Die Krise auch als Chance begreifen

Tina Groll
Foto: Murat Türemis

Lange war Journalismus nicht so wichtig und unverzichtbar wie in diesen Zeiten. Journalismus zwischen Homeoffice, Homeschooling, Videokonferenz und Telko-Interview, zwischen Kontaktverboten, Ausgangsbeschränkungen und Vor-Ort-Recherchen trotz erheblicher gesundheitlicher Risiken ist eine Herausforderung. Aber es lohnt sich auch: Fast überall verzeichnen Medien einen Anstieg der Zugriffszahlen, ein Quotenhoch – eine höhere Nachfrage.

Die meisten Journalistinnen und Journalisten arbeiten in der Corona-Krise härter und intensiver als sonst – trotz vielerorts kaputt gesparter Redaktionen. Zudem wurden mit Beginn der Kontaktbeschränkungen aufgrund der ausgerufenen Pandemie und dadurch bedingt wegfallender Termine in der Öffentlichkeit zuerst die freien Kolleginnen und Kollegen quasi „kalt gestellt“. Die Redakteur*innen übernehmen alle Themen – auch außerhalb von Corona – selbst. Nicht wenige sind am Limit ihrer Belastbarkeit, physisch und psychisch. Dennoch: Sie wollen ihren Job gut machen. Trotz direkter digitaler Kommunikationswege suchen die Menschen Orientierung und Einordnung, Kommentierung und Selektion von Nachrichten und Informationen. Sie wollen vor allem auch Nachrichten aus ihrer lokalen Umgebung. Gerade deshalb ist es widersinnig, dass vielerorts Regional- und Lokalzeitungen Kurzarbeit eingeführt haben oder einführen wollen.

Die Corona-Krise ist aber auch eine Chance für den Journalismus. Eine große Chance, wirtschaftlich – etwa, in dem Verlage digitale Erlösmodelle vorantreiben sollten. Aber auch eine Chance für die politische Berichterstattung, denn selten bekamen Journalistinnen und Journalisten so schnell Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Unternehmenslenkende für Interviews. Und diese nutzen die Möglichkeiten gerne, greifen nicht auf eigene Newsrooms, Blogs oder Podcasts zurück. Nein, sie stellen sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten,  lassen Widerspruch zu.

Und trotzdem macht sich Krisenstimmung breit: In den von Kurzarbeit betroffenen Redaktionen gibt es nur wenig Widerstand. Warum stehen viele Journalistinnen und Journalisten nicht auf, wenn wie mit der Gießkanne Kurzarbeit auch über die Redaktionen verteilt wird, obwohl es irre viel zu tun gibt? Die Antwort scheint einfach: Weil besonders in der Tagesprintpresse die Redaktionen ausgedünnt sind, die Journalistinnen und Journalisten nach Jahrzehnten in der sogenannten Mediendauerkrise mit immer neuen Sparrunden müde sind, weil sie längst verinnerlicht haben, dass sie einem sterbenden Medium angehören.

Aber das ist nur ein Blick auf die Branche. Der andere schaut in die Onlineredaktionen – die vielerorts ohnehin von den Print- und Rundfunkredaktionen nicht mehr zu unterscheiden sind, weil alles verschmilzt. Hier werden mit großem Innovationseifer neue Formate erprobt und vorangetrieben, Daten verarbeitet, teilweise sogar Künstliche Intelligenz (KI) programmiert, um damit Journalismus zu machen. Die Beschäftigten arbeiten schon lange digital, sie sind nahezu reibungslos als gesamte Redaktion in den Remote-Zustand gewechselt und vielleicht produktiver als jemals zuvor. Es ist kein Zufall, dass die renommierte John-Hopkins-Universität sich bei ihrer Zählung der Corona-Fälle in Deutschland auf die Recherchen mehrerer Qualitäts-Onlinemedien verlässt!

Und dennoch bemängeln Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Journalismusforschende eine fehlende kritische Distanz der Medien zu den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Sie mahnen die einzigartige Systemrelevanz der Medien an und prophezeien, wenn diese kritische Distanz verschwinde, wenn es zu einem grassierenden Tageszeitungssterben kommen sollte, dann würde die gesamte Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Selbstbeobachtung verlieren.

Mit Verlaub: Das ist Quatsch. Es gibt keine Corona-Medienkrise. Aber es gibt eine Beschleunigung der Digitalisierungsprozesse in den Medien.In Zeiten einer Pandemie und wenn viele politische Entscheidungsträger einen guten Job machen, muss es erlaubt sein, dies auch mal sagen zu dürfen als Journalistin oder Journalist. Das hat nichts mit fehlender Kritikfähigkeit zu tun. Wenn sich Ereignisse überschlagen und es in der Geschichte angesichts dieser dramatischen, weltweiten Schnelligkeit der Entwicklungen keinerlei Erfahrungen und Referenzwerte gibt, ist es ganz normal, dass politische Entscheiderinnen und Entscheider Fehler machen oder dass man eine Situation mit etwas Abstand anders bewertet, neue Erkenntnisse gewinnt und diese in Abwägung von Entscheidungen einfließen. Dass Medien nicht kritisch nachfragen – Beispiel Mundschutz – davon kann keine Rede sein. Immer wieder haben Journalistinnen und Journalisten in Qualitätsmedien die Frage nach den Masken gestellt. Die Bewertung veränderte sich aber mit der Ausweitung der Pandemie und der Verfügbarkeit der Masken.

Dass Medien auch eine Unterhaltungsfunktion haben und Tipps für die Gestaltung der Freizeit in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen geben – auch dies ist eine wichtige und sogar systemrelevante Funktion von Medien: Sie sollen auch unterhalten. Was nur würde mit der Gesellschaft geschehen, würden sich alle Medien nur auf Kritik versteifen, nach Fehlern und Missständen suchen? Die Menschen würden noch viel mehr verängstigt, das Misstrauen in die staatlichen Institutionen und die politischen Entscheidungstragenden würde noch mehr steigen, das Vertrauen in sie geschwächt. Eine gute Bewältigung der Pandemie und Krise würde erschwert, wenn nicht gar verhindert. Das sind die Gefahren für die Demokratie.

Unabhängiger und kritischer Journalismus stirbt nicht – er verändert sich nur. Er findet statt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, er findet statt in den Qualitäts-Onlinemedien, in vielen Zeitungen, aber auch im digitalen Raum, wo großartige Medien entstanden sind. Er findet aber auch statt auf YouTube, denn es gibt viele neue Medienschaffende, die aufklären, die kritisch nachfragen, die aufdecken, die informieren und Orientierung geben.

Eine Kritik aber ist berechtigt: Der privatwirtschaftlich finanzierte Journalismus, insbesondere die regionalen und lokalen Tageszeitungen, stand schon vor der Krise unter Druck. Vielfach nutzen die Verlegerinnen und Verleger das Wegbrechen von klassischen Anzeigen nun, um sich ihrer sozialen und demokratischen Verantwortung zu entziehen. Es ist verantwortungslos, Redaktionen in Kurzarbeit zu schicken, wenn vor allem die Anzeigenabteilungen betroffen sind. Es wäre klüger, jetzt das digitale Geschäft voranzutreiben – und dabei mehr digitales Knowhow einzukaufen. Die Journalistinnen und Journalisten sollten ihren Job machen können. Denn die Gesellschaft braucht den Journalismus vielleicht dringender als je zuvor.

 

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