IQ-Forum: „Das Gift der kleinen Lügen“

IQ-Herbstforum 2017: (v.l.n.r.) Rike Woelk, Jutta Kramm, Stefan Niggemeier, Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl, Mario Sixtus, Werner Lauff
Foto: Hans Hendrik Falk

Mit Qualität gegen Lügen und Hass im Netz

Polarisierung in der Kommunikation, darunter lassen sich die Themen des neunten Herbstforums der Initiative Qualität im Journalismus zusammenfassen: Ob Fake News, Desinformation, Verschwörungstheorien oder Hasskommentare, die Auseinandersetzungen im Internet werden härter. IQ suchte gestern nach Antworten.

IQ-Herbstforum 2017: Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber
Foto: Hans Hendrik Falk

„Überzeugen durch Qualität“ empfahl der Programmdirektor des Deutschlandradios, Andreas-Peter Weber, der die rund 80 Teilnehmer_innen zur Suche nach Strategien für Redaktionen im ehemaligen Rias-Gebäude in Berlin begrüßte. Die Forderung nach Qualität gelte für Printpresse und Rundfunk gleichermaßen, unterstrich er und kritisierte – nicht als einziger an diesem Tag – die in seinen Augen überflüssigen und ablenkenden Auseinandersetzungen zwischen den beiden Medienarten, wie sie der Spiegel-Titel „Die unheimliche Macht“ über ARD und ZDF jüngst wieder befeuert hatte.

 

Ein „Zerreiben der Mitte“ ist für den Mainzer Journalismusprofessor Tanjev Schultz das Ergebnis der jüngsten Mainzer Studie über das Medienvertrauen in Deutschland. Zwar sei das Vertrauen in die Medien seit einer Vergleichsstudie von 2008 von 29 Prozent auf 41 Prozent gestiegen, doch auch das Misstrauen ist von neun auf 22 Prozent gewachsen. Die misstrauischen Mediennutzer_innen würden zunehmend lauter und hätten mit den sogenannten sozialen Medien und dem Internet zudem einfache Mittel zur Hand, ihre Sicht der Dinge zu verbreiten. „Rüpel und Querulanten haben schon in Kindergarten und Schule die meiste Aufmerksamkeit bekommen“, betonte der frühere SZ-Bildungsredakteur. Medien sollten den „Zynikern“ und Anhänger_innen von Verschwörungstheorien „nicht hinterherlaufen“, sondern die „Skeptiker“ in der Mitte zurückgewinnen. Und zwar durch Qualität: „Die Skeptiker finden die Berichterstattung zu schlicht, die Zyniker finden sie nicht schlicht genug.“

Fakten statt Fake ist das Ziel der in jüngster Zeit immer häufiger in den Medien zu findenden Ressorts zur Überprüfung der Gerüchteküche im Internet. Die Mitarbeiter_innen des ARD-Faktenfinders, ursprünglich eingerichtet für die Zeit des Wahlkampfs, beobachten nicht nur Nachrichten, sondern auch Social-Media-Accounts von Verschwörungstheoretiker_innen und manchen Politiker_innen. Die Darstellungen dort seien meist nicht gänzlich falsch, aber aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht, erklärte Rike Woelk: „Im Netz ist es in der Regel nicht schwarz oder weiß, sondern grau.“ Ab Klickzahlen über 1000 reagiert die Faktenfinder-Redaktion, antwortet auf den sozialen Netzwerken und gibt die Information dazu an die eigenen Nachrichtenredaktionen weiter.

Auch das Fact-Checking-Ressort des Journalistenkollektivs „Correctiv“ verfolgt die Debatten im Internet, wartet aber nicht erst hohe Klickzahlen ab, sondern nutzt ein Tool, um die virale Ausbreitung von Desinformation abzuschätzen und gleich zu reagieren. Virale Verbreitungsraten, so Jutta Kramm, konnten dadurch um bis zu 80 Prozent gesenkt werden. Allerdings seien die Verbreiter_innen im Netz immer schneller als die teils aufwändigen Recherchen für die Gegenargumentation. Woelk und Kramm betonten dabei die medienpädagogische Absicht der Faktenchecker gegen „das Gift der kleinen Lügen“ (Kramm).

