LETs Dok: Aktionstag für den Dokumentarfilm

Bild: LETs DOK

Der Dokumentarfilm trotzt Corona. Am 19. September zeigt die Initiative LETs DOK bundesweit Filme in rund 100 Kinos und an öffentlichen Plätzen. Neben den Filmscreenings sollen begleitende Veranstaltungen die formale Vielfalt und die thematische Bandbreite von Dokumentarfilmen zeigen. Mit aktuellen Werken sowie Perlen aus der Geschichte des deutschen Dokumentarfilms impft das Programm das Publikum gegen den Rückzug ins Private und für den gesellschaftspolitischen Diskurs.

Schon jetzt gibt es in dem prall gefüllten Kalender von Themen- und Aktionstagen auch so manches Datum mit medialem Bezug, darunter den „Tag des freien Buches“ oder den „Internationalen Tag der Pressefreiheit“. Dem bewegten Bild wurde bislang allerdings nur mit dem Kurzfilmtag Tribut gezollt. Nun aber hat sich auch die Gattung des Dokumentarfilms hinzugesellt. Erfinderin des Aktionstages ist die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK). Die Interessenvertretung der Dokumentarfilmschaffenden koodiniert die Kampagne LETs DOK in Kooperation mit Kinobetreibern und Verleihfirmen. Das Datