Gar nicht wirklich auf Titanic reingefallen

Wir können es nicht beweisen, aber, uiuiui, in der SPD muss ja grad ne böse Intrige abgehen! Mit dieser journalistisch aufbereiteten Botschaft machte die Bild-Zeitung am 16. Februar ihre Titelseite auf. Grundlage waren  Vermutungen und dubioses Material eines anonymen Informanten. Nun gibt die Zeitschrift Titanic bekannt, sie habe die Bild damit reingelegt. Die ganze Wahrheit ist aber noch trauriger.

Dass die Titelgeschichte nicht koscher war, fiel schnell auf. Ein Russe sollte der Bild seinen E-Mail-Verkehr mit dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert zugespielt haben. Letzterer wollte in dem Mailwechsel vermeintlich Unterstützung im Online-Kampf um den aktuellen SPD-Mitgliederentscheid über die Regierungsbeteiligung kaufen (automatisierte Stimmungsmache in Online-Netzwerken). Die Jusos sagten der Bild, dass diese angeblichen E-Mails nicht von ihnen gewesen sein können, also verkaufte das Blatt die Sache als „Schmutzkampagne bei der SPD“. Das Bildblog hat den Fall umgehend dargestellt und zu Recht festgehalten, dass da eigentlich nicht genug Futter für eine Enthüllungsgeschichte war.

Die echte Story hat sich nun erst  heute ergeben. Das Magazin Titanic behauptet, hinter dem Material zu stecken, und veröffentlichte eine Datei mit den E-Mail-Inhalten und -Metadaten, auf die man bei Bild hereingefallen sein soll.

Doch dass die Bild getäuscht wurde, ist nicht der Hauptaspekt. Für das Skandalblatt war es offensichtlich zweitrangig, was für Material das war. Hauptsache, es wurde ein bisschen dazu recherchiert und es ist eine steile These rausgesprungen. Doch eben diese These ist eine Luftnummer. Sie besagt: Irgendjemand soll von SPD-Servern aus E-Mails in Kevin Kühnerts Namen verschickt haben, um ihn mit einem russischen(!) Online-Manipulateur in Verbindung zu bringen. Nur: Eine Kampagne kann daraus nur werden, wenn diese Behauptung in die Öffentlichkeit gelangt und Kühnert schlecht aussehen lässt. Das war aber nicht der Fall. Es gab die von der Bild auf die Titelseite gehievte „Schmutzkampagne“ gar nicht. Es kann sie auch nicht geben, wenn Medien die Sache ordentlich recherchieren. Das tat Bild sogar! Der Artikel schloss laut Bildblog mit dem Satz: „Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.“

Am Montag legte der Autor des Textes, Filipp Piatov, aber nach, um die Luftnummer weiter am Leben zu erhalten: „Bild erhielt direkten Zugang zur E-Mail“, schrieb er, und „Experten“ hätten sie überprüft. Zitiert wird dann nur „Cyber-Security-Professor Timo Kob“ mit der Aussage, es sei wohl tatsächlich ein SPD-Server benutzt worden. Gegenüber M sagt Kob: „Unter dem Vorbehalt bestimmter Prämissen“ stimme die zitierte Aussage. Allerdings habe Bild nicht seine ausführliche Stellungnahme veröffentlichen wollen, so dass er einer verkürzten Version zugestimmt habe. Nun „scheinen genau diese Prämissen nicht zuzutreffen“, die er genannt hatte.

Chefredakteur Julian Reichelt – der sich soeben im Fernsehen eher als Hetzer, denn als seriöser Journalist profiliert hat und auch sonst dem Blatt einen Besorgnis erregenden Stempel verpasst – rechtfertigt heute per Twitter das Vorgehen seiner Zeitung. Die Geschichte sei nur veröffentlicht worden, weil die SPD Strafanzeige gestellt habe. Eine journalistisch peinliche Begründung. Umso mehr, als Reichelt festhält, Autor Piatov sei in Sachen „Desinformation“ erfahren und „von Beginn an skeptisch“ gewesen.

Wahrscheinlich wären auch andere Medien auf den Titanic-Trick reingefallen. An dem Fall zeigt sich aber, was die Hauptkritik an dem Treiben der Bild sein sollte, die wir einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung zufolge nicht als journalistisches Produkt ansehen müssen: Da arbeiten nicht durchgeknallte Hetzer, sondern Leute, die das journalistische Handwerk verstehen. Sie sind nicht so dumm, wie sie oft scheinen, sondern folgen mit ihren kalkulierten Grenzüberschreitungen der Logik mal von Propaganda, mal von Kommerz.

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