Die Banalisierung des Bösen

Tilmann P. Gangloff, Medienfachjournalist aus Allensbach am Bodensee
Foto: privat

Meinung

Seit einiger Zeit häufen sich in Filmen, Comics und im Internet die Persiflagen auf Adolf Hitler und andere Nazi-Größen. Der amerikanische Historiker Gavriel D. Rosenfeld hält diese Entwicklung für bedenklich, weil sie die moralischen Dimensionen der Vergangenheit in den Hintergrund treten lasse. Er betrachtet die Parodien als Verharmlosung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, was wiederum jenen in die Karten spiele, die schon lange ein Ende des Gedenkens forderten: den Rechtsextremisten.

Wenn ausländische Politiker*innen der Meinung sind, ihrem Staat widerfahre ein Unrecht, an dem Angela Merkel Schuld sei, vergleichen sie die Kanzlerin gern mit Adolf Hitler. Ein unerhörter Affront, natürlich, aber solche Analogien passen in das Bild, das Rosenfeld in seinem Buch „Hi Hitler!“ entwirft. Nach Ansicht des Professors für Geschichte an der Fairfield University (Connecticut) „bricht in weiten Teilen der westlichen Welt eine mächtige Welle der Normalisierung mit der traditionellen Vorstellung, dass die Erinnerung an das Dritte Reich aus einer moralischen Perspektive wachgehalten werden sollte.“ Für Menschen mit Geschichtsbewusstsein ist das nur schwer nachzuvollziehen: Der deutsche Faschismus war für den Tod von rund 20 Millionen Menschen verantwortlich; allein der Holocaust hat fast 6 Millionen Jüdinnen und Juden das Leben gekostet. Im kollektiven deutschen Gedächtnis ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus daher mit Trauma, Schuld und Scham behaftet. Seit geraumer Zeit fordern rechtskonservative bis extrem rechte Kreise jedoch ein Ende des von ihnen so bezeichneten „Schuldkults“. Diese Haltung wird selbst von Menschen geteilt, die ihr Wahlkreuz vermutlich eher nicht bei der AfD machen würden: weil die Vergangenheit, wie Rosenfeld schreibt, auch aus ihrer Sicht „noch immer von einer moralischen Aura geprägt ist, die sie zum Gegenstand übermäßiger, wenn nicht gar zwanghafter Aufmerksamkeit mache.“ Gerade humorvolle Ansätze, fürchtet er, könnten „die moralischen Dimensionen der Vergangenheit in den Hintergrund treten lassen.“

Anders gesagt: Wer Hitler parodiert, bagatellisiert seine Verbrechen. Also gilt das auch für „Der große Diktator“? In dem Meisterwerk von und mit Charlie Chaplin (USA 1940) kommt es zum zufälligen Rollentausch zwischen Diktator Hynkel und einem aus dem Konzentrationslager geflohenen jüdischen Barbier, der dem Gewaltherrscher zum Verwechseln ähnlich sieht. Und was ist mit „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch (USA 1942)? In der tragikomischen Satire werden Gestapo und Wehrmacht nach der Besetzung Polens von polnischen Schauspieler*innen an der Nase herumgeführt. Diese Filme, räumt Rosenfeld ein, nutzen „Humor als Waffe, um Hitlers mythische Aura der Allmacht zu entzaubern.“ Allerdings versicherte Chaplin später, er habe sich „über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“, wenn er von den Konzentrationslagern gewusst hätte.

Mit dem Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten galten Hitler-Persiflagen nach dem Zweiten Weltkrieg als tabu. Fortan waren Filme, die sich mit dem „Dritten Reich“ beschäftigten, in der Regel von einem realistischen Ansatz geprägt. Für die Mitglieder der westdeutschen „Baby Boomer“-Generation war die Zeit des Nationalsozialismus zudem lange ein Schwarzes Loch, weil die Epoche im Geschichtsunterricht häufig ausgeblendet wurde. Das änderte sich ausgerechnet durch eine amerikanische Fernsehserie: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (USA 1978) hatte hierzulande 20 Millionen Zuschauer. Die Miniserie war gerade für junge Zuschauerinnen und Zuschauer eine Art Erweckungserlebnis; viele Jugendliche befassten sich zum ersten Mal überhaupt intensiv mit der Shoa. Ihren Höhepunkt erlebte die Beschäftigung mit dem Faschismus in den Neunzigerjahren: „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg gehörte 1994 zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres, Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996) war ein Bestseller, die Besucherzahlen einer Wanderausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht (1995 bis 1999) übertraf alle Erwartungen, und das ZDF erzielte mit Reihen wie „Hitlers Helfer“ (1996/98) oder „Hitlers Krieger“ (1998) beeindruckende Quotenerfolge. Doch dann schlug das Pendel in die andere Richtung aus.

Natürlich hat es auch vorher schon Filme gegeben, die dem Entsetzen tragikomische Seiten abgewonnen haben, etwa „Das Leben ist schön“ (Italien 1997) von und mit Roberto Benigni als jüdischer Buchhändler, der samt Sohn in ein Konzentrationslager deportiert wird und dem kleinen Jungen erzählt, es handele sich alles nur um ein kompliziertes Spiel. In „Zug des Lebens“ (1998), einer europäischen Koproduktion von Radu Mihăileanu, tarnen die jüdischen Bewohner*innen einer osteuropäischen Kleinstadt ihre Flucht nach Palästina als Deportation in ein Konzentrationslager. Nach der Jahrtausendwende zeigten jedoch gleich mehrere deutsche Filme Adolf Hitler als Menschen wie du und ich, allen voran „Der Untergang“ (2004). Bis dahin war der Diktator meist aus moralischer Perspektive und als Inbegriff des Bösen dargestellt worden; der selbstentlastende Mythos vom verführten Volk hatte ohnehin stets den deutschen Blick auf die Geschichte geprägt. Für Rosenfeld ist es ein Tabubruch, dass ein Film Mitgefühl oder gar Sympathie für Hitler weckt; aber auch ein Beleg für den konservativen Wunsch nach einer normalisierten Sicht der deutschen Geschichte.

„Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007), von Dani Levy ausdrücklich als Gegenentwurf konzipiert, war die erste deutschsprachige Komödie über Hitler und hatte prompt eine polarisierende Wirkung. Bei Levy ist der Diktator demoralisiert und ausgebrannt; ein jüdischer Schauspiellehrer soll den alten Elan in ihm wecken. War Hitler in „Der Untergang“ eine tragische Figur, so wurde er bei Levy und in der Darstellung Helge Schneiders zur Karikatur. In „Er ist wieder da“ (2015) feiert der „Führer“ gar ein lazarusgleiches Comeback als TV-Star, weil die Sendervertreter seine Sprüche von der Weltherrschaft als gelungene Parodie betrachten. Das passt in ein allgemeines Bild, zu dem auch die seit einigen Jahren in digitalen Netzwerken äußerst beliebten Hitler-Memes gehören. In diesen Hunderten von Cartoons und Videoclips wird das ganze Humorspektrum von intelligenter Ironie bis zum geschmacklosen Wortspiel abgedeckt. Auch sie tragen selbstredend zu einer Banalisierung des Bösen bei, die ausgerechnet dem Rechtsextremismus in die Karten spielt. Verharmlosung ist nur der Anfang. Das Ende ist Geschichtsvergessenheit.

Gavriel D. Rosenfeld: „Hi Hitler! Der Nationalsozialismus in der Populärkultur“. Darmstadt 2021: wgb Theiss. 510 Seiten, 48 Euro.

 

 

 

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