Einzeln oder vernetzt?

Von der Erkenntnis um die Wichtigkeit einer journalistischen Ethikdebatte

Ein „Medienkodex“ geistert dieser Tage durch die Branche. Es scheint, als hätten alle sehnsüchtig auf ­diese Neuheit in der journalistischen Ethikdebatte gewartet, denn: Die zehn Regeln vom netzwerk recherche werden auf einschlägigen Medien-Seiten abgedruckt – ohne Kommentar; die Macher werden interviewt – zumeist nicht sehr tiefgründig-recherchierend. Nur vereinzelt regt sich Kritik, die sich vor allem gegen die ­Arroganz der Netzwerker richtet. Realitätsverlust wird vermutet, da die neuen ­„Kodexierer“ Regeln aufgestellt haben, die alltagsfern und in ihrer Reinheit kaum durchsetzbar sind.

Die lancierte Initiative hat nicht nur den faden Beigeschmack des Sich-selbst-zur-Schau-stellens, sondern auch der Ignoranz gegenüber der Masse der BerufskollegInnen, den Journalistengewerkschaften und Selbstkontrollgremien der Branche. Die beschäftigen sich nämlich schon seit Jahrzehnten mit ethischen Standards! So ist die Aussage in der Prä­ambel des Medienkodex, dass es für Journalisten eines Leitbildes bedarf weder neu noch originell. Das hat sich die dju – und nicht nur sie – bereits seit ihrer Gründung auf ihre Fahnen geschrieben und in unzähligen Debatten bei Fach- und Gewerkschafts­tagungen und Aktionen umzusetzen versucht. (http://dju.verdi.de)
Wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema in all seinen Facetten – Kampf um Redaktionsstatute, Abschaffung des Tendenzschutzparagraphen, Zensurfälle … – auch durch die Berichterstattung in M einschließlich ihrer Vorläufer Publizistik und Kunst sowie Feder. Wer sich Zeit für ­Recherche nimmt, findet entsprechende Belege. So hat die dju auf ihrem Bundeskongress 2003 die „Charta zur Sicherung von Qualität im Journalismus“ beschlossen. Neben den Grundsätzen des Deutschen Presserates finden sich hier vor allem Forderungen nach gehaltvoller Aus- und Weiterbildung, nach guten Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherheit, nach Zeit für ­Recherche und nach redaktioneller Unabhängigkeit, der Trennung von jour­nalis­tischer Information und Werbung – und das bezogen auf alle Medien.
Nun kommen die Netzwerker und ­sagen: „Journalisten machen keine PR“. Ein Satz, den engagierte KollegInnen im Tiefsten ihres Innern sicher gut heißen! Aber die Realität ist eine andere: Selbst gestandene Journalisten machen nicht nur Journalismus, sondern auch PR, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nur: Sie trennen sauber, oder versuchen es zumindest! Da provozieren die apodiktisch formulierten zehn Netzwerk-Regeln eher ­genau so überzogene Gegen-Thesen wie die des Magazins V.i.S.d.P: „Journalisten machen pausenlos PR“.
Fakt ist: der Druck der werbenden Wirtschaft und von Profitmaximierern auf Redaktionen wächst, in Zeitungs-Monopol­kreisen oder bei den Öffentlich-Rechtlichen gibt’s sogar steigenden Politik-Druck – von ambitionierten Tendenzver­legern mal ganz abgesehen. Eine oft unterschätzte Gefahr ist auch die emotionale Nähe von Fachjournalisten zu Entscheidern in ihrer Branche: Einerseits sind zuverlässige Kontakte und Quellen notwendig, andererseits erwächst aus Einsichten und Achtung ein menschlich verständ­liches, aber trotzdem professionell zu unterdrückendes „emotionales Bestechungspotenzial“.

Die Mühen der Ebene

Das alles thematisiert netzwerk recherche in seinem Medienkodex ebenso wenig wie die Ursachen dafür, dass viele freie JournalistInnen allein von journalistischer Arbeit kaum überleben können, also den Abbau fester, ordentlich bezahlter Stellen und die massive Kürzung von ­Honoraretats. Nach praktikablen Lösungsvorschlägen, wie dieser Negativ-Trend zu stoppen und umzukehren ist, sucht man ebenso vergeblich. Zumindest sind die vom netzwerk recherche konkret geforderten Redaktions- und Beschwerdeausschüsse sowie Ombudsstellen kaum einfach zu ver­wirklichen, wie das Ringen um Redaktionsstatute seit vielen Jahren zeigt. Außerdem gibt es schon eine Menge Selbstkontrolleinrichtungen in den je­weiligen Branchen, von der Presse über Fernsehen, Film und Multimedia bis zu ­Videospielen. Sich um deren Reform und Weiterentwicklung entsprechend der Kom­munikationsveränderungen zu kümmern, ist mühselige Kleinarbeit, wie die Journa­listenvertreter im Deutschen Presserat (www.presserat.de) bezeugen können. Dessen Öffentlichkeitsarbeit mag Mängel haben, seine Sanktionsgewalt begrenzt sein, aber in 50 Jahren hat er auch schon viel erreicht. Sein Pressekodex wird immer wieder aktuellen Medienentwicklungen angepasst (Seite 21).
Deshalb stört beim Medienkodex, dass die offenbar die Mühen der Ebene scheuenden Netzwerk-Recherchisten was „Neues“ erfinden, statt auf Modernisierung von Bestehendem zu setzen und zwar zusammen mit denen, die das schon tun. Bisher kämpfen nämlich Journalisten­gewerkschaften oft allein auf weiter Flur. Verblüffend dabei: Gerade wenn es um die ureigensten Interessen geht, fehlt die entsprechende Berichterstattung der Journalis­ten. Wo liest, hört, sieht man etwas über die Demonstration italienischer Journa­listen zu Beginn der Winterolympiade, über die Gründe für Journalistenstreiks in Deutschland oder über dju-Journalistentage?
Auch haben dju, DJV, Vertreter der Zeitungsverleger und von Bildungseinrichtungen gemeinsam die „Initiative Qua­lität“ ins Leben gerufen (www.initiative-qualitaet.de). Sie engagiert sich beispielsweise auf dem Feld der Zertifizierung von Bildungsangeboten – mit magerem Medienecho. Man stelle sich vor, nur ein Bruchteil der im netzwerk recherche und häufig gleichzeitig in dju oder DJV organisierten KollegInnen würde in ihren zum Teil renommierten Medien darüber berichten? Der 20. Journalistentag der dju am 25. November 2006 bietet dafür erneut eine Chance! Vielleicht gleichermaßen für eine Vernetzung derjenigen, die sich für die Verwirklichung eines Leitbildes für Journalisten einsetzen.

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