Corona: Herkels Wochenrückblick Nr. 2

Jeden Montag gibt es von Günter Herkel bis auf Weiteres eine subjektive Rückschau auf relevante oder auch amüsante Meldungen und Entwicklungen rund um die Medienbranche.
Bild: 123rf

dpa hat nach eigenen Angaben im März 241 Eilmeldungen verschickt, rund zwei Drittel zu Corona-Themen. Der Wert wurde erst einmal übertroffen: im März 2011 mit 270 Eilmeldungen zur Reaktor-Katastrophe in Fukushima. Medienvielfalt geht irgendwie anders auch in diesen Zeiten.

Deshalb steht hier zunächst der Hinweis auf eine Reportage von Fabian Goldmann auf Übermedien, eine – wie der Autor im Nachsatz schreibt – „Geschichte über Menschen, für die sich in Corona-Zeiten kaum noch jemand interessiert“. Das Ergebnis einer einwöchigen journalistischen Begleitung von Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze. Keine der vom Autor kontaktierten rund 20 Redaktionen zeigte Interesse.

Wenn die Not am größten ist, schwingen sich Medien-Analysten gern zu Königen der Alliteration auf: Unter der kriegerischen Headline „Corona-Crash: Das März-Massaker der Medienaktien“ beleuchtet ein Branchendienst den jüngsten Niedergang börsennotierter Unternehmen wie Springer (-13 %), das sich ohnehin ab heute (6.4.) vom Parkett zurückzieht, RTL Group (-30 %) und ProSiebenSat.1 (-50 %). Wie in jeder Krise gibt es neben den Losern auch Gewinner. Zu letzteren zählt Netflix. Für dieses Geschäftsmodell existiert bereits ein neuer Terminus: Die Bleib-zuhause-Aktie.

Keine Corona-Resistenz von Medienarbeitsplätzen

Erst hieß es vielfach, Medienarbeitsplätze seien weitgehend Corona-resistent. Im Journalismus komme das nicht in Betracht. Zum Monatswechsel häufen sich jedoch die Schreckensmeldungen. Laut Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) prüft etwa die Hälfte der Verlage die Einführung von Kurzarbeit, auch in den Redaktionen. Bereits eingeführt wurde sie bei Bertelsmann, bei der Funke-Gruppe, bei Studio Hamburg (NDR), ab 1. April auch bei der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Hier die lesenswerte Geschichte von Josef-Otto Freudenreich aus der kontext wochenzeitung.

Auch die „Zeit“ plant Kurzarbeit. Und beim „Spiegel“, so meldet Meedia, erwägt Chefredakteur Steffen Klusmann, ab Mitte April nicht nur Kurzarbeit, sondern zudem einen harten Sparkurs (10 Mio. Euro Sparvolumen) inklusive Abbau von Arbeitsplätzen. Über die Zuspitzung der Arbeitssituation speziell von freien Journalist*innen informiert ein Überblicksartikel von Alexander Graf bei Übermedien. Flüchten oder Standhalten? Da die Krise nicht von heute auf morgen enden dürfte, sind Medienarbeiter*innen in der nächsten Zeit auf ein robustes Nervenkostüm angewiesen. Tipps zum Erwerb entsprechender Skills vermittelt ein Kress-Text eines auf Journalist*innen spezialisierten Coaches.

In Sachen Rundfunk nörgeln AfD und auch Sachsen-Anhalts Staatskanzleichef Rainer Robra über die angepeilte minimale Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Das TV-Publikum treibt aber derzeit wohl nicht die Sorge um ein paar Cent mehr Beitrag um. Eher schon der Frust wegen ausfallender Lieblingssendungen. Nach dem Exitus der „Lindenstraße“ trifft es nun die Fans von “In aller Freundschaft – Die Krankenschwestern”. Während in Deutschlands Spitälern (nicht nur) das weibliche Personal real Unmenschliches leistet, müssen ihre Fiction-Schwestern „wegen Corona“ erst mal pausieren. Miserables Timing! Schlimm für die Freunde der seichten Muse: Der Dreh zur „Schlagerlovestory – Die total verliebte Frühlingsshow” muss ausfallen: Wegen Risiko-Minimierung – zu viele Live-Zuschauer!! Vom gecancelten ESC gar nicht erst zu reden!!!

Einen Lichtblick gabt es immerhin: die Redaktion von Zapp kehrte aus der kurzzeitigen Pause zurück. Mit einem Corona-Spezial, das sich mit dem Journalismus in der aktuellen Krise beschäftigt. Themen: „Spiegel“-CvD im Homeoffice, Einsam im Newsroom der dpa, Freie im Seuchenstress, Glanz und Elend des Lokaljournalismus unter Corona-Bedingungen.

