„Das geht die Bande nichts an“

In Bedrängnis geratene Politiker verfallen auf immer fintenreichere Finessen, um hartnäckige Rechercheure auszutricksen

Kurt Biedenkopf versuchte sich als Enthüller in eigener Sache. Über eine laufende Recherche des „Spiegel“ weihte er Ende Januar die gesamte sächsische Landespressekonferenz ein. Der Dresdner CDU-Regierungschef übersandte den Landeskorrespondenten einen Fragenkatalog des Hamburger Nachrichten-Magazins nebst seinen Antworten sowie einen geharnischten Protestbrief an „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust.

Seinen ungewöhnlichen Schritt begründete Biedenkopf mit publizistischer Notwehr – gegenüber einer „Spiegel“-Recherche „in diffamierender Absicht“. Aus einem Anwaltshonorar in Höhe von 100000 Mark, das er 1975 von dem damaligen Pegulan-Chef Fritz Ries, seinem späteren Schwiegervater, erhalten habe, werde „eine Geldübergabe konstruiert“, die den Industriellen „in die Nähe des heutigen Herrn Schreiber rücken soll“. Und Biedenkopf, wie dieser befürchtet, in einen „wie auch immer gearteten Zusammenhang mit der Parteispendenaffäre“.


„Im Wettlauf um Neuigkeiten und Sensationen geht nicht selten die journalistische Substanz verloren.“


Deshalb antwortete der Sachsen-Regent nicht nur dem Hamburger Nachrichten-Magazin, sondern gleich „der ganzen Welt“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ süffisant bemerkt. Biedenkopf indes verteidigte seine Spiegel-Fechtereien: „Da ich mit Blick auf Diktion und Intention Ihrer Fragen davon ausgehen muss, dass meine Antworten unvollständig oder entstellt wiedergegeben werden, habe ich den Regierungssprecher gebeten, Ihren Brief zusammen mit meiner Antwort zu veröffentlichen.“ Jetzt kommt Kurt – ohne Helm und ohne Gurt.

Der durch die CDU-Parteispendenaffäre kräftig angeheizte Enthüllungs-Journalismus treibt seltsame Blüten. In Bedrängnis geratene Politiker verfallen auf immer fintenreichere Finessen, um hartnäckige Rechercheure auszutricksen. Wenn sie nicht – wie Biedenkopf – die Vorwärtsverteidigung einschlagen, blocken sie ab oder lassen – wie Bundespräsident Johannes Rau oder Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) – über renommierte Anwaltskanzleien mit kunstvollen Schriftsätzen antworten, um die Wahrheit zu kaschieren.

Die Drohungen werden dreister, die Einschüchterungen immer unverschämter. Selbst vor Strafanzeigen gegen Enthüllungs-Journalisten scheuen Politiker im Skandalgetümmel nicht mehr zurück. Der über die Düsseldorfer Flugaffäre gestürzte Finanzminister Heinz Schleußer (SPD) will „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort und den beiden Düsseldorfer „Focus“-Korrespondenten Karl-Heinz Steinkühler und Thomas van Zütphen strafrechtlich ans Leder. Wegen „übler Nachrede“ hetzte er ihnen den Staatsanwalt auf den Hals. Eine verzweifelte Revanche. Womöglich haben es die „Focus“-Rechercheure in ihrem Enthüllungsfieber bei der „Flugaffäre“ mit den Fakten nicht immer genau genommen.

Schleußer indes hat die Journaille wochenlang stramm belogen. Niemals, so versicherte er auf etliche Presseanfragen, sei er in weiblicher Begleitung mit den kostenlosen Charter-Jets der WestdeutschenLandesbank (WestLB) herumgedüst. Eine glatte Lüge, die der uneinsichtige Genosse selbst noch nach seinem Rücktritt verteidigte: „Das geht die Bande nichts an.“

Vis-a-vis mit kritischen Fragestellern konfrontiert, verlieren ins Kreuzfeuer geratene Politiker immer häufiger die Contenance. Prominenter Wiederholungstäter ist der nordrhein-westfälische Regierungschef Wolfgang Clement (SPD), paradoxerweise selbst ein gelernter Journalist. Ein Interview mit Redakteuren der „Wirtschaftswoche“ brach der leicht aufbrausende Sozi vor einigen Wochen entnervt ab, als es um Genossen-Filz ging. „Sie stellen ja nur CDU-Fragen“, blaffte Clement die überraschten Interviewer an, stand auf und verließ den Raum.

Dass ausgerechnet die CDU ein Interview des von ihr jahrelang wegen angeblicher Linksabweichung verschmähten WDR-Magazins „Monitor“ im NRW-Landtagswahlkampf einsetzen will, ist ein verdienst des ruppigen Regierungschefs. Als die beiden WDR-Mitarbeiter Ralph Hötte und Georg Restle dem selbsternannten Aufklärer Clement wegen der von ihm mit viel PR-Gewese angekündigten Verbesserung der Transparenz bei Politikerbezügen und Parteispenden auf den Zahn fühlen wollten, flippte Genosse Gnadenlos aus: „Mir ist gesagt worden, Sie wollen mich nach der Minister-Ehrenkommission fragen, und Sie glauben, von den Grünen oder sonst wem was vorhalten zu können und von Amerika bis Deutschland …“, bellte Clement die verdutzten WDR-Reporter an, knallte mit der Faust auf den Tisch und wischte schüchterne Einwände der Interviewer beiseite: „Nun lassen Sie mich mal ausreden. Hören Sie mir mal zu! Sie sind doch wohl nicht zu retten. Sie glauben doch nicht, mir ständig hier dazwischen quatschen zu können. Was glauben Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?“

