Silvesternacht in Köln – Symbol und Lehrstück

Silvester in Köln - Blick auf den Dom vom anderen Rheinufer Foto: Picture Alliance

„Köln“ ist ein Symbol geworden für „sexuelle Übergriffe nordafrikanischer Männer auf deutsche Frauen“ und ein Lehrstück für die Medienberichterstattung. Diese ließ sich Deutungsmuster aufzwingen – nicht nur durch Hetze in sozialen Medien, sondern auch von Verlautbarungen aus Politik und Polizei. Fairness und Vielfalt blieben auf der Strecke. Zu diesen Ergebnissen kommt die Salzburger Medienwissenschaftlerin Ricarda Drüeke in ihrer Studie „Zu den TV-Nachrichten in ARD und ZDF über die Silvesternacht 15/16 in Köln“, die sie im Auftrag des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus &Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat.

Für die Studie wurden die öffentlich-rechtlichen Sender unter die Lupe genommen, weil sie laut Programmauftrag zu Vielfalt und Minderheitenschutz verpflichtet sind. Die akribische Untersuchung der insgesamt 97 Beiträge, die vom 4. bis 20. Januar in den ARD- und ZDF-Nachrichtensendungen ausgestrahlt wurden, liest sich spannend wie ein Krimi. Der Kölner Hauptbahnhof bei Nacht, Handyvideos von Menschenmassen, auf denen kaum einzelne Personen identifizierbar sind – diese immer wieder kehrenden Bildmotive visualisieren Bedrohungsszenarien, die aus der Berichterstattung über Geflüchtete nur allzu bekannt sind und die Rassifizierung der mutmaßlichen Täter erleichtern.

Zumeist wird zwar allgemein von „Männern“ gesprochen, gefolgt von den Bezeichnungen „Flüchtling“ und „Asylsuchender/-bewerber“. Die Herkunft bleibt in 53 Prozent der Fälle ungenannt, in 32 Prozent ist aber schon bald von arabischen und nordafrikanischen Ländern die Rede – zumeist ohne eine Quelle für diese Annahme zu nennen. Ein handgeschriebener Zettel mit „anzüglichen Bemerkungen“, der bei einem „arabisch stämmigen“ Verdächtigen gefunden wurde, dient neben den diffusen Handyvideos als Beweis für „sexuelle Übergriffe“. Auf die Opfer dagegen wird kaum eingegangen, in wenigen Beiträgen sind sie als „weiß“ und „Mitteleuropäerinnen“ charakterisiert, dreimal wird berichtet, dass sie sich gewehrt hätten. Ansonsten sind die Perspektiven der betroffenen Frauen ausgeblendet.

Kontext: Asyl statt sexualisierte Gewalt

Da verwundert es nicht, dass die Schlussfolgerungen, die aus „Köln“ gezogen werden, bei den mutmaßlichen Tätern ansetzen, deren schnelle Ausweisung gefordert wird: „Die öffentlich-mediale Debatte fokussiert rasch auf politische Konsequenzen von rechts-konservativer Seite: Abschiebung und Verschärfung der Asylgesetzgebung“, so Drüeke. Unberücksichtigt bleibe in der Nachrichtengebung, dass „der größte Teil sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft nach wie vor im Nahbereich stattfindet.“ Eine Überarbeitung des Sexualstrafrechts wird nur in 3,1 % der Beiträge thematisiert.

Diese Kontextualisierung hängt eng damit zusammen, wer zu Wort kommt und so Deutungsmacht erhält. Zu 71 Prozent sind es Politiker_innen und zu 47 Prozent Vertreter_innen der Polizei. Nur ganz selten kommen Zeug_innen, Opfer, Frauen allgemein, Wissenschaftler_innen und zivilgesellschaftliche Akteur_innen zu Wort, Geflüchtete werden überhaupt nicht direkt zitiert. Drüeke resümiert, da „über die Ereignisse hinaus nicht auf sexualisierte Gewalt bedingende Strukturen hingewiesen wird („rape culture“), erscheinen die Vorkommnisse der Silvesternacht als singuläres Ereignis, bedingt durch eine spezifische Gruppe und einen spezifischen Ort.“

Dass sich dieses Berichterstattungsmuster, mit dem das Thema sexualisierte Gewalt in der öffentlich-medialen Debatte rassistisch „eingefärbt“ wurde, bereits in den TV-Nachrichtensendungen zeigt, verdeutlicht Drüeke durch eine Analyse von Schlüsselszenen. Bereits in der zweiten Januarwoche sei ein Zusammenhang zwischen Flüchtlingen bzw. Asylbewerbern und den sexuellen Übergriffen konstruiert worden, auch wenn es damals noch keine einzige Anklage gab. Diese Rahmung mittels eines „rassifizierenden Subtextes“ illustriert sie an ARD-Korrespondent Robin Lautenbachs Aussage in der „tagesschau“ vom 10. Januar: „Neben der Willkommenskultur geht es jetzt verstärkt um die Sicherheit der Menschen in Deutschland.“ Die Berichte legten nahe, dass sexualisierte Gewalt etwas sei, das von „außen“ unsere Gesellschaft bedrohe. Unterstützt werde diese Deutung von einem Zitat Angela Merkels, die von „unserer Kultur“ spreche.

Fazit: Vielfalt statt Verlautbarungen!

Wie können Journalist_innen nun Diskriminierungen vermeiden und ihre ethischen Ansprüche auf Fairness und Vielfalt einlösen? Aus dem Lehrbeispiel „Köln“ schlussfolgert Drüeke zunächst, dass bei einer fairen Berichterstattung gleiche Maßstäbe für alle angewendet werden müssen und nicht immer wieder bestimmte Gruppen mit bestimmten Merkmalen präsentiert werden dürfen, da diese Wiederholungen Stereotype verfestigen.

Wünschenwert sei ein „Journalismus, der solche Muster identifiziert und das Spektrum des Berichtenswerten erweitert.“ Medienschaffende sollten häufiger auch anderen Gruppen aus der Zivilgesellschaft ein Forum bieten und nicht nur Regierungsvertreter_innen – zumal Medien ja auch eine Kritik- und Kontrollfunktion haben. In der „Köln“-Berichterstattung habe es zwar durchaus auch solche Beiträge gegeben, z.B. im „heute journal“ am 7. Januar einen „Zwischenruf“ der Feministin und Netzaktivistin Anne Wizorek. Aber Beiträge wie dieser seien bisher nicht für den Diskurs bestimmend gewesen, so Ricarda Drüeke. Deshalb sollten Journalist_innen in ihrer Informationsgebung weniger auf die Verlautbarungen von Regierung und Politik reagieren und „damit nur bestimmte Narrative präsentieren“, sondern diese stärker hinterfragen, Themen reflektieren, und vor allem auch eine eigene Agenda vorschlagen.

Die Studie wird nach Auskunft des GWI am 18. November online gestellt und in einer Podiumsdiskussion am 22. November in Berlin diskutiert.

 

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