Geht alle an: Vielfalt gegen Rassismus

Die Jury-Vorsitzende bei ihrer Laudatio für den Kartoffel-Preisträger Spiegel TV. screenshot: www.neuemedienmacher.de

„2020 – das Jahr, in dem deutsche Medien Rassismus entdeckten.“ Unter diesem Motto stand der mehrtägige Online-Bundeskongress der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM). Diskutiert wurde über Rassismus und Vielfalt – Themen, die alle angehen und in deutschen Medien „noch ausbaufähig“ sind. – Spiegel TV hatte sich der „Clan-Kriminalität“ gewidmet und sie fast nur arabischen Großfamilien und Rom*nja zugeschrieben. Für diese Form rassistischer Berichterstattung verliehen die Medienmacher*innen den Negativpreis „Goldene Kartoffel“. 

Nach dem launigen Video-Auftakt mit Jury-Präsidentin Sheila Mysorekar ging es direkt zur Sache: Es gab eine „großartige Berichterstattung“ über die Black-Lives-Matter-Proteste in den USA, sagte Reporterin Tory Parrish von der „National Association of Black Journalists“. Journalismusforscher Jay Rosen, Gründer des Blogs PressThink, ergänzte: „Die Los Angeles Times entschuldigte sich für ihre bisherige Berichterstattung über die Black Community in der Stadt.“ Es ist sehr schwer für Journalist*innen, über Rassismus zu sprechen, da Worte und Routinen fehlten, erklärte Danielle Brown Kilgo, Professorin für Medien und Diversity an der University of Minnesota. Das hänge mit der fehlenden Diversität in den Redaktionen zusammen. Parrish: „Das war schon vor zwanzig Jahren so und ich verstehe nicht, warum! Es heißt, es gebe zu wenig schwarze Journalist*innen, aber bei unseren jährlichen Black-Journalists-Treffen haben wir mehr als 4.000 Teilnehmer*innen!“

Während der Online-Konferenz Foto: NdM

Wie über Rassismus berichten?

„In Deutschland sind die Probleme ähnlich, aber es ist noch schwieriger, über Rassismus zu schreiben“, bemerkte Hakan Tanriverdi, Reporter für Cyber- und IT-Sicherheit beim Bayerischen Rundfunk. In der NSU-Berichterstattung 2011 war noch von „Döner-Morden“ die Rede, Reporter*innen vertrauten Polizei und Politik blind, die Opfer der Neonazis wurden nicht gehört. Beim Anschlag in Hanau im Februar dieses Jahres sei die „Berichterstattung okay“ gewesen und als Hassverbrechen eingeordnet worden. Das sei nicht genug, es müsse kontinuierlich berichtet werden von Leuten, die sich auskennen.

Diese kommen aber hier wie dort kaum zum Zuge. Rosen erläuterte, Kampagnen für mehr Diversity in den Redaktionen funktionierten wegen des journalistischen Selbstverständnisses in den USA nicht, das schwarze Journalist*innen vor unauflösbare Widersprüche stelle. Im US-Journalismus zähle Objektivität und Unparteilichkeit, wenn über Fakten und Meinungen berichtet wird. Schwarze Journalist*innen würden eingestellt, um die Perspektive ihrer Community in die redaktionelle Arbeit zu integrieren, dann aber erwarte man von ihnen „views from nowhere“, d. h. eine neutrale, keine parteiliche, anwaltschaftliche Perspektive. Brown Kilgo meinte, investigativer Journalismus sei aber Teil von Anwaltschaft – bei Themen wie Klimawandel oder Black Lives Matter.

Der „Mythos Objektivität“ erweist sich auch als problematisch, wenn Fakten geleugnet werden. Rosen nannte ein Beispiel: “Viele Leute meinten, Barack Obama sei nicht in den USA geboren. Das ist faktisch falsch und keine Frage der Meinung!“ US-Medien berichteten immer über beide Seiten, bis Donald Trump Präsident wurde und einfach etwas behauptete, so Parrish. Darauf hätten sie doch mit viel Fact-Checking reagiert, hieß es anerkennend aus dem Publikum, „aber ich habe das Gefühl, dass deutsche Medien AfD-Berichte einfach reproduzieren. Sollte man da lieber nicht berichten?“ Irgendjemand werde berichten, die Aufmerksamkeit sei ihnen gewiss und eine einfache Lösung gebe es nicht, waren sich alle einig. Rosen plädierte für mehr Transparenz, hohe Standards der Verifizierung und Brown Kilgo setzte auf ein vielfältiges Mediensystem mit mehr Optionen fürs Publikum.

Vielfalt als Kern der digitalen Transformation

Das Publikum stand denn auch im Zentrum der nächsten Diskussionsrunde über vielfältigen Lokaljournalismus. Viele Verlage setzen auf Digitalisierung, um die Zeitungskrise zu meistern. Doch sie sollten sich lieber auf „ihre eigene Stärke besinnen“ und „die vielfältigen Publika“ vor Ort besser ansprechen, so Alexandra Borchardt, Journalistin und Professorin für Kulturjournalismus, denn: “Vielfalt ist der Kern der digitalen Transformation!“ In den Redaktionen sei man noch viel zu überheblich und selbstgefällig. Es reiche z.B. nicht, einen Facebook-Account einzurichten, um junge Menschen zu reichen, man müsse schon auch nachfragen, was sie eigentlich interessiert.