IQ-Herbstforum 2017: (v.l.n.r.) Stephan Russ-Mohl, Mario Sixtus, Werner Lauff
Foto: Hans Hendrik Falk

ZDF-Autor Mario Sixtus („Im Netz der Lügen“) bezweifelte eine große Reichweite der Faktenchecker, denn die Menschen suchten gezielt nach Bestätigung ihrer Vorstellungen. So funktioniere das „Narrativ“ der Brexit-Befürworter_innen nach wie vor, obwohl die Lügen und Verdrehungen, von denen die Kampagne begleitet wurde, längst widerlegt seien. Eigentlich sei Faktencheck das Kerngeschäft jeder Redaktion, warf auch der Journalismusprofessor Stephan Russ-Mohl ein, der mit dem Europäischen Journalismus-Observatorium EJO in Lugano die europäische Medienlandschaft untersucht. Medien müssten seiner Ansicht nach klarer zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen Journalismus und PR verschoben habe. Das hätten die Medien in ihrer Berichterstattung „dramatisch vernachlässigt“. Medienjournalist Stephan Niggemeier, uebermedien.de, forderte dagegen auf, sich von der Vorstellung zu verabschieden, nur „die anderen“ lebten in einer „Filterblase“, das sei eine Illusion.

Die Forderung nach einem Schulfach „Medienbildung“ stieß zwar auf allgemeine Zustimmung, aber der Hinweis von Russ-Mohl auf eine Dresdener Studie, die auch die mangelnde Medienkompetenz der Lehramtsanwärter zeigt, war die passende Untermalung zur ratlosen Frage von Sixtus: „Wer soll das unterrichten?“.

IQ-Herbstforum 2017: Ellen Wesemüller von den Neuen Deutschen Medienmachern
Foto: Hans Hendrik Falk

Wie sollen Redaktionen mit Hasskommentaren umgehen, war die Frage des Nachmittags. Vorschläge und Beobachtungen dazu formulierte Ellen Wesemüller von den Neuen Deutschen Medienmachern. Sie leitet seit September das Projekt „No Hate Speech“ in Deutschland, Teil einer Kampagne des Europarats. Hate Speech richte sich überwiegend gegen Menschen aus „in der Gesellschaft benachteiligten Gruppen“. Ob Journalist_innen in diesem Sinn benachteiligt sind oder eben besonders exponierte Ziele darstellen, sei dahingestellt. Aber 42 Prozent gaben bei einer Befragung der Berufsgruppe im Jahr 2016 an, schon selbst bedroht worden zu sein. Wichtig für die Redaktionen seien laut der Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld im Umgang mit Hasskommentaren auf jeden Fall eine schnelle Antwort, auch als Beistand für die Betroffenen, als Gegenpol und Anhaltspunkt für die schweigende Mehrheit. Doch nur 17 Prozent der Redaktionen hätten eine zusätzliche Stelle für die Betreuung der Kommentare eingerichtet. Das Projekt plant deshalb einen Leitfaden für Redaktionen.

Was den Umgang mit Kommentaren betrifft, sind derzeit verschiedene Strategien zu beobachten: Konsequente Moderation der Kommentare, dafür nannte Wesemüller die „Welt“ als beispielhaft. Andere Redaktionen blockierten die Kommentarfunktion inzwischen ganz, wie in den USA zu beobachten, oder ließen nur bestimmte Themen für die Kommentare zu. Dazu stellte Dr. Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg ein interessantes Projekt vor: Zusammen mit Informatiker_innen wird dort ein Tool erarbeitet, das die konstruktiven Kommentare erkennt und herauspicken kann. Bei den Nordstadtbloggern in Dortmund werden die Kommentare zwar moderiert, zusätzlich der Redaktion bekannte Leser motiviert, auf Hasskommentare zu reagieren. Es wird aber eben auch gelöscht. Diese Inhalte gehen dann per Screenshot zur Staatsanwaltschaft, erklärte Alexander Völkel.

Heinrich Maria Löbbers von der Sächsischen Zeitung in Dresden versucht hingegen, per Einladung mit Kommentator_innen ins Gespräch zu kommen. Zu den Pegida-Demonstrationen schickt die Redaktion inzwischen aber immer zwei Reporter, und zwar nicht die schmächtigsten. Ihn erstaune allerdings die Zahl der Hasspostings unter Klarnamen. Die Leute machten sich nicht klar, dass das Internet ein „öffentlicher Raum“ sei, erklärte in diesem Zusammenhang der Kölner Professor Andreas Vogel, #wortgewalt(ig). Er mahnte, die Kanäle zu den Leser_innen unbedingt offen zu halten. In einer „Rabaukenkneipe“ wie Facebook könne man aber keine philosophischen Debatten erwarten. Das Thema Moderation von Kommentaren gehöre heute auf jeden Fall in die Journalistenausbildung.

„Und die Prophylaxe?“ fragte Moderator Werner Lauff, der die lebhaften Diskussionen des Forums leitete. Mit den Leser_innen reden, Arbeitsweisen erklären, sagte Löbbers. Das Thema breiter anlegen, meinte Vogel und verwies auf die ausführliche Behandlung des Themas „Mobbing“ in Schulen, die viele junge Leute auch in ihren Postings habe achtsamer werden lassen. Die Kommunikation in der Zivilgesellschaft jenseits der Medienkommunikation müsse besser erforscht werden. Außerdem: „Es wäre doch komisch, wenn in einer Zeit der Umbrüche gerade der Journalismus nicht betroffen wäre.“ In einer „Dauerprophylaxe“ sah Loosen die Gesellschaft, die gerade grundlegend ihre Kommunikation hinterfrage.

Die Qualität im journalistischen Alltag zu wahren, resümierte IQ-Sprecherin Ulrike Kaiser, sei die Herausforderung für die Medien. „Hat differenzierte Meinungsäußerung noch eine Chance zwischen all den Pöbeleien?“ Raufereien gebe es auch im kleinen gallischen Dorf von Asterix und Obelix, aber am Ende doch immer ein gemeinsames Fest. „Wir sind im globalen Dorf“ mahnte sie und bat deshalb um eine professionelle Solidargemeinschaft aller Journalist_innen gegen Fake News und Hate Speech.

Mehr Informationen auf der IQ-Website

nach oben

weiterlesen

Es geht um Wahrheit, Transparenz, Integrität

Die Journalism Trust Initiative (JTI) ist eine Plattform, die vertrauenswürdige Nachrichtenquellen identifizieren und stärken will. Unter der Regie von Reporter ohne Grenzen (RSF) soll ein Beitrag gegen Hass, Propaganda und Fake News geleistet werden. Ende Mai wurde die Webseite freigeschaltet. Am 29. Juli diskutierten Projektteilnehmer verschiedener internationaler Medien zum Thema „Glaubwürdiger Journalismus als Gegengift gegen Desinformation“ über Funktionsweise und Aufgaben der Plattform.
mehr »

Filmtipp: „Be Natural – Sei du selbst“

Eines Tages sah die amerikanische Regisseurin und Produzentin Pamela B. Green einen Film über Pionierinnen des Kinos, darunter auch Alice Guy. Green wunderte sich, dass ihr der Name überhaupt nichts sagte. Sie hörte sich bei Kolleginnen und Kollegen um und erhielt überall die gleiche Antwort: nie gehört. Wie konnte es sein, dass eine offenbar derart wichtige Figur aus der Frühzeit des Films völlig unbekannt ist? Sie begann zu recherchieren. Am Ende steht im Originaltitel: „Be Natural – The Untold Story of Alice Guy-Blanché".
mehr »

Das Boot: Kameramann nimmt Vergleich an

Im Rechtsstreit über eine angemessene Vergütung hat sich der Chefkameramann des international erfolgreichen Filmklassikers „Das Boot“, Jost Vacano, mit den ARD-Anstalten geeinigt. Der 87-Jährige und der im Streit mit acht Anstalten federführende Südwestrundfunk (SWR) nahmen den Anfang Juli vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart vereinbarten Vergleich fristgerecht an, wie jetzt eine Gerichtssprecherin dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte.
mehr »

Algerien zieht gegen freie Presse zu Felde

Meinungs- und Pressefreiheit stehen in Algerien so heftig unter Druck wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Journalist*innen werden eingeschüchtert, systematisch an ihrer Arbeit gehindert, gar verhaftet und strafrechtlich verfolgt. Seit 2019 ließ die Regierung den Zugang zu mindestens 16 regimekritischen Nachrichten-Websites sperren und verabschiedete Gesetze, die als Frontalangriff auf die freie Presse bewertet werden. Entspannung ist nicht in Sicht.
mehr »