Fotografieren ohne zu diskriminieren

Rege Diskussion auch über den Umgang mit Models
Foto: Andi Weiland

Wenn auf Bildern schwarze Anwälte zu sehen sind, weibliche Autoknacker, kopftuchtragende Ärztinnen und rollstuhlfahrende Kommissare, dann werden Merkmale wie Nationalität, Religion und Hautfarbe unwichtig.“ So umschreibt Carmen Colinas ihre Vision von einer diskriminierungsarmen Bildberichterstattung. Sie ist Mitglied bei den Neuen deutschen Medienmachern, die zusammen mit den Sozialhelden und dem Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland in Berlin einen Workshop für Fotograf_innen und Bildredakteur_innen veranstalteten, um Leitlinien für journalistische Praxis zu erarbeiten.

Carmen Colinas, freie Journalistin und Dozentin, erläuterte an zahlreichen Beispielen, dass Fotos keine objektive Abbildung, sondern subjektive Interpretationen von Wirklichkeit sind und widerspiegeln, wer über Deutungsmacht verfügt – wie etwa die Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht zeigte. Bilder hätten dabei einen größeren Einfluss als Texte, da sie unbewusst und emotional wirkten und sich als Visiotype in das Gedächtnis einbrennen. Als Resultat einer „bestimmten Perspektive vereinheitlichen sie Vielfalt“, so Colinas. Menschenmassen seien beispielsweise Visiotyp für Flucht und wenn es um Islam gehe, würden oft muslimische Männer von hinten und Moscheen gezeigt. Die Redaktion von „Report Mainz“ tappte in diese Klischeefalle, als sie einen Beitrag über Salafisten mit einer Moschee illustrierte, bei der es sich in Wirklichkeit um eine ehemalige Dresdner Tabakfabrik im orientalischen Stil handelte.

Visiotype beinhalten Assoziationsketten. Während das Thema „Islam“ oft mit „Gefahr“ verknüpft wird, sind in Beiträgen über Arbeitsmarkt oder Bildung zumeist „weiße Deutsche“ zu sehen. Obwohl 80 Prozent der Menschen, die 2013/14 aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland kamen, in die Erwerbstätigkeit gingen, dominierten sie Bilder von Armutszuwanderung und Sozialbetrug. Colinas: „Wir sind alle konditioniert bei unserem Sehen!“ Eine andere Sicht vermittelte die Deutsche Welle, die rumänische Ärzte interviewte, die in großer Zahl zuwanderten. Wie wichtig die Irritation durch Umkehrung der Perspektive ist, um Visiotype aufzubrechen, zeigte Colinas am Beispiel der Spendenwerbung einer Entwicklungsorganisation für Patenschaften: Auf dem Foto sind die armen Kinder weiß und ihre reiche Patentante ist schwarz.

Dass eine andere, ungewohnte Perspektive aber auch aggressive Reaktionen nach sich ziehen kann, verdeutlichte Markus Ulrich, Pressesprecher und Leiter des Berliner Büros des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) am Beispiel der Stadt München. Ihr Familienpass 2014 , der zwei Männer mit Kind und ein Frauenpaar mit Kindern zeigt, rief zahlreiche Hater auf den Plan. In Hassmails wurde ein „neutrales Bild“ von einer „normalen Familie“ gefordert. Homosexualität werde immer als „Abweichung von der heterosexuellen Norm, als Provokation und als Bedrohung markiert“, so Ulrich. Das begrenzte Fotorepertoire demonstrierte er an einer Google-Bildersuche: Lesben werden selten gezeigt und bei der Darstellung von Schwulen „könnte man vermuten, dass sie den ganzen Tag Sex hätten“. Wie diese Auswahl an Symbolbildern in Redaktionen zu Fehlgriffen führen kann, verdeutlichte Ulrich an einer „heute“-Nachricht zur „Rehabilitierung von Justizopfern“ 2017. Dabei ging es um homosexuelle Männer, die aufgrund des Paragraphen 175 zwischen 1949 und 1969 inhaftiert wurden. Der Beitrag war illustriert mit einem Hände haltenden Männerpaar mit nacktem Oberkörper – von hinten. „Das unpassende Bild stammt wohl von einer CSD-Parade“, meinte Ulrich, der sich weniger klischeehafte Bilder und eine breitere Thematisierung von Lesben und Schwulen wünschte: “Vielfalt kann es nur geben, wenn Differenz dargestellt wird.“

