutzer lernen journalistisches Arbeiten und sind motiviert, etwas herauszufinden, das sie selbst betrifft”, sagt Jonathan Sachse von Correct!v. Er weiß das aus den vielen Mails, die die Redaktion über den virtuellen Newsroom erreichen. Mails, in denen den Profis auch viele inhaltliche Detailfragen zum Rechercheauftrag gestellt werden, die sie alle so schnell wie möglich beantworten wollen. Auch in Projekt-Vorbereitung steckt monatelange Arbeit. „Gewinn machen wir damit nicht”, sagt Sachse. „Aber wir alle profitieren von neuen Journalismusformen.”

Sparkassenverband prangert FAZ an

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) greift die Frankfurter Allgemeine Zeitung wegen des Rechercheprojekts an. Das sei „eine neue Form von Kampagnenjournalismus”, erklärte DSGV-Kommunikationschef Christian Achilles gegenüber Kress. Erst werde das Thema gesetzt, dann beginne die Recherche. Zudem würden „diverse unrichtige Behauptungen” verbreitet.

 

nach oben

weiterlesen

Wenn Bildredaktionen und Kompetenz fehlen

Abseits der bekannten Medien-Institutionen existiert eine Szene von NGOs, die unterschiedliche journalistische Aspekte bearbeiten. Eine davon ist n-ost mit einem Fokus auf Cross-Border-Journalismus und Osteuropa. Ihr vorrangiges Ziel war lange Zeit, deutsche Redaktionen mit Texten und Bildern aus Osteuropa zu versorgen. Inzwischen will man Auslandsjournalismus neu denken. Felix Koltermann sprach mit Stefan Günther, dem Bildredakteur der NGO, auch über bildredaktionelle Praxis von Medien allgemein.
mehr »

Kinogeschichte(n) aus Bielefeld

Wenn es um eine „Filmstadt“ geht, denkt man an Berlin, München, Hamburg, vielleicht noch Köln. Aber Bielefeld? Jene Stadt, die Berühmtheit erlangte, weil es sie angeblich gar nicht gibt? Eine Sonderausstellung im Historischen Museum der ostwestfälischen Metropole hält nun diesbezüglich unter dem Titel „Die große Illusion“ bis zum 25. April 2021 einige Überraschungen bereit.
mehr »

Stimmrechte bei VG Bild-Kunst übertragen

Die Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst hat kürzlich Briefe mit den Unterlagen für die Mitgliederversammlung am 5. Dezember 2020 in Bonn verschickt. Wer – besonders in Corona-Zeiten – daran nicht teilnehmen kann oder möchte, hat die Möglichkeit, die eigene Stimme elektronisch abzugeben oder bis spätestens 2. Dezember an einen Verband zu übertragen. Außerdem wird es einen Live-Stream der Mitgliederversammlung im Hotel Hilton geben.
mehr »

Viel Lob – wenig Geld für Fachjournalisten

Durch die Coronakrise erlebt der Wissenschaftsjournalismus einen Hype. Virologe Christian Drosten, der im NDR-Podcast Erkenntnisse zur Pandemie anschaulich vermittelt, erhielt am 1. Oktober das Bundesverdienstkreuz. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten verkündeten im September, „Qualität und Quantität“ ihrer Wissenschaftsberichterstattung auszubauen. Doch die Fachjournalist*innen bleiben skeptisch und suchen weiter nach Wegen, ihre Profession zu stärken.
mehr »