Die Farbe des Emailletopfs

Zum Tod von Walther von La Roche

„In der Wildschönau in Tirol kamen wir beim Weißbier ins Reden. Nach einer halben Stunde fragte mich mein Gegenüber: ‚Sind Sie Journalist?’ ‚Ja’, gab ich erstaunt zu, ‚aber wie sind Sie draufgekommen?’ – ‚Ich hab’ mir halt gedacht, weil Sie alles so genau wissen wollten und so besonders gefragt haben …’“

„7 Uhr 18 zeigt die weißlackierte Küchenuhr…“ beginnt ein Beitrag, der Tausenden angehender Journalisten gezeigt hat, was eine Reportage ist. Nach einer Gasexplosion liegen Küchengegenstände herum. La Roche, zum Leser: „Das Wort Küchengegenstände schafft in meiner Vorstellung kein Bild, und wenn, vielleicht ein falsches. Sind es Kochlöffel und Schneebesen oder Küchenwaage, Gewürzgläser, Kochbuch? (…) Vielleicht sagen Sie: Der hat Probleme! Bei einer Gasexplosion mit zwei Toten, 18 Verletzten und einem Vermissten will der womöglich auch noch wissen, welche Farbe der Emailletopf gehabt hat. Möchte ich wirklich.“
Wer eine Journalistenschule oder ein Volontariat absolviert hat, kennt diese Geschichten und das gelbe Buch, aus dem sie stammen: die „Einführung in den praktischen Journalismus“. Wer gleichzeitig mit Walther von La Roche jung gewesen ist, hat seine Radiostimme im Ohr, zusammen mit der Jazz-, Blues- und Popmusik, die er ab den späten 1950-er Jahren in den Bayerischen Rundfunk brachte – eine kleine Revolution. Seine Fans, die man damals Teenager nannte, sandten ihm Platten und kleine Geschenke. Den „Thomas Gottschalk der 60-er Jahre“ nannte ihn die Journalistin Brigitte März.
„Den Satz verstehe ich nicht“: Wer mit Walther von La Roche an einem Buchbeitrag arbeitete, kannte und fürchtete diese Anmerkung. So lang fragte der Journalismuslehrer nach, bis keine Ungenauigkeit, keine Mehrdeutigkeit der Aussage mehr übrig war, ob im „Radio-Journalismus“, „Sprechertraining“, „Wissenschaftsjournalismus“ oder der „Überschrift“. Beim „Online-Journalismus“ rangen wir um jeden Fachbegriff, vom Teaser bis zu HTML (was schließlich ganz hinausflog). Dafür wunderte sich La Roche: „Warum lese ich hier nichts über die journalistischen Darstellungsformen?“ Meinen Einwand, das stehe ja in der „Einführung in den praktischen Journalismus“, ließ er nicht gelten. „Ein junger Mensch, der in den Online-Journalismus will, wird sich nicht zwei Bücher kaufen“, verfügte er. Und ich schrieb in einer Woche ein Kapitel über die Darstellungsformen im Online-Journalismus, von La Roche lektoriert.
Gibt es noch Journalisten, die man an ihren Fragen erkennt? Will noch jemand die Farbe des Emailtopfs wissen? Wenn ja, dann ist es mit das Verdienst von Walther von La Roche, der im Mai in einer Herrschinger Klinik gestorben ist. Er wurde 74 Jahre alt.

 

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