Gehversuche im Metaversum

Screenshot aus einer virtuellen Stadttour der Berliner Agentur ZAUBAR. Bild: ZAUBAR

Das Metaversum als neues Internet ist bisher eher Inselwelt als Ozean. Einzelne funktionierende Metaversen gibt es vor allem im Gaming- und Entertainment-Bereich. Wie erschließen sich deutsche Medienhäuser diese neue dreidimensionale Onlinewelt? Welche Stories lassen sich dort auf welche Weise erzählen? Wir haben uns einige Gehversuche deutscher Medienmarken angesehen. 

Eine aktuelle Studie meldet, dass sich hierzulande sieben Prozent der Befragten als mit dem Begriff Metaversum „vertraut“ einschätzen. 31 Prozent glauben, dass sie zumindest „eine ungefähre Vorstellung“ davon haben. Gleichzeitig verfügen aber nur etwa drei Prozent der Befragten über ein VR/AR-Headset, eines der wichtigen Transportmittel ins Metaversum.

Wer sich selbst unsicher ist, ob und wie weit er das Konzept verstanden hat, möge sich die aufsehenerregende und dabei komplett werbliche Show ansehen, mit der Meta-Gründer Mark Zuckerberg das Konzept im Herbst 2021 der Öffentlichkeit vorstellte. Einzelne Episoden seiner damaligen fantastischen Erzählung sind inzwischen Realität und online. Konzertbesuche in virtuellen Konzertsälen, globales Gaming, virtuelle Konferenzen, Museumsbesuche in digitalisierten Sammlungen, Weiterbildungen an Simulationen von Maschinen oder in der Telemedizin – all das gibt es bereits.

Noch sehr undeutlich dagegen sind die Konturen eines Journalismus im Metaversum. Sicher würde der seine Geschichten in sogenannten „Experiences“, in Erfahrungen, in immersiven, eintauchbaren virtuellen Umgebungen erzählen. „Erfahren“ könnte man dann vielleicht einen „Longread“ des „Spiegel“ über den Ukraine-Krieg auf der Virtual-Reality-Brille. Autor*innen könnten uns möglicherweise als Avatar mitnehmen, ins Innere des zerstörten Mariupol-Theaters. Fachartikel über das Bienensterben könnten vielleicht das animierte dreidimensionale Modell eines Bienenstocks einsetzen, damit wir es mit dem Datenhandschuh drehen, wenden und erforschen können.

Zugriff auf solche Experiences bekommt man bereits jetzt über Extended-Reality-(XR-)Geräte. Das können Bildschirme, Displays, Brillen, Headsets, sogar schon schicke Ray-Ban-Brillen sein. „Konkret geht es um die Frage, ob die physische Umgebung ein Teil des Erlebnisses ist oder nicht. Wenn ja, dann handelt es sich um AR (Augmented Reality), wenn nicht, dann um VR (Virtual Reality)“, beschreibt Professor Florian Alt vom Forschungszentrum CODE der Universität der Bundeswehr München die Trennlinien. 

Bei Recherchen an den Medienstandorten München und Berlin stößt man tatsächlich auf Player, die genau an solchen „Erfahrungen“ arbeiten. Allerdings wird auch schnell deutlich, dass das Label „Metaversum“ dabei recht großzügig auf alle Arten von Extended-Reality-Projekte geklebt wird.

Virtuelle Zeitreisen

Das kann Silke Schmidt, Leiterin der bayerischen Innovationsagentur XR Hub Bavaria München, bestätigen: „Es gibt Agenturen, die verkaufen möchten, was sie eh schon verkaufen, und die sagen, dass jede XR-Anwendung zum Metaversum gehört. Da muss man genauer hinsehen. Es ist wichtig, zwischen AR- und VR-Lösungen zu unterscheiden und ob man Anwendungen über den Webbrowser, als WebXR, über Rechner, Tablet oder Handy oder mittels Brillen nutzt“, rät sie.

Nach journalistischen XR-Anwendungen gefragt, nennt Schmidt die vom XR Hub mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) kreierte Social VR Experience München 72. Die lässt sich wahlweise mit einem Webbrowser oder mit der VR-Brille begehen und stellt in vier virtuellen Räumen Stationen der Olympischen Spiele in München von 1972 nach, von den anfänglich „fröhlichen Spielen“, visualisiert als interaktives Basketballspiel, bis zur Katastrophe, in die das Ereignis damals mündete, illustriert durch zahlreiche Archivmaterialien.

Die Klima-App des Westdeutschen Rundfunks (WDR), die auch in bayerischen Schulen eingesetzt wird, und das Stolpersteine.NRW-Projekt des WDR über die zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus verlegten Stolpersteine, sind weitere, von Medienhäusern (ko)produzierte XR-Anwendungen.

Führen die ersten journalistischen Gehversuche ins Metaversum zunächst zurück in die Vergangenheit? Den Eindruck möchte Schmidt zumindest teilweise korrigieren. „Journalistisch eignen sich tatsächlich zeitgeschichtliche Themen besonders gut für XR-Anwendungen. Man kann mithilfe einer VR-Brille einfach sehr gut in frühere Epochen eintauchen, Ereignisse nachstellen und erlebbar machen. Das gilt aber auch für Zukunftsthemen, etwa für einen Besuch auf der internationalen Raumstation ISS und ein Zusammentreffen mit den Astronauten dort, generell also für Ereignisse, die im realen Leben nur wenige Personen erleben“, stellt sie klar.