Dabei hatten die WDR-Leute noch Glück, dass ihnen der dünnhäutige NRW-Premier überhaupt ein Interview gewährte. Einen Redakteur des ZDF-Magazins „Frontal“, ebenfalls an der Aufdeckung der Düsseldorfer Flugaffäre beteiligt, bügelte er auf dem Düsseldorfer Landtagsflur ab: „Ich halte das, was ,Frontal‘ dort betrieben hat, für verleumderisch und deshalb nehme ich mir die Freiheit, Ihnen keinInterview zu geben … Damit müssen Sie sich jetzt abfinden.“

Der Münsteraner Publizistik-Professor Siegfried Weischenberg hält Clement für alles andere als einen Aufklärer: „Wer aufklären will, geht nicht massiv gegen Journalisten vor.“ Während die Politiker über zunehmenden „Hinrichtungs-Journalismus“ klagen – Clement sieht einen „inkompetenten und unfähigen Kampagnen-Journalismus“ am Werk – hält SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz die forsche Gangart der Medienvertreter in der Affären-Berichterstattung für angemessen: „Journalisten müssen anstößig sein dürfen. Sie müssen Machtausübung, die nur vertuschen will, öffentlich anprangern und sie dürfen Wirklichkeit provokant mitgestalten und verändern.“ Kilz‘ Credo: „Politiker sollten Journalisten fürchten, nicht umgekehrt.“

Zweifelsohne treibt der massive Konkurrenzdruck unter den Medien die Rechercheure in den Redaktionen an. „Früher dachte man sich: Der ,Spiegel‘ macht das schon“, sagt Hans Leyendecker, Deutschlands führender Investigativ-Journalist, „bei der Kohl-Affäre stelle ich fest, dass alle unterwegs sind.“ Da wird es selbst für einen Enthüllungskünstler wie Leyendecker mitunter zeitlich eng, wie dieser gegenüber dem „medium magazin“ an einem Beispiel freimütig bekannte: „Ich kam sonntags aus dem Weihnachtsurlaub zurück, am Montag erfuhr ich von der 100000-Mark-Spende des Waffenhändlers Karl Heinz Schreiber an CDU-Parteichef Wolfgang Schäuble. Ein Informant sagte mir, ich dürfte die Geschichte erst am Donnerstag bringen, Montags abend war Schäuble schon in der ARD.“ (wörtlich in M 3/2000).

Ein journalistischer Sittenverfall macht sich seit geraumer Zeit bei redaktionellen Vorabmeldungen breit, die branchenintern auch „Klappermeldungen“ genannt werden. Vor allem Magazine und Wochenzeitungen klappern immer lauter mit vermeintlich Exclusivem und Enthüllendem. Häufig werden Interview-Halbsätze zu Neuigkeiten aufgepumpt, längst bekannte Vorgänge zu exclusiven Affärengeschichten hochgejazzt.

Im Wettlauf um Neuigkeiten und Sensationen geht nicht selten die journalistische Substanz verloren. So meldete der „Stern“ am 1. März vorab, „neue Hinweise“ darauf zu haben, dass der ehemalige NRW-Finanzminister Schleußer „die steuerliche Sonderbehandlung“ des Thyssen-Schmiergeldes in Höhe von 220 Millionen Mark für einen Panzerexport nach Saudi-Arabien mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Helmut Wieczorek ausgedealt haben soll. Vergeblich sucht der Leser im Blatt nach Belegen und Dokumenten für diese sensationell anmutende Enthüllung.

Womöglich hatten die in dem Thyssen-Komplex seit Wochen weit vorn liegenden „Stern“-Rechercheure Panik bekommen, dass sie die Konkurrenz bei der Verwicklung prominenter Sozialdemokraten in die Schmiergeldaffäre plötzlich überholen könnte. Also hoben sie den 50-Zeiler „Schmierenstück“ ins Blatt, der substanziell nichts Neues enthält, aber zu einer sensationsheischenden Vorabmeldung aufpoliert wurde.

„Man hat keine Zeit mehr, um nachzurecherchieren und alles von einer zweiten oder dritten Quelle bestätigen zu lassen“, klagt SZ-Enthüller Leyendecker über die Fehlentwicklungen im journalistischen Gewerbe. „Entweder man macht es oder man macht es nicht.“ Im Zweifel lässt es Leyendecker lieber bleiben: „Wenn es richtig ernst wird und ich die Sache nicht mehr übersehen kann, verzichte ich in jedem Fall auf die Geschichte.“

Der Aufdecker des Flick-Skandals und Kohls scharzer Kassen träumt von acht- bis zehnköpfigen Recherchestäben in den großen Redaktionen, die hartnäckig und langfristig an Themen dranbleiben können. Beispielsweise an Jelzin und seinen Konten in der Schweiz. „Das wäre investigativer Journalismus, wie ihn die Amerikaner machen“, schwärmt Leyendecker. „Wir in Deutschland sind auf diesem Gebiet Dilettanten.“

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