Nicht so schön dagegen: ZDF-Talkerin Maybrit Illner kommt ARD-Kollegin Anne Will am Sonntagabend neuerdings mit einem „Corona-Spezial“ in die Quere. Diese Art von „Systemkonkurrenz“ ist nun wirklich überflüssig.

Pressefreiheit in der Corona-Krise

Das in Ungarn verabschiedete „Gesetz zur Bekämpfung des Coronavirus“ sorgt EU-weit für Empörung, wie auch M Online berichtete. Der Autokrat Orban ist nicht der einzige Regierungschef, der sich anschickt, im Windschatten der Covid-19-Pandemie seine Herrschaft zu zementieren, unter anderem durch eine massive Unterdrückung der Pressefreiheit. Reporter ohne Grenzen (RSF) informiert auf einer Themenseite „Pressefreiheit in der Corona-Krise“ über die übelsten Entwicklungen weltweit. Das Aushebeln von Grundrechten ist aber nicht allein die Spezialität der üblichen Verdächtigen – China, Iran, Türkei, etc. Auch in Deutschland wirken sich die im Zuge der Corona-Krise getroffenen grundrechteinschränkende Maßnahmen inzwischen massiv auf die Arbeit von Journalist*innen aus. Kontaktverbote, faktische Ausgangssperren, virtuelle Pressekonferenzen erschweren Interviews, Recherchen und Drehs vor Ort. Alle relevanten Gesetze, Verordnungen und Verfügungen samt Auswirkungen auf die Pressefreiheit liefert RSF verdienstvollerweise in einer ständig aktualisierten Tabelle.

Die Rolle der „vierten Gewalt“ in diesen Zeiten

Nachdem anfangs sehr viele Medien die Maßnahmen der Exekutive wohlwollend begleiteten, ist inzwischen die Debatte über die Rolle der „vierten Gewalt“ angesichts dramatischer Eingriffe in die Grundrechte voll entbrannt.

Dazu eine Auswahl empfehlenswerter Texte:

Kritische Geister wie der „Freitag“-Verleger Jakob Augstein wehren sich gegen den „common sense“ der Corona-Fixierung. Ihn treibt um, „dass der Gesundheitsstaat ganz schnell zum Überwachungsstaat werden kann“. Medienwissenschaftler Otfried Jarren mahnt im Medien Fachdienst epd, die aktuelle Dominanz der Exekutive fordere vom Journalismus „ein Höchstmaß an Achtsamkeit, Vorsicht, Zurückhaltung und Distanz“.

Die aktuelle Fokussierung der Medien auf Corona sei verständlich, meint auch Medienjournalist Christoph Sterz im DLF-Magazin @mediasres.  Doch einige Journalistinnen und Journalisten ließen in diesen Zeiten jede kritische Distanz vermissen, Sein Fazit: Auch bei Corona ist Embedded Journalism nicht angebracht.

Auf Heise online sieht Timo Rieg gar den „Journalismus im Krankenstand“. Zitat: „Fachleute sollen wie andere Lobbyisten für ihre Positionen werben. Für ihren Wunsch nach möglichst langem Leben, für Wirtschaftswachstum, für Selbstbestimmung, für was auch immer. Diese sehr verschiedenen Sichtweisen verhandelbar zu machen ist die Aufgabe des Journalismus. Im Falle von Corona hat er sich dieser Aufgabe bisher fast komplett verweigert.“ Schließlich noch „Journalismus in Corona-Zeiten: Eine Kritik der Kritik“ von Mandy Tröger findet sich im medienblog.hypotheses. Sie unterscheidet zwei Hauptströmungen: Die einen kritisieren einen „Panikmodus” der Medien oder „Systemjournalismus”, die anderen werfen den Kritikern vor, sie hielten „Realitätsverleugnung für Systemkritik.” Eine Art Bestandsaufnahme der Debatte aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht.

Gab es auch was zu lachen? Mal sehen!

„Wer Titanic liest, isoliert sich. Er findet keinen Anschluss mehr. Das ist wirksamer als jede Kontaktsperre“, bekannte Titanic-Chefredakteur Moritz Hürtgen unlängst im „Spiegel“-Interview. Vieles, was Corona mit sich bringt, schreie geradezu danach, auf komische Weise verarbeitet zu werden. Auf dem April-Titel gelingt dies eher nicht. Es zeigt das Konterfei eines grinsenden Robert Habeck („Alarmstufe geil“) vor virusfarbigem Hintergrund, darauf der Spruch „Neuer Super-Erreger entdeckt“. Nun ja…

Wer von all den „Jetzt-ist-die-Zeit-reif-für-Selbstoptimierung“-Videos auf YouTube angeödet ist, kann vielleicht mit diesen Quarantäne-Tipps eines unbekannten Home-Office-Bewohners etwas anfangen:


Corona: Herkels Wochenrückblick Nr.1.

 

 

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