Auf der Suche nach der richtigen Perspektive beim Fotoshooting
Foto: Andi Weiland

Für die Sozialhelden referierten Pressesprecher Andi Weiland und Fotografin Anna Spindelndreier über Bilder von Menschen mit Behinderungen. Zum Beispiel zeigen Stockfotos von Getty Images eine Frau im Rollstuhl, die am Swimmingpool einen Verlobungsring von ihrem Lover überreicht bekommt. Auf dem zweiten Foto schiebt er sie an den Rand, auf dem dritten sieht man sie im Wasser liegen. „Die Frau im Pool kann keine echte Rollstuhlfahrerin sein“, so Spindelndreier. 80 Prozent der Models seien nicht authentisch. Auch grenzwertige Verschlagwortung von Fotos zeigt sich an dieser Bilderserie. So gibt es hier außer „Rollstuhl“, „Swimmingpool“ u. a. auch das Stichwort „Euthanasie“. Weiland erläuterte unterschiedliche Blicke auf Behinderung: bewundernd oder instrumentalisierend, wenn es um Spendenwerbung geht. Der medizinische Blick setze Behinderung oft mit Krankheit gleich und viel zu selten gebe es den inklusiven Blick. Das Thema Inklusion in der Schule werde immer mit Rollstuhlfahrer_innen – zumeist von hinten – bebildert. Mädchen oder Jungen mit Downsyndrom seien „besondere Kinder“.

Weiland ist Leiter der Fotodatenbank „gesellschaftsbilder.de“, Spindeldreier arbeitet ehrenamtlich für dieses Sozialhelden-Projekt. Hier finden Redaktionen diskriminierungsarme Fotos von Menschen mit Behinderungen, die sie kostenfrei nutzen dürfen. “Wir unterscheiden uns durch unsere Kommunikation mit den Models von anderen“, so Weiland. Die Datenbank enthält ca. 1.800 Bilder. „Uns wird vorgeworfen, dass wir noch sehr weiß sind, sagte er und freute sich darauf, zusammen mit den Medienmacher_innen und dem LSVD das Repertoire der Gesellschaftsbilder-Datenbank zu erweitern.

Rege diskutierten die Teilnehmenden über die Inputs – etwa darüber, dass Menschen mit Behinderungen, muslimische Männer oder Homosexuelle häufig von hinten gezeigt würden. „Das sei nicht unbedingt als Diskriminierung zu werten, meinte ein Fotograf mit Verweis auf Datenschutz- und Persönlichkeitsrechte: „Zum Beispiel habe ich eine Autistin von hinten fotografiert, weil sie nicht erkannt werden wollte.“ Im Umgang mit den Models gab es unterschiedliche Erfahrungen. Ein Fotograf berichtete: „Die meisten Menschen sind schüchtern und freuen sich, wenn ich mit einer Bildidee komme.“ Ein anderer meinte: „Ich muss zuerst mit den Menschen sprechen, sie kennenlernen und dann können wir gemeinsam eine Idee entwickeln.“ Wenn Bilder einen Shitstorm nach sich ziehen, sollten sich Journalist_innen und die dargestellten Menschen nicht verängstigen lassen, denn „dieser ist zumeist organisiert“ und: „Die am lautesten brüllen, sind nicht immer die Mehrheit.“

Die Workshopteilnehmer_innen erprobten sich anschließend beim Fotoshooting mit verschiedenen Models. Die Fotos wie die von Lukas Kapfer werden anschließend in der „gesellschaftsbilder.de“- Datenbank veröffentlicht. Bei der Diskussion von Leitlinien waren sich alle einig, dass Fotograf_innen bereits während ihrer Ausbildung für diskriminierungsarme und vielfältige Bilder sensibilisiert werden sollten, so Luciana Ferrando vom Organisationsteam. Auch die Kommunikation zwischen Bildredaktionen, Fotografinnen und Agenturen müsse verbessert werden. Bald stellte sich heraus, dass ein Treffen nicht reicht, um Leitlinien zu entwickeln. Die Gruppe wird weiter in Kontakt bleiben und daran arbeiten.

 

 

 

 

 

 

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