Doch zum Premier hat es gereicht

Der neue britische Premierminister Boris Johnson war vor seiner politischen Karriere Journalist. Er galt in der Branche als nicht primär wahrheitsorientiert, vor allem nicht in seiner Zeit als Korrespondent in Brüssel. Dass er trotz seiner Hetze gegen die EU zum Spitzenpolitiker wurde, spricht auch von einem Versagen des seriösen Journalismus.

Ralf Hutter Foto: Privat

In gewisser Hinsicht ist Boris Johnson ein erfolgreicher Journalist: Offensichtlich war er in den 1990er Jahren maßgeblich daran beteiligt, mit Zeitungsartikeln eine Stimmung zu erzeugen, die ihm schließlich zu ungleich mächtigeren Positionen außerhalb des Journalismus verholfen hat. Der ehemalige Außenminister wird britischer Premierminister, nachdem eine viel kritisierte Kampagne im Vorfeld des Austrittsreferendums einen relevanten Teil des Wahlvolkes – wenn auch keine Mehrheit – überzeugte. Und nachdem jahrelang in großen Zeitungen irreführend über die EU berichtet worden war.

Laut Martin Fletcher, ehemaliger Brüsseler Korrespondent der Zeitung Times, war Johnson der Pate dieser Anti-EU-Hetze. Schon 2016, gleich nach der Volksabstimmung über den EU-Austritt, schrieb Fletcher im Magazin New Statesman über Johnsons Treiben in den frühen 1990ern. Als damaliger Brüssel-Korrespondent für die Daily Telegraph habe Johnson, so Fletcher, den EU-Skeptizismus auf ein neues Niveau geführt. Der Korrespondent habe sich ständig über die EU-Kommission lustig gemacht und ihr auch mittels unwahrer Überschriften einen Regulierungsirrsinn untergeschoben – etwa ein Verbot von Chips mit Shrimpsgeschmack und die Einführung einer Einheitsgröße für Kondome. Fletcher erwähnt gar, dass Johnson in einem Interview mit der BBC später zugab, das Machtgefühl genossen zu haben, als seine Knaller immer wieder in der Konservativen Partei zündeten. Jedenfalls habe er damit nach und nach die Einstellung eines Teils der Partei zur Europäischen Union und, schlimmer noch, die EU-Berichterstattung anderer Zeitungen beeinflusst. 2017 legte Martin Fletcher mit einem viel längeren Artikel nach und zitierte ehemalige hochrangige Diplomaten, die Johnsons Professionalität kritisierten. So urteilte Chris Patten, langjähriger Konservativen-Abgeordneter und letzter britischer Gouverneur von Hong Kong: „Als Journalist in Brüssel war er einer der größten Exponenten von Scheinjournalismus.“

Vor und nach seiner Zeit in Brüssel arbeitete Johnson auch bei anderen Medien. Zu Beginn seiner Laufbahn, als Praktikant bei der Times, sei er rausgeworfen worden sein, weil er ein Zitat erfunden hatte, weiß die englischsprachige Wikipedia. Dort sind, gestützt auf Johnson-Biografien, weitere Verfehlungen aufgelistet: So soll er einem abgehörten Telefonat zufolge einem Studienfreund zugesagt haben, ihm die Privatadresse eines Journalistenkollegen zu geben, der zu Straftaten ebendieses Kommilitonen recherchierte. Auch als Kolumnist und Herausgeber verschiedener Medien war Johnson wohl eher nicht für journalistische Qualität bekannt. Zudem soll er zwei Redaktionen mit späten Abgaben seiner Texte und arrogantem Verhalten genervt haben. Johnson ist als wenig verantwortungsbewusstes Großmaul verschrien, und das bereits seit seiner Zeit als Journalist. Sogar Artikel mit rassistischen Bemerkungen über Schwarze soll er abgedruckt haben, worüber er aber Jahre später Bedauern äußerte.

Dass die Kampagne für den EU-Austritt Großbritanniens von großen Zeitungen gestützt wurde, die bereits jahrelang ein ungerechtes Bild der EU gezeichnet hatten, ist oft kritisiert worden. Da ist der seriöse Journalismus unterlegen. Doppelt versagt hat er, weil Johnson in seiner ehemaligen Branche nicht so gebrandmarkt wurde, dass er diskreditiert gewesen wäre. Als Journalist nicht viel wert, hat es für ihn zum Spitzenpolitiker dennoch gereicht.

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