Klimawandel und Desinformation

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Allwöchentlich streiken Schüler*innen am „Friday for Future“ für Klimaschutz. Etwa ein Drittel der Deutschen  betrachtet den Klimawandel als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Journalistische Medien liefern den Resonanzboden für das Problembewusstsein zu diesem kontrovers diskutierten Thema, indem sie Wissen vermitteln und für Aufmerksamkeit sorgen. Die Wirkung hängt jedoch von vielen – auch nicht-medialen – Einflüssen ab.

Die Medienforscherinnen Monika Taddicken und Laura Wolf stellten Mitte 2018 in einem Lehrforschungsprojekt an der TU Braunschweig fest, wie wichtig der individuelle Umgang mit widersprüchlichen Informationen für die Stabilität des Problembewusstseins ist. Auch Leute, die überzeugt sind, dass der Klimawandel menschengemacht und nicht naturgegeben ist, können durch Desinformationen verunsichert werden und sogar ihre Einstellung ändern.

Taddicken stellte die Laborstudie zur „Online-Dissonanzbewältigung bei der Konfrontation mit ‚alternative facts‘“ auf der DGPuK-Jahrestagung in Münster vor. Das Forschungsteam wählte aus einer Stichprobe von 51 – überwiegend studierenden – Personen 39 aus, die vom menschengemachten Klimawandel überzeugt sind. Den Proband*innen wurde ein YouTube-Clip (klagemauer.tv: „Die große CO2-Lüge“) gezeigt, der sie mit klimaskeptischen Aussagen konfrontierte. Sie nahmen die Dissonanz zwischen Clip und eigener Weltsicht unterschiedlich wahr und reagierten entsprechend. Einige waren verärgert: „… dass die Leute nicht merken, dass das eigentlich totaler Bullshit ist, was die da sagen. Das macht mich richtig aggressiv.“ Andere wurden verunsichert: „Ich war mir nach dem Video gar nicht so sicher, wie viel da jetzt wirklich dran ist.“ Eine dritte Gruppe fühlte sich aktiviert: „Ich dachte, ich schau‘ jetzt selber nochmal, was das Netz dazu sagt.“

Zwischen eigener Weltsicht und gegenteiliger Meinung

Nachdem das Dissonanzempfinden der Proband*innen erfragt war, hatten diese zehn Minuten Zeit, frei im Internet zu recherchieren, wobei sie mit der Google-Suchmaschine starten sollten. Fast 90 Prozent suchten Informationen zum Thema, zehn Prozent zur Quelle. Sie befragten „überwiegend traditionelle Medienanbieter und Plattformen etablierter gesellschaftlicher Akteure“, stellten die Forscherinnen fest und resümieren: Das Vertrauen der Proband*innen in Wissenschaft und Journalismus hat sich nicht verändert.

Einige von ihnen änderten aber ihre Einstellung zum Klimawandel, wie sich in einer dritten Befragung und abschließenden Interviews zeigte. Die Gruppe der „Konsonanten“, die kaum unangenehme Dissonanz zwischen eigener Weltsicht und gegenteiliger Meinung empfanden, versuchte bei der Online-Recherche, ergebnisoffen die widersprüchlichen Ansichten zu klären. Einer bezog sich auf die „Petition von Oregon“, die von der Moderatorin im Videoclip erwähnt wurde: „Und dann hat es mich schon interessiert, wie diese Zahlen zustande kommen.“ Die anderen beiden Gruppen, die „Verärgerten“ und die „Verunsicherten“ suchten auch nach Klärung, wollten sich einen Überblick über die Debatte verschaffen oder einfach Bestätigung für ihre Meinung finden. Sie stimmten der Aussage „Der Mensch ist die Hauptursache für den Klimawandel“ unverändert zu, während in der Gruppe der „Konsonanten“ das Problembewusstsein für den Klimawandel in Folge der Konfrontation mit Desinformation abgenommen hatte.

Diese „ambivalenten, problematischen Wirkungsaspekte“, die Monika Taddicken in der Laborstudie feststellte, passen zu den zentralen Befunden des Forschungsprojekts „Klimawandel aus Sicht der (Medien)Rezipienten“  (KlimaRez) von 2009 bis 2015 an der Universität Hamburg. Klassische Medien in Deutschland berichten bereits seit den 1980er Jahren über das Thema, über das dann wiederum in Schule, Freundeskreis, Familie oder auch auf Online-Plattformen gesprochen wird. Wie der Klimawandel in die Köpfe kommt und welche Wirkungen das hat, ist nicht nur von (medialen) Kommunikationsangeboten abhängig, sondern auch vom „sozialen Setting der Menschen“, d. h. ihren individuellen Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensmustern – etwa dem Umgang mit Dissonanzen wie in dem Braunschweiger Laborexperiment.

Informationsbedürfnis des Publikums nicht befriedigt

Journalistische Medien übernehmen in der Auseinandersetzung der Bevölkerung mit dem Klimawandel vor allem eine Themensetzungsfunktion – auch in der Online-Laienöffentlichkeit, so ein Ergebnis des KlimaRez-Projekts. Ob es ihnen gelingt, dem Informationsbedürfnis der Bürger*innen gerecht zu werden und die komplexen Zusammenhänge zwischen globalem Klimaschutz, nationaler Politik und dem eigenen Alltagshandeln zu vermitteln, wurde in einer repräsentativen Befragung der Universität Hamburg zur Rezeption der UN-Klimagipfel 2015 und 2018 untersucht. Die Ergebnisse: Das Interesse am Thema Klimawandel ist gestiegen – möglicherweise durch intensivere Berichterstattung im Hitzesommer 2018, der als Schlüsselereignis wirkte für die Notwendigkeit, in Anbetracht von Trockenheit und Klimawandel politisches Handeln einzufordern. Das Informationsbedürfnis des Publikums wird aber nicht befriedigt. Die Berichterstattung sei zwar verständlich, aber nicht ausführlich genug und es fehle an Einordnungen. Hauptinformationsquelle ist weiterhin das öffentlich-rechtliche Fernsehen, aber Onlinemedien wie Nachrichtenportale von T-Online und anderen Mailprovidern gewinnen an Bedeutung.

Hinweis

Zentrale Ergebnisse aller Teilstudien des KlimaRez-Projekts sind in dem jüngst veröffentlichten Band „Klimawandel im Kopf“ zusammengefasst. Die Texte vermitteln einen guten Überblick, welche Rolle medial vermittelte Kommunikation für die Auseinandersetzung der Bevölkerung in Deutschland mit dem Klimawandel spielt – aus der Perspektive des Publikums. Für Journalist*innen sind besonders die Befunde zu Mediennutzung, Erwartungen, Bewertung der Berichterstattung interessant sowie die Analyse des Zusammenspiels zwischen Massenmedien und social media.
„Klimawandel im Kopf. Studien zur Wirkung, Aneignung und Online-Kommunikation“, Hrsg. Irene Neverla, Monika Taddicken, Ines Lörcher und Imke Hoppe. Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden 2019, 292 Seiten, 44,99 Euro. Print ISBN: 978-3-658-22144-7, Electronic ISBN: 978-3-658-22145-4

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