Die Geschichte hinter der Geschichte

Das SO36 ist ein bekannter Konzertsaal in Berlin-Kreuzberg. Es steht für Konzerte, Partys, politische Veranstaltungen, Mischformen davon – und auch ein bisschen für Ausgefallenes. An diesem Dienstagabend steht letzteres auf dem Programm. Über 150 Leute, die allermeisten zwischen Anfang 20 und Mitte 30, dürften gekommen sein, um sich für 10 Euro Eintritt auf Bierbänke zu setzen und Journalist_innen zuzuhören. Die sollen erklären, wie sie eine bestimmte Veröffentlichung erarbeitet und was sie sich dabei gedacht haben. „Journalism on Stage“ heißt dieses Format, das erst zum zweiten Mal stattfindet.

Es geht um „die Geschichte hinter der Geschichte“, wie es die veranstaltende Agentur Policult formuliert. Policult organisiert seit Jahren sogenannte „Science Slams“, wo Menschen aus der Wissenschaft mit Kurzvorträgen auf einer Bühne stehen. Die jahrelange Erfahrung der Agentur ist spürbar: Eine launig auftretende, aber inhaltlich und durch Situationskomik überzeugende Moderatorin führt ins Thema ein; ein Co-Moderator soll die Fragen aus dem Publikum einfangen (wird aber unnötig aufgewertet, denn als Mikrofonhalter wäre er genug); vor der Bühne sind zwei Computer platziert, an denen Fragen und Anmerkungen per Internetplattformen entgegengenommen werden, falls jemand zu schüchtern zum Ergreifen des Mikrofons ist; und für einige Veranstaltungsabschnitte gibt es eingespielte Ansagen und Musik.

Die Moderatorin führt zu Beginn nicht nur in die Themen der vier Vorträge ein, sondern macht auch klar, dass die Veranstaltung einen ernsten Hintergrund hat. Zum einen kann es um berufspraktische Fragen gehen, wie: „Kann man vom Filmemachen leben? Lohnen sich schlecht bezahlte Volontariate?“ Zum anderen soll diese Veranstaltung „den Glauben an die Vierte Gewalt zelebrieren“. Erwähnt wird gleich zu Beginn, dass Deutschland in der Rangliste der Pressefreiheit nur auf Platz 16 liegt.

In jeweils 20-minütigen Vorträgen, an die sich eine Fragerunde anschließt, sollen nun Medienschaffende ein bereits veröffentlichtes Projekt vorstellen. Den Aufschlag macht die taz-Redakteurin Doris Akrap, deren Thema gut an die Einleitung anschließt. Akrap ist seit Kindheitstagen mit dem in der Türkei eingesperrten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel befreundet und eine der Organisatorinnen der Solidaritätskampagne für ihn. Sie hat kürzlich ein vierseitiges Interview mit ihm geführt – Fragen und Antworten gingen über einen Zeitraum von drei Wochen über Yücels Anwälte hin und her, denn fast niemand darf ihn besuchen. Akrap sorgt zwangsläufig für eine etwas gedrückte Stimmung, reflektiert aber auch kurz darüber, wie es ist, einen wohlbekannten Menschen zu interviewen, bei dem sie wahrscheinlich sogar merke, wenn er mal nicht ganz die Wahrheit sagt.

Ein klassischer Fall für „Journalism on Stage“ ist der Besuch Daniel Erks bei Martin Sellner, dem Anführer der Identitären Bewegung Österreichs. Erk hat die radikalen Kulturalisten für „Zeit Campus“ auf eine Weise behandeln wollen, die nicht deren Strategie entspricht, mit symbolischen Aktionen für Medienberichterstattung und damit für Eigenwerbung zu sorgen. Der Autor berichtet von den konzeptionellen Überlegungen und seinen Gefühlen bei der Reportage in Wien und erhält auch einige Publikumsfragen dazu. Das wiederholte Eigenlob droht kurz etwas unschön zu werden:  Erk hält sich zu Gute, „akkurat“ und „fair“ mit Sellner umgegangen und nicht auf ihn reingefallen zu sein. Aber am Ende äußert er auch in einem Punkt Verbesserungspotenzial für seinen Artikel.

Der „Welt“-Volontär Adrian Arab erstaunt im Anschluss, als er berichtet, wie er seine Redaktion dazu gebracht hat, ihm eine Recherchereise zum Präsidentschaftswahlkampf in Liberia zu finanzieren, obwohl er von ganz Afrika erst mal keine Ahnung gehabt habe. Seine Erfahrungen mit Verkehrschaos, Zeit-Nichtmanagement und der Beliebtheit des ehemaligen Tyrannen und Massenmörders Charles Taylor dürften ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten sein, auf die sich unsereins bei einer Reportage in anderen Kulturen einstellen muss. Hier wie bei den anderen Vorträgen zeigen die Publikumsfragen, dass da so einiger journalistischer Nachwuchs auf den Bierbänken sitzt. Auch beim zuletzt auftretenden Dokumentarfilmer Tristan Ferland Milewski werden Fragen zum methodischen Vorgehen gestellt.

„Journalism on Stage“ überzeugt; wird sich aber erst langsam entwickeln. Gregor Büning, Inhaber der veranstaltenden Agentur Policult, kündigt im Gespräch mit M für dieses Jahr nur zwei weitere Termine in Berlin an, ebenfalls im SO36. Gebraucht werden Geldgeber, denn das Konzept trägt sich laut Büning nicht selbst. Es soll aber inhaltlich, etwa mit thematischen Schwerpunkten oder Gästen aus dem Ausland, und örtlich ausgeweitet werden. Die bisher für Vorträge angefragten Medienschaffenden hätten jedenfalls „enthusiastisch“ reagiert, sagt Büning.

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