„Bei der digitalen Produktentwicklung steht mittlerweile der Nutzer im Fokus“, berichtete Murad Bayraktar, Leiter der crossmedialen Programmgruppe Landesstudios beim WDR. Die „Nutzer“ seien ein vielfältiges Publikum, denn mittlerweile habe ein Drittel der deutschen Bevölkerung zwischen 20 und 40 Jahren eine Migrationsbiographie. In einer ARD-Studie über junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in NRW zeige sich, dass diese zur aktuellen Information öffentlich-rechtliche Angebote nutzen und dabei erwarten, dass sie „zu einem kultivierten Meinungsaustausch über die Themen Migration und Integration beitragen“ und starke Protagonist*innen zeigen, die ihnen Identifikationsmöglichkeiten bieten. Wie das funktioniert, demonstrierte Bayraktar am Beispiel einer Werbekampagne für die WDR-“Lokalzeit“. So sieht man auf dem Plakat für die Duisburger Ausgabe die Reporterin Chadia Hamadé.

Wie schwierig es für junge Menschen mit Migrationsgeschichte ist, in den Medien Fuß zu fassen, erläuterte Abby Baheerathan, Mentee im NdM-Nachwuchsprogramm Mentoring@Ruhrgebiet. Bereits mit sechzehn begeisterte sie sich in der Jugendredaktion von Radio Duisburg für den Journalismus und sammelte jahrelang Erfahrung als Praktikantin und freie Mitarbeiterin bei verschiedenen NRW-Lokalradios. Als eine von 700 Bewerber*innen erhielt sie jetzt eines der zehn begehrten WDR-Volontariate.

Mit den Themen des Alltags beginnen

„Jetzt ist eine Superzeit, gerade in Lokalredaktionen einzusteigen“, so Borchardt, denn es gebe immer weniger junge Bewerber*innen. Die wollten lieber Influencer*innen werden. Redaktionen müssten ihre Einstellungskriterien verändern. Digitale Talente „müssen nicht alle eine Eins in Deutsch haben.“ Ella Schindler, beim Nürnberger Verlag für Volontariatsbetreuung zuständig, bestätigte, man habe inzwischen erkannt, wie notwendig mehr Diversität im Personal ist. Doch bei Ideen und Sensibilität für Themen hapere es. So habe eine Kollegin vorgeschlagen, in einer Nachbarschaftserie zu erzählen, wie eine deutsche einer Familie mit Zuwanderungsgeschichte helfe. Dabei müsse das doch umgekehrt aufgezogen werden, meinte sie und fragte: “Wie bekommt man mehr Normalität und Diversität in die Beiträge – ohne dass sie folkloristisch oder diskriminierend klingen?

„Mit den großen Themen des Lebens und des Alltags anfangen: Wohnen, Bildung oder Transport“, schlug Borchardt vor und „berichten, wie unterschiedlich die Menschen betroffen sind, welche unterschiedlichen Bedürfnisse sie haben“.

So sieht der Preis aus.
Foto: NdM

Diese Einordnung und Perspektivenvielfalt hat Spiegel-TV beim großen Thema Kriminalität / Sicherheit vernachlässigt. Die „Goldene Kartoffel“-Jury kritisiert, der „fast ausschließliche Fokus auf ‚Clans‘ erweckt den Anschein, mafiöse Vereinigungen in Deutschland seien vornehmlich arabische Familien oder Rom*nja. „Gewaltausübung ist für sie das Normalste von der Welt“, zitiert Spiegel TV dazu einen LKA-Ermittler. „Das BKA ordnet aber nur etwa acht Prozent der Verfahren zur Organisierten Kriminalität der so genannten ‚Clan-Kriminalität‘ zu“, so die Jury. Aussagen von Polizist*innen würden unkritisch übernommen und die Arbeitsweise der Sicherheitsbehörden distanzlos begleitet. NdM-Geschäftsführerein Konstantina Vassiliou-Enz erklärte auf M-Nachfrage, von Spiegel TV sei keine Reaktion auf den Negativpreis gekommen, lediglich zwei Produzenten hätten geschrieben, sie seien nicht verantwortlich.

Neuer Vorstand und neue Vorhaben

Während der Bundeskonferenz wurde auch ein neuer Vorstand gewählt. Gleichberechtigte Vorsitzende sind jetzt die Journalistin und NdM-Mitbegründerin Ferda Ataman und Thembi Wolf, Senior Editor beim VICE Magazin Gesellschaftsreportagen. Die bisherige Vorsitzende Sheila Mysorekar ist jetzt Schatzmeisterin. Nächstes großes Projekt sei ein „Diversity-Guide“ für Redaktionen, der im März 2021 herauskommen soll, verrät NdM-Geschäftsführerin Vassiliou-Enz: „Es geht darin um Inhalte der Berichterstattung im Einwanderungsland, mit konkreten Hinweisen, Empfehlungen, Beispielen. Aber auch ums Thema Personal: Best-Practices für Medienhäuser, die Diversity im Haus umsetzen wollen.“

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