DOK Leipzig: ver.di-Preis für „unbequemen Film“

Die 62. DOK Leipzig zog 48 000 Zuschauerinnen und Besucher an
Foto: Sarah Schaefer

Eine Woche lang Kino: Das 62. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm zeigte mehr als 300 Filme aus über 60 Ländern. Beeindruckende Frauen vor der Kamera und auf dem Regiestuhl prägten das Festival. Doch die Frau an der Spitze, Direktorin Leena Pasanen, verabschiedet sich mit der diesjährigen Ausgabe aus Leipzig. Gewinnerin des ver.di-Preises für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness ist eine Regisseurin, deren Film es den Zuschauer*innen nicht leicht macht.

Die Szenerie wirkt harmlos: Ein Haus aus dem 19. Jahrhundert, heute eine Ferienanlage, direkt an der Elbe gelegen, im Vordergrund eine Tischtennisplatte und ein Volleyballfeld. Es ist Winter, die Sonne scheint. Die Kamera verharrt lange in dieser Einstellung. Wir hören die Stimme einer Frau, die mit ruhiger Stimme aus einem Artikel der Lokalzeitung aus dem Jahr 1933 vorliest. Das Naturfreundehaus, so erfahren wir, wurde im März von der SA besetzt, um dort ein Konzentrationslager einzurichten.

„Zustand und Gelände“ ist der Titel des Films von Regisseurin Ute Adamczewski, der zu den großen Gewinnern bei der diesjährigen DOK Leipzig zählt. Adamczewski wurde für dieses Werk mit dem ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness und mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb ausgezeichnet.

Mit einer bemerkenswert ruhigen Bildsprache zeigt der Film Landschaften und Orte des heutigen Sachsen: Wohnhäuser, Straßen, eine alte Fabrik. Es gibt keine Protagonist*innen, die durch den Film tragen, nur die Frauenstimme aus dem Off. Sie liest aus Dokumenten, Briefen und Erfahrungsberichten vor, die die Geschichte dieser Orte offenlegen. Vor allem geht es um den März 1933, als überall in Sachsen Lager eingerichtet wurden, in denen die Nationalsozialisten ihre politischen Gegner einsperrten.

Ute Adamczewski (3.v.l.), Gewinnerin des ver.di-Preises und einer Goldenen Taube, mit den Jury-Mitgliedern Moritz Schlingmann, Bettina Reichmuth und Martin Klindtworth (v.l.n.r.)
Foto: DOK Leipzig/Jana Mila Lippitz

„Das ist ein unbequemer Film“, sagt Martin Klindtworth, Mitglied der ver.di-Jury, im Gespräch mit „M“. Durch seine außergewöhnliche Erzählweise sei der Film alles andere als massentauglich, aber von „höchster künstlerischer Qualität“. Die ver.di-Jury betont in ihrer Begründung für die Auszeichnung die Aktualität des Films: „Gewalt gegen Andersdenkende kommt aus der Mitte der Gesellschaft, damals wie heute, ununterbrochen.“

Auch bei der diesjährigen Ausgabe von DOK Leipzig erlaubte sich die ver.di-Jury zusätzlich zur Preisvergabe, einen Film lobend zu erwähnen: „Im Stillen Laut“ von Regisseurin Therese Koppe porträtiert zwei 81-jährige Frauen auf ihrem Hof in Brandenburg. Erika und Tine sind seit 40 Jahren ein Paar. In dem Film blicken sie auf ihr Leben als Künstlerinnen in der DDR zurück. Der Film zeige „eindrucksvoll, wie aus gesellschaftlichen Nischen individuelle Freiräume werden können“, so die Jury.

„Im Stillen Laut“ kann als exemplarisch gelten für die beeindruckende Präsenz von Frauen bei Dok Leipzig – sowohl auf dem Regiestuhl als auch vor der Kamera. Die Regisseurinnen nahmen die Zuschauer*innen mit in ein südindisches Frauenhaus („Girls of Paadhai“), zu Klempnerinnen in Jordanien („Waterproof“) und Pakistans erster Taxifahrerin („Zahida“), in das armenische „Village of Women“, in dem Frauen den Ton angeben, und nach Moskau zu einer Hebamme und alleinerziehenden Mutter, die sich nach Erotik sehnt – und offen darüber spricht („Puberty“).

Seit dem vergangenen Jahr gilt bei dem Festival eine Quote – mindestens 40 Prozent der Filme im Deutschen Wettbewerb sollten unter weiblicher Regie sein. 2018 wurde dieses Ziel bereits übertroffen, und auch in diesem Jahr führte bei sieben von zehn Filmen im Deutschen Wettbewerb eine Frau Regie, bei einem weiteren Film war eine Frau an der Regie beteiligt.

Davon, dass Männer unterrepräsentiert waren, kann jedoch keine Rede sein. Zwei Filme, die zu den zentralen Werken des Festivals gehören, stammen von Regisseuren. Da wäre zum einen der diesjährige Eröffnungsfilm: „Das Forum“ von Marcus Vetter, der Beobachtungen aus dem Inneren des Weltwirtschaftsforums in Davos anstellt. „Exemplary Behaviour“, Gewinner der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb, ist mit einer zweifachen menschlichen Tragödie verbunden: Der Mord an seinem Bruder veranlasste Regisseur Audrius Mickevičius, der Frage nachzugehen, wie ein Mörder für seine Tat büßt. Mickevičius erkrankte während der Produktion und verstarb, sein Freund Nerijus Milerius stellte den Film fertig.

Im Festivalprogramm wäre eine Rückschau auf die Ereignisse der Friedlichen Revolution in diesem Jubiläumsjahr – und noch dazu in Leipzig – naheliegend gewesen. Doch die Festival-Macher*innen entschieden sich für einen anderen Weg. „Wir wollen bewusst nicht das Datum 1989 ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen. Uns interessiert viel mehr seine Vor- und Nachgeschichte“, sagte Ralph Eue, Programmer bei Dok Leipzig, im Vorfeld des Festivals. So drehte sich die Retrospektive um 40 Jahre „BRDDR“, zu sehen gab es Filme seit dem Jahr 1949 aus Ost und West.

Mit der diesjährigen Ausgabe des Festivals verabschiedet sich Festivaldirektorin Leena Pasanen nach fünf Jahren aus Leipzig. Ab 2020 wird sie das Biografilm Festival in Bologna leiten. Ihr Nachfolger wird ab Januar Journalist und Filmkritiker Christoph Terhechte sein, der zurzeit als künstlerischer Leiter für das Internationale Filmfestival Marrakesch zuständig ist.

Die DOK Leipzig zeigte in der Festivalwoche vom 28. Oktober bis zum 3. November insgesamt 310 Filme und interaktive Arbeiten aus 63 Ländern. 48 000 Besucher*innen kamen in die Kinos und zu den Veranstaltungen. Vergeben wurden 24 Preise in einem Gesamtwert von 82.000 Euro.

 

 

 

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