Auch am Standort Berlin stoßen wir bei der Suche nach journalistischen Projekten für das Metaverse zunächst wieder auf virtuelle Zeitreisen. Das Berliner Startup ZAUBAR hat eine Plattform entwickelt, auf der (auch) Medienhäuser immersive Touren unter Einsatz von Augmented-Reality-Technologie erstellen. Unter den Kunden der Agentur sind das ZDF, der „Tagesspiegel“, die ARD-Anstalten, dpa und verschiedene Regionalzeitungen.

ZAUBAR-Chefin Anne-Sophie Panzer verspricht: „Wir bringen das Metaverse auf die Straße, indem wir ortsbasierte Augmented-Reality-Anwendungen produzieren.“ Wenn Panzer in die Zukunft schaut sieht sie Tourist*innen, die sich tagsüber von ihrer AR-Brille Elemente zu Berliner Sehenswürdigkeiten anzeigen lassen. „Am Abend im Hotelzimmer, schieben sie den Regler an der Brille von ,Augmented‘ zu ,Virtual‘ und tauchen ganz in eine immersive Welt ab“, beschreibt sie ihre Vision vom Metaversum.

Ihr Geschäftsführerkollege Stefan Marx glaubt, dass AR gerade den Lokal- und Regionalzeitungen neue Möglichkeiten eröffnet, um lokale Geschichten zu erzählen und jüngere Zielgruppen anzusprechen. „Unser Ziel ist es, schnellere und günstigere Tools zu entwickeln, um auch den aktuellen Tagesjournalismus bedienen zu können“, stellt er in Aussicht.

Ganz praktisch hat ZAUBAR das mit dem „Tagesspiegel“ zum Tag des Mauerfalls erprobt. Dabei wurden „Tagesspiegel“-Inhalte für reale Stadttouren zugänglich gemacht. Man konnte reale historische Orte ablaufen und bekam an bestimmten Hotspots über die App historisches Material des „Tagesspiegels“ – passgenau zum Ort – aufs Smartphone gespielt.

Die „Thüringer Allgemeine“ nutzt die ZAUBAR-Plattform, um gemeinsam mit Schüler*innen Content zu produzieren. Mit 20 ZDF-Volontär*innen hat ZAUBAR in Mainz einen Workshop durchgeführt, bei dem die Nachwuchsjournalist*innen mithilfe von AR-Visionen eine Stadt der Zukunft entwickeln konnten. Per App wurden die Mietsteigerungen in einzelnen Gebäuden, mögliche städtische Grünflächen oder die unter der Erde verborgene Energieversorgung visualisiert. 

All das können bestenfalls erste Gehversuche auf dem Weg ins journalistische Metaversum sein. Wie kann das Thema Fahrt aufnehmen? Fehlen dem journalistischen Storytelling für das Metaverse vielleicht einfach noch die Storyteller*innen? Fehlt es den Redaktionen an narrativem und technischen Know-how? Liegt es am dramatischen IT-Fachkräftemangel? ZAUBAR-Chefin Anne-Sophie Panzer bestätigt diesen Eindruck: „In den Regionalredaktionen arbeiten halt auch viele ältere Kolleg*innen, die wenig Erfahrung und teilweise auch wenig Bereitschaft haben, sich auf diese Technologien einzulassen“, bedauert sie. 

Neue Ausbildungsberufe

Immerhin gibt es ab August 2023 den neuen Ausbildungsberuf Gestalter*in Immersive Medien. Auch M hat darüber berichtet. ZAUBAR hat die Position eines Metaverse Designers ausgeschrieben. „Es gibt auch immer mehr Plattformen und Apps, auf denen Redaktionen Inhalte einfacher erstellen können“, beobachtet Silke Schmidt vom XR Hub. Sie hat solche Lösungen bei der Biennale in Lindau oder auf den VR Days in Rotterdam kennengelernt.

Um die Infrastruktur zu unterstützen muss auch die Politik aktiv werden, zum Beispiel mit Förderprogrammen. Immerhin hat sich der Bundestag zum Jahresende in einer Anhörung mit dem Metaversum und dem Web 3.0 beschäftigt. Zuckerbergs Meta-Konzern hat ein 50 Millionen Dollar schweres Funding-Programm aufgelegt, um weltweit Universitäten, Entwickler*innen und Kreator*innen zur Forschung für und zur Mitarbeit am Metaversum zu animieren. In Deutschland ist die Universität Magdeburg-Stendal beteiligt. 

Neue Ausbildungsgänge, Förderprogramme und Kollaborationen mit Expert*innen und Agenturen könnten bessere strukturelle Voraussetzungen für die Medienhäuser unterstützen. Denn trotz aller Unkenrufe ist nichts so beständig wie der Wechsel – das Metaversum wird kommen, in der einen oder anderen Form. Es sollte nicht, wie bereits die sozialen Netzwerke, alleine den großen Tech-Giganten überlassen werden.

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