#Krassmedial: Immer schön sauber bleiben!

Harald Schuhmann, Journalist, Der Tagesspiegel, Gründer "Investigate Europe": „Wir haben es zwar immer schwerer, gleichzeitig werden wir aber immer dringender gebraucht."
Foto: Monique Hofmann

„Die Zukunft des kritischen Journalismus ist Kooperation statt Konkurrenz“, gab der Journalist Harald Schumann den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der 9. ver.di-Medientage mit auf den Weg. Am Berliner Wannsee ging es ein Wochenende lang um journalistisches Arbeiten mit Handwerk und Haltung, wenn Stress und Druck herrschen, Klicks und Quoten zählen – und die Glaubwürdigkeit des Berufsstands von Teilen der Gesellschaft in Zweifel gezogen wird.

Harald Schumann, Redakteur beim Tagesspiegel und Gründer des europäischen Journalist*innen-Netzwerks „Investigate Europe“, ärgert sich „oft wahnsinnig über den Journalismus“. Denn die große Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten verbreite nur affirmativ die Verlautbarungen der Mächtigen. „Mit der vierten Gewalt ist es also nicht mehr so weit her“, und die sei ohnehin eine „maßlose Überhöhung“.

Schuld daran seien vor allem die Bedingungen, unter denen Journalist*innen arbeiten müssten. Für kritische Berichterstattung fehle den meisten schlicht die Zeit. Wer wolle, dass „die Quellen sprudeln“, müsse zudem senden, was diese hören wollen und begebe sich damit in Abhängigkeiten. Und wer sich dem nicht beuge, der werde ganz schnell „abgeschnitten“, beschreibt Schumann die „einfachen Mechanismen“, die dem zu Grunde lägen. Hinzu komme die „implizite Korruption“, zitiert er taz-Kollegin Ulrike Herrmann: Wer sich zum Sprachorgan der Mächtigen mache, bekomme die höheren Honorare, die besseren Einladungen – und fühle sich bald selbst als Teil der Elite.

Trotzdem: „Wir sind nicht die vierte Gewalt, aber wir sollten unbedingt versuchen es zu sein.“ Denn nur kritischer und aufklärerischer Journalismus, der unbequeme Fragen stellt und bekanntmacht, was die Mächtigen lieber für sich behalten hätten, rechtfertige journalistische Privilegien wie etwa das Recht auf Quellenschutz, gibt Schumann zu bedenken. Gelingen könne das, indem man es vermeide, in die Mainstream-Falle zu tappen: „Denn was alle anderen machen und sagen, daran ist fast immer etwas faul“, weiß das journalistische Urgestein. Vor allem aber sollten Journalistinnen und Journalisten den einsamen Wolf vergessen und sich stattdessen besser organisieren. Die Zukunft des kritischen Journalismus liege in der Kooperation statt in der Konkurrenz, auch über nationale Grenzen hinweg. Und: „Je mehr wir das so halten, umso näher kommen wir dem Ideal der vierten Gewalt.“

Die Regeln des eigenen Berufs hart kommunizieren

Marcus Engert, Reporter BuzzFeed News Deutschland: „Undercover-Recherchen nicht als Selbstzweck, sondern nur, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, so steht es auch im Pressekodex.“
Foto: Matthias von Fintel

Was es beim Umgang mit Quellen zu beachten gilt, stand im Zentrum des Vortrags von BuzzFeed News-Reporter Marcus Engert. Oberstes Gebot der Professionalität dabei: Transparenz über die eigene Arbeitsweise. Nicht nur, um das Vertrauen potenzieller Quellen zu erlangen, sondern auch, um die Grenzen zwischen sich und seinen Gesprächspartner*innen abzustecken. Denn: „Wir sind nur einer Seite verpflichtet und das ist unser Publikum.“ Für die sechsköpfige BuzzFeed News Deutschland-Redaktion bedeute das zum Beispiel, Rohdaten bereitzustellen, offenzulegen, auf welche Themen man sich fokussiert habe und im Gespräch mit Informant*innen exakt zu erklären, wie man arbeite und welche Rolle der Quelle dabei zukomme. Besonderer Sensibilisierung bedürfe es allerdings in Gesprächen mit traumatisierten Quellen. Bei falscher Herangehensweise drohe eine Retraumatisierung, warnte Engert und forderte deshalb, dass der Umgang mit traumatisierten Quellen standardmäßig Ausbildungsinhalt werden müsse. Nicht (mehr) viel hält er dagegen von privilegierten Quellen. Insbesondere die Polizei habe diesen Status verwirkt, seitdem sie in sogenannten sozialen Medien selbst als Sender auftrete und zudem nur allzu oft Ungenauigkeiten verbreite.

