„Keine Geheimkunst“

Wie prominente Enthüller mit einem „Netzwerk Recherche“ den investigativen Journalismus in Deutschland fördern wollen

Hans Leyendecker, eine Art Nestor des investigativen Journalismus in Deutschland, fasst sich an den Kopf. „Die Chefredakteure sagen mir immer, wir recherchieren doch alle, ein Leben lang.“ Alles Recherche oder was? In den redaktionellen Chefetagen, spottet der Top-Enthüller der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), „besteht Recherche darin, ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnummer heraus zu finden“.

So viel Realitätsverlust war nie. Immerhin 78 Prozent der bundesdeutschen Lokalredakteure beherrschen die einfachsten Recherchetechniken nicht, hat der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller in einer aktuellen Studie herausgefunden. Bei den überregionalen Medien ist es offenbar nicht bedeutend besser. Demnach verzichten hierzulande drei von vier Journalisten regelmäßig auf klassische Recherchemittel. Ihre Arbeit erschöpft sich zumeist im Abgreifen frei zugänglicher Daten und Informationen.

Mit Recherche hat dies wenig zu tun. „Das Beschaffen von neuen Informationen, die nur gegen Widerstände preisgegeben werden“ – wie der ehemalige „Spiegel“-Reporter und heutige Journalistik-Lehrer Haller die Recherche definiert – bleibt in der Regel den als Bastarden geltenden Wühlern und Schnüfflern vorbehalten, die sich dem investigativen Journalismus verschrieben haben.

Um das Ansehen und die Ausbildung der in Deutschland arg vernachlässigten Recherchekultur zu fördern, haben sich jetzt dem Investigativ-Journalismus verpflichtete Medienmacher zu einem „Netzwerk Recherche“ zusammengeschlossen. Zu den Gründern gehören Branchenstars wie Leyendecker, Georg Mascolo („Der Spiegel“), Kuno Haberbusch („Panorama“-Chef beim NDR) und Christoph Maria Fröhder (freier ARD-Fernsehjournalist).

„Recherchierender Journalismus hat hier anders als in den USA keine Tradition“, klagt der zum „Netzwerk“-Vorsitzenden gewählte SWR-Chefreporter Thomas Leif. „In Deutschland ist es wichtiger, einen schönen Leitartikel zu schreiben, als über Wochen und Monate Fakten zu sammeln.“

Viele Medienmacher verfangen sich in der Falle des Termin-Journalismus. Zunehmend verkommen sie dabei zu Statisten einer medialen Inszenierung, bei der Politiker, Parteien und Behörden geschickt Regie führen und den Takt vorgeben: durch Verlautbarungen und Pressekonferenzen. „Den meisten Journalisten“, sagt „Netzwerk“-Chef Leif, „bleibt zwischen der Beschaffung von Serviceinformationen, Presseterminen, dem Abgreifen von Daten und dem Einholen von Statements schlicht keine Zeit zur gründlichen Recherche.“ Ein journalistischer Offenbarungseid.

Verbesserung der Recherche-Ausbildung

Mit dieser Malaise wollen sich die Recherche-Netzwerker nicht länger abfinden. Einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit ist die gezielte Verbesserung der Rechercheausbildung an deutschen Journalistenschulen und Universitäten. „Während in allen Sparten von Nachricht bis Reportage die Qualität der Ausbildung gestiegen ist, haben es junge Kollegen schwer, Lehrer für Recherche zu finden“, beklagt der renommierte Journalistik-Professor Haller.

Prominente Enthüller wie Fröhder und Leyendecker wollen sich künftig als Mentoren für begabte Nachwuchs-Rechercheure zur Verfügung stellen. Zudem planen die Netzwerker die Bildung eines Dozenten-Pools, um das klassische Recherche-Handwerk didaktisch zu vermitteln. „Wir reden ja im Grunde nie über Handwerk“, kritisiert Leyendecker. In der Regel gehe es nur darum, „ob einer gut schreiben kann und den richtigen Einstieg gepackt hat“. Dabei sei das Recherchieren „keine Geheimkunst“, sondern solides journalistisches Handwerk. Leyendecker: „So wie ein Fliesenleger Fliesen legt, muss ein Journalist nun einmal recherchieren.“

Doch der Rechercheur hat es schwer. „Er ist Stigmatisierung und Anfeindungen ausgesetzt“, wie SWR-Chefreporter Leif im Redaktionsalltag beobachtet hat. Rechercheure würden in der Branche kritisch als „Detektive“ beäugt, sekundiert „Netzwerk“-Vize Leyendecker. Bei Intendanten und Verlegern hätten sie „keinen großen Rückhalt“, sie müssten ständig „mit Widerständen“ kämpfen.

Zugleich haben sich die Arbeitsbedingungen für Rechercheure in der Bundesrepublik nach den Wahrnehmungen von Journalistik-Professor Haller gegenüber den 70er Jahren deutlich verschlechtert. Eine faule Frucht der schleichenden Entpolitisierung. Behörden und Ministerien hätten eine „professionelle Abwehrhaltung“ eingenommen, „gegenüber den Medien macht sich so etwas wie eine Geringschätzung breit“. Pressesprecher wichen unbequemen Fragen aus, indem sie auf „interne Vorgänge“ oder „schwebende Verfahren“ verwiesen. „Dieses Klima trägt zur Recherchierunwillkeit bei“, befindet Haller: „Gerade junge Kollegen werden gnadenlos und hämisch von den Behörden abgewimmelt.“

Die Tendenz zur „Informationsverweigerung“ sei in den letzten Jahren zweifelsohne größer geworden, urteilt der „Netzwerk“-Vorsitzende Leif. „Die Abwehr und Diffamierung wird professionell betrieben. Als aktuelles Negativ-Beispiel nennt Leif die Presse- und Informationspolitik des Bundesverteidigungsministeriums im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg und geplanten Rüstungsexporten. „Da wird aggressive Desinformation brutalstmöglich betrieben.“ Die Behörden-Sprecher lernten das Abmeiern von Journalisten in „zahllosen PR-Seminaren“. Dort dozierten nicht selten prominente Zeitungs- und Fernsehmacher für hohe Honorare darüber, wie sich die eigenen Journalisten-Kollegen am besten austricksen lassen.

Das „Netzwerk Recherche“ will demnächst eine „schwarze Liste“ von Behörden und Pressestellen herausgeben, die systematisch Informationen verweigern oder vorsätzlich die Unwahrheit sagen. Darüber hinaus sollen auf einer Homepage Gerichtsurteile veröffentlicht werden, mit deren Hilfe Journalisten ihr Recht auf Information durchgesetzt haben. Auch hier verlangt Journalistik-Professor Haller ein Umdenken in den Redaktionen: „Wir halten immer nur die Mei-nungsfreiheit für das Primäre und nicht die Informationsfreiheit.“

Um die Recherchefreudigkeit in den Redaktionen zu forcieren, wird sich vor allem das journalistische Selbstverständnis ändern müssen, das sich allzu häufig in der reinen Sensationsbefriedigung erschöpft. Dass die Berichterstattung über die jüngste Parteispenden-Affäre schnell zur „täglichen Polit-Soap-Opera“ („die Zeit“) verkam, führt „Spiegel“-Redakteur Markus Dettmer, der seit Jahren beharrlich-hartnäckig versucht, Licht in das Dunkel der Elf Aquitaine/Leuna-Affäre zu bringen, auf einen typisch deutschen Journalisten-Reflex zurück: „Es war nicht die Suche nach der Geschichte, es war die Suche nach der Schlagzeile.“

Häufig werden engagierte Nachwuchs-Journalisten nach den Beobachtungen Leyendeckers von den „zynischen Alten“ in ihrem Recherchedrang gebremst. In den Redaktionen bekämen sie Sprüche zu hören wie: „Das hab‘ ich früher auch versucht, das hat nix gebracht.“

Vor allem deshalb will das „Netzwerk Recherche“ die selbstkritische Reflexion der eigenen Arbeit zu einem Hauptbestandteil seiner Arbeit machen. „Wir müssen offener und selbstkritischer werden und uns mehr stellen“, verlangt Leyendecker. Die meisten Medienseiten in den Printmedien seien „mehr oder weniger Hofberichterstattung“, man gehe „ganz nett miteinander um“.

Die hartnäckige Recherche verlangt zuallererst unbestechliche Journalisten, die nicht den Schmeicheleien und Einflüsterungen der Mächtigen erliegen. Für Journalistik-Professor Haller ist eine grundlegende „Einstellungs- und Haltungsänderung“ der Journaille von Nöten. Denn in vielen Redaktionen regiert „eine kooperative Kumpanei mit der Macht“, wie „Zeit“-Redakteur Bruno Schirra ausgemacht hat.

Da hält es Leyendecker mit einem geflügelten Wort von Kurt Tucholsky: „Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist stolz eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden wie eine Macht behandelt zu werden.“

 

 

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