Das falsche Bild von Neda

Eine totgeschriebene Lebende zeugt vom Versagen der Medien

Im Internet kursiert ihr Foto zehntausendfach: Mal steht Neda Agha-Soltan darunter, mal Neda Soltani, Neda Soltan oder Neda Agha-Soltani. Gemeint ist: Die auf einer Demonstration erschossene Neda, der„Engel des Iran“. Mit ihrem Bild, in Unschuld lächelnd mit Kopftuch, wird demonstriert. Es ging um die ganze Welt, ist ein Symbol des iranischen Freiheitskampfs. Doch die Frau auf dem Foto ist nicht tot. Sie lebt im Großraum Frankfurt in einem Asylbewerberheim.

Ihr Name ist Neda Soltani. Bis vor einem halben Jahr war sie Dozentin für englische Literatur an der Teheraner Islamic Azad University. Dann wurde ihr Facebook-Foto für das der toten Neda gehalten. Die Verwechslung der Medien zerstörte ihr altes Leben. „Sie ist zwischen die Fronten geraten“, sagt David Schraven, der Nedas Geschichte im SZ-Magazin aufgedeckt hat. „Im Iran ist schon für weniger getötet worden.“
Die Dramaturgie der Verwechslung ist rasant – und zeigt systematische Recherchefehler: Am 20. Juni 2009 wird gegen Abend in Teheran eine junge Frau niedergeschossen. Von ihrem Sterben gibt es einen Handyfilm, der unmittelbar nach den Schüssen auf YouTube hochgeladen wird. Die Sterbende blickt direkt in die Kamera. Im Hintergrund fällt der Name „Neda“. Schnell wird im Netz recherchiert und es taucht ihr Nachname auf: Soltan. Beruf: Studentin an der Islamic Azad University in Teheran. „Irgendwer hat dann bei Facebook „Neda Soltan“ gesucht“, erzählt Schraven. Gefunden hat er „Neda Soltani“, Dozentin an der gleichen Uni. Noch in der Nacht zum 21. Juni 2009 verbreitet sich das Foto der lebenden Neda in Netzwerken, Blogs und Internetportalen. Kurz darauf bringen es die weltweit wichtigsten Fernsehsender und schon am nächsten Morgen ist Neda Soltanis Bild in den Zeitungen vieler Länder – als das Bild der getöteten Neda. Wütende Demonstranten tragen es im Iran auf Plakaten vor sich, bauen Altäre um das Bild. Die Frau darauf nennen sie „Engel des Iran“. Neda Agha-Soltan ist eine Märtyrerin – mit falschem Bild.
„Sie haben alle voneinander übernommen, ohne Gegencheck“, sagt Schraven. Der Fehler an sich geschieht leicht: Die Frauen sehen sich ähnlich, kommen aus der gleichen Stadt, haben fast den gleichen Nachnamen. Aber eben nur fast: Die tote Neda heißt „Agha-Soltan“ mit Nachnamen und die lebende „Soltani“. „Das hat aber niemanden stutzig gemacht, Schnelligkeit war wichtiger“, sagt Schraven.
Neda Soltani ist am 21. Juni verblüfft über die vielen Facebook-Freundschaftsanfragen. Als sie den Grund erfährt, schreibt sie an den bei der Opposition beliebten englischsprachigen Fernsehsender „Voice of America“. Als Beweis für den Irrtum schickt sie ein Bild von sich. „Voice of America“ verbreitet es – als weiteres Foto der Toten, CBS folgt. Panisch löscht Neda Soltani ihr Foto bei Facebook. Blogger spekulieren daraufhin über Zensur und kopieren das Foto auf hunderte Facebook-Seiten und bei Twitter. Die Eltern von Neda Agha-Soltan machen am 23. Juni authentische Fotos ihrer Tochter öffentlich – das falsche Bild kursiert weiter. Neda Soltani wird vom Regime unter Druck gesetzt. Der Fehler soll die Opposition als Marionetten westlicher Fälscher entlarven. Und auch die Regimekritiker sehen Neda Soltanis Geschichte als Bedrohung und beharren im Internet auf der Authentizität ihres Fotos. Am 2. Juli flieht Neda Soltani nach Deutschland und beantragt Asyl. Am 3. Juli schreibt BBC online über die Verwechslung, am Rande eines Berichts über Internetforen – keine weiteren Medienreaktionen, das falsche Bild taucht weiter auf, von CNN bis Spiegel online.
Seit die Geschichte im Februar als Titel des SZ-Magazin erschien, wird es von immer mehr Verlagen gelöscht. „Das falsche Foto ist aber immer noch im Umlauf“, sagt Julia Grißmer, Neda Soltanis Anwältin. Durch einen Systemfehler, sagt Schraven. „Die Fotoagenturen haben schon vor Monaten Sperrvermerke herausgegeben. Die Fotos sind aber in den Redaktionsarchiven, die werden vor einer Veröffentlichung nicht noch mal kontrolliert.“ Der Gegencheck ist bei der Geschichte auf vielen Ebenen ausgefallen. Einen Grund vermutet Schraven auch in der schlüssigen Neda-PR. „Es gibt ja eine tote Demonstrantin. Ein Bild infrage zu stellen passt nicht in den Sog des berührenden Themas.“ Geprüft haben auch die Blogger nicht. „Die Geschichte zeigt deutlich, dass es auch hier Qualitätsregeln geben muss“, sagt Schraven, der selbst bei ruhrbarone.de bloggt. „Vielleicht durch ein Siegel.“
Die richtigen Informationen waren öffentlich verfügbar, die Wahrheit ging dennoch unter. „Man findet im Internet tausendfach vermeintliche Belege für das Falsche, so entsteht schnell ein neuer falscher Artikel“, sagt Horst Pöttker, Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung. „Die Originalquellen werden fast nie genutzt.“ Durch das Internet könnten sich Fehler gewaltig ausbreiten.
Auch sie selbst sieht das so, sagt ihre Rechtsanwältin. „Sie will keine öffentliche Person sein, hat aber keine Wahl.“ Seit der SZ-Geschichte fragen Journalisten aus aller Welt an. „Sie wird einige zentrale Interviews geben“, sagt Julia Grißmer. Gleichzeitig klagt sie bei den Verlagen auf Unterlassung des Bildes. Einige löschten bereits. „Online wimmelt es aber noch von falschen Fotos“, sagt Grißmer. Sogar die SZ zeigt in einem Online-Archivbeitrag ein Plakat mit dem Bild Neda Soltanis. Bildunterschrift: „Das Schicksal der Neda Agha-Soltan hat Menschen auf der ganzen Welt bewegt.“

 

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