Katharina Dodel, Redakteurin bei drehscheibe.org: „Redakteur*innen an Lokalzeitungen müssen sich ein Netzwerk aus Quellen schaffen und die Zeit einfordern, die sie für die Recherche brauchen.“
Foto: Matthias von Fintel

Natürlich gilt all das auch für den Lokaljournalismus, doch stehe hier noch vor der Frage nach den Quellen etwas anderes im Vordergrund, entgegnete drehscheibe.org-Redakteurin Katharina Dodel. Nämlich die Kernfrage: Wie finde ich überhaupt die Zeit, genau zu recherchieren? Sie appellierte deshalb an die Verlage, bessere Voraussetzungen für kreatives und sauberes Arbeiten zu schaffen, die Beschäftigten mit Tools auszustatten, die deren Arbeit vereinfachen und insbesondere Volontärinnen und Volontäre für den Umgang mit immer aggressiver auftretende Bürger*innen und Gruppierungen zu schulen.

Auf der sicheren Seite beim MDR

Mit immer bedrohlicheren Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern sehe sich auch der MDR konfrontiert, berichtete dessen juristischer Direktor Prof. Dr. Jens-Ole Schröder. Den „dramatischen Veränderungen“ und der „Verrohung, die sich massivst auf die Journalistinnen und Journalisten entlädt“, sei man dort unter anderem mit der Einstellung einer ehemaligen Strafrechtsanwältin begegnet, die sich „seit Monaten nur um Hate Speech, Bedrohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen kümmert“ und pro Tag etwa sechs Strafanzeigen stelle. Um seinen journalistischen Beschäftigten – bei denen in der Frage des Rechtsschutzes übrigens nicht zwischen Festen und Freien unterschieden wird – sicheres Arbeiten zu ermöglichen, habe der öffentlich-rechtliche Sender darüber hinaus etwa eine hauptamtliche Compliance-Beauftragte eingestellt, einen Beirat für Programmkonflikte zur Sicherung der inneren Rundfunkfreiheit eingerichtet sowie gemeinsam mit RBB und NDR eine „Selbstverpflichtungserklärung zur Haftungsverteilung bei investigativen Auftragsdokumentationen“ unterschrieben. Darin stellen die drei Sender den Produzenten des jeweiligen Dokumentarfilms von jeglicher Haftung frei und übernehmen selbst die Verantwortung für etwaige Rechtskonflikte.

Prof. Dr. Jens-Ole Schröder, Juristischer Direktor beim MDR: „Viele der Bedrohungen, Beschimpfungen, Beleidigungen sind zwar strafrechtlich nicht relevant, aber setzen den Kolleginnen und Kollegen sehr zu. Das macht was mit einem.“
Foto: Matthias von Fintel

„Ich verweigere die Aussage“

Mit solchen Rechtsstreitigkeiten kennt sich Jasper Prigge bestens aus. Der Rechtsanwalt mit Schwerpunkt IT- und Medienrecht gab den Journalistinnen und Journalisten zahlreiche Empfehlungen für das Berichten von Demonstrationen und anderen Großveranstaltungen an die Hand. Wer dort zwischen die Fronten gerät, sollte sich insbesondere als Beschuldigte*r davor hüten, Angaben zur Sache zu machen, Unterschriften zu leisten oder freiwillig die eigenen Arbeitsmittel an die Polizei zu übergeben. Stattdessen, so Prigge, genügten Angaben zur eigenen Person und auf alle weiteren Fragen schlicht die Aussage verweigern. Bei Androhung einer Beschlagnahme solle man dafür eine Anordnung verlangen. Und: Nichts sei nachhaltig wirkungsvoller, als die eigenen Rechte mit allen Mitteln einzufordern, denn „Klagen haben einen disziplinierenden Effekt“.

