Der lange Weg vom Filmset in die Schule

Spaß am Schauspiel mit der Lehrerin
Foto: Fotolia

Deutschland braucht Lehrkräfte. Immer öfter stehen Quereinsteiger_innen vor der Klasse. Gleichzeitig gewinnt das Thema Medienkompetenz an Bedeutung. Schüler_innen müssen fit gemacht werden – für die Arbeitswelt 4.0 und für einen selbstbestimmten Umgang mit Medien. Doch auch ausgebildete Medienlehrer_innen fehlen. Entlastung könnten Medienprofis bieten, die bereits jetzt auf Honorarbasis unterrichten. Doch die formalen Hürden für die Lehrerlaufbahn sind hoch. Hier die Geschichte von einem, der es geschafft hat.

Fernsehzuschauer_innen und Theaterbesucher_innen ist Martin Dorr bereits auf dem Bildschirm oder auf der Bühne begegnet. Er spielte im „Großstadtrevier“, in „Gute Zeiten schlechte Zeiten“, bei den „Rettungsfliegern“ oder bei „Alarm für Cobra 11“. Seine Bühnenkarriere führte ihn an bekannte Häuser wie das Thalia und das Kampnagel in Hamburg, das Bremer Stadttheater oder das Hans Otto Theater in Potsdam. Als Regisseur und Postproduction Supervisor betreute er Dokumentarfilme, als Cutter schnitt er Berlinale-Berichte für die ARD. Ein vielbeschäftigter Medienprofi.

Schauspieler und Lehrer Martin Dorr
Foto: Stefan Preuhs

Seine Ausbildung absolvierte Dorr an Schauspielschulen in Bremen, Hamburg und Los Angeles. An der Universität Bremen hatte er Deutsch, Soziologie und Kulturwissenschaften mit einem Magister abgeschlossen.

Der Wendepunkt seiner Karriere kam mit Geburt des ersten Kindes. „Ich spielte am Hans Otto Theater und hatte Gastrollen in Hamburg, Göttingen und Bremen. Ich merkte schnell, dass meine familiären Bedürfnisse – zuhause bei meinem Neugeborenen zu sein – sich mit meinen künstlerischen Ambitionen in die Quere kamen. Ich musste mich entscheiden“, blickt Dorr zurück. Er entschied sich für die Familie und schaute sich nach beruflichen Alternativen um.

Bereits früher hatte er Kurse zu Film, Theater und politischer Bildung bei außerschulischen Bildungsträgern angeboten. Jetzt verstärkte er diese Aktivitäten und zog sich langsam aus den zeitintensiven Theater- und Fernsehengagements zurück. Beim Wannsee FORUM betreute er eine Privatschule, die eine angestellte Lehrkraft für Darstellendes Spiel suchte. Dorr wurde angestellter Lehrer an einer freien Schule. Bald unterrichtete er auch stundenweise auf Honorarbasis an staatlichen Schulen. Bezahlt wurde er u.a. aus dem Topf für Personalkostenbudgetierung. Ein Stück näher an den Lehrerjob heran brachte ihn das Angebot einer staatlichen Schule, ihn als Quereinsteiger für das Fach Darstellendes Spiel fest zu übernehmen.

Schulen können externe Kräfte anfordern, mit denen sie bereits über eine längere Zeit zusammengearbeitet haben. Allerdings werden solche Quereinsteiger ohne zweites Staatsexamen zu deutlich schlechteren Konditionen und Rahmenbedingungen beschäftigt, als regulär ausgebildete Lehrer_innen. Sie arbeiten oft nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes zwei Gehaltsstufen tiefer. Auch Dorr ging es so. „Du bist dann Lehrer zweiter Klasse. Das hat mich persönlich früher nie gestört, kann aber auf der langen Strecke durchaus frustrierend sein. An Privatschulen verdienst du nochmal weniger und wirst zudem jährlich überprüft“, gibt er zu bedenken.

Zum Eintritt in den staatlichen Schuldienst brauchte er die Zulassung der Bildungsbehörde und die formale Anerkennung seiner Ausbildung und seiner Qualifikationen. Quereinsteiger_innen können sich in der Regel nur auf Mangelfächer bewerben. Deutsch und Darstellendes Spiel waren aber keine Mangelfächer. Damit türmte die staatliche Zulassung hohe Barrieren vor Dorr auf. So sollte er zum Beispiel 60 Leistungspunkte Theater für Lehramt nachweisen. Die hätte er aber nur an Unis sammeln können, die Lehrer für Darstellendes Spiel (DS) ausbilden. Zu seiner Studienzeit war das nur die Uni Bielefeld – inzwischen ist noch die Berliner Universität der Künste (UdK) hinzugekommen. Während sein Nebenfach Germanistik anerkannt wurde, blieb es beim Hauptfach Darstellendes Spiel kompliziert und vom Wunschfach Film war er noch weiter entfernt. Rückblickend erinnert er sich eher ungern an die Zeit: „Die Behörde tat sich wirklich schwer mit meiner Ausbildung“.

Irgendwann bekam er einen Hinweis auf einen möglichen Ausweichweg. Die UdK bot eine Abschlussprüfung für Darstellendes Spiel an. Dorr musste, um zu dieser Prüfung zugelassen zu werden, selbst ein Colloquium abhalten und verschiedene Veranstaltungen belegen. Auch erkannte die UdK viele seiner bisherigen Leistungen und seine Berufspraxis an. „Für die war letztlich nicht ein schematischer Vergleich, sondern die Gesamtbetrachtung und Gesamtbewertung meiner Qualifikation ausschlaggebend“, freut sich Dorr noch heute.

Mit dem UdK-Bescheid in der Tasche war der Weg zum Referendariat (fast) frei. Er ging mit 19 Wochenstunden in die Unterrichtsverpflichtung. „Reguläre Referendare werden – zu Recht –zurückhaltender eingesetzt und unterrichten maximal 10 Stunden. Für Quereinsteiger gilt eine solche Rücksichtnahme nicht“, stellt Dorr klar.

Nun kann er in Berlin DS und Deutsch unterrichten. Auf die Unterrichtserlaubnis für das Fach Film wartet er noch. Auch hier gibt es noch kein Referendariat. Inzwischen hat Dorr aber, zusammen mit dem Landesinstitut und der Senatsverwaltung schon mal einen „Handlungs- und Orientierungsrahmen Filmbildung“ entwickelt. „Vorrangig geht es um die Schwerpunkte Film verstehen, Film machen und Filmkontext, also darum, größere Zusammenhänge mit Filmen zu erschließen. Dabei nutze ich vorwiegend Projektunterricht. Film ist handlungsorientiert. Darüber reden – aber auch machen“, beschreibt er.

Die in der Oberstufe verpflichtenden Präsentationsprüfungen verbindet Dorr z.B. mit dem Projekt „Film verstehen“ der Deutschen Filmakademie. Er geht mit seinem Kurs in Animations- oder Science Fiction-Filme und lässt dazu Präsentationen erarbeiten. Weitere außerschulische Partner sind das Berlinale Schulprojekt und Cinema de Jeunesse. Hinzu kommt die technische Ausbildung. Die „Knöpchenkunde“ wie sie Dorr augenzwinkernd nennt. Aus dem Bonusprogramm des Berliner Senats für Brennpunktschulen wurden dafür Geräte angeschafft. Inzwischen kann Dorr auch von ersten Erfolge berichten. Etwa zwei von 10 Schüler_innen gehen nach seiner Schätzung in die Filmbranche. „Eine ehemalige Schülerin studiert in Ludwigsburg Ton und ein Schüler dreht gerade im Auftrag einer Produktionsfirma social spots für die Berliner Bahnhofsmission“, erzählt er, sichtlich stolz.

Wie stellt sich die Situation für Quereinsteiger bundesweit dar? „In Niedersachsen etwa gibt es Film zwar auch nur als drittes Fach, aber es wurden Ausbildungen zum Filmlehrer und zum Filmtrainer eingerichtet“ berichtet Dorr. Filmlehrer_innen sind Lehrer_innen, die die Zusatzqualifikation Film erwerben. Filmtrainer_innen sind Film- und Fernsehprofis, die eine pädagogische Zusatzausbildung für die Arbeit in der Schule bekommen. Auch in Bayern gibt es ein ähnliches Programm für Filmlehrer_innen.

 

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