Jasper Prigge, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt IT- und Medienrecht: „Besonders in solchen Situationen, in denen die Polizei selbst Konfliktpartei ist, ist es gefährlich, ihr als privilegierte Quelle zu vertrauen.“
Foto: Matthias von Fintel

Augen geradeaus…

Thomas Wiegold, freier Journalist, Betreiber des Blogs augengeradeaus.net: „Sei transparent und offen bei Fehlern – und nimms nicht persönlich!“
Foto: Matthias von Fintel

Verklagt wurde Thomas Wiegold – „zum Glück“ – noch nie. Auf seinem Blog augengeradeaus.net berichtet er über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik und weiß als freier Journalist, wie man sich Akzeptanz verschafft, auch wenn keine große Medienmarke hinter einem steht. Grundvoraussetzung dafür sei eine langjährige und hohe Expertise im eigenen Thema, die selbstredend mit einem entsprechenden Pool an Kontakten verbunden sein müsse. Bei Fehlern sei Transparenz geboten und Fairness im Umgang mit den eigenen Quellen wichtig, damit sie auch künftig noch mit einem redeten. Den Medienschaffenden riet er außerdem, sichtbar zu sein – nicht nur mit der eigenen Marke in Form von Websites und Podcasts etwa, sondern auch als Expert*in bei anderen Medien.

…und Haltung annehmen!

Klare und zugleich ermutigende Worte fand zum Abschluss der Journalist und Leitartikler der Frankfurter Rundschau Stephan Hebel. „So wie sie ist, sollte die grundlegende Organisationsform unserer Medien nicht bleiben“, schickte er sein Fazit gleich vorweg. Hebel kritisierte das „immer noch weithin in der Branche gepflegte Objektivitätsmantra“ und plädierte stattdessen dafür, „aus Haltung heraus zu berichten“. Der Journalismus müsse deutlich machen, dass er lediglich Beiträge zur Meinungsbildung leiste. So könnten Haltung und Transparenz zur „Wiedergewinnung eines medialen Diskurses in der Gesellschaft“ führen.

Stephan Hebel, Autor, Journalist, Leitartikler Frankfurter Rundschau, zitiert u.a. Diskursforscher Jürgen Link: „Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Aber man darf sie nicht wieder dahin zurückbringen.“
Foto: Matthias von Fintel

Ebenso wichtig wie Haltung sei für ihn die Distanz, fuhr Hebel fort. Die Rahmenbedingungen des Journalismus hätten jedoch dazu geführt, dass sich „die Perspektive der Mächtigen allzu sehr ins Zentrum der Berichterstattung geschlichen“ habe – und ein „fast symbiotischer Komplex“ entstanden sei zwischen den politischen Akteuren und denen, die sie eigentlich kontrollieren sollen.

Die materiellen Bedingungen – die personelle Ausdünnung, der Zwang, die eigene Medienmarke im Gespräch zu halten, der Druck, Klicks und Werbeinnahmen zu generieren – begünstigten diese „Fehlentwicklungen“. Doch stehe diese privatwirtschaftliche Organisation von Medien in einem eklatanten Widerspruch zur ihrer Rolle als kritische Wächter der Demokratie. Als „Lieferant diskursiver Energie, ohne die der Staat schwer beschädigt zu werden droht“, könnte Journalismus ebenso wie die Wasser-, Strom- und Gasversorgung als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge gesehen werden. Aber „das geht nur mit einem Journalismus, der die Welt mit eigener Haltung und mit der notwendigen Distanz zu den Mächtigen betrachtet“.

 

 

 

 

 

 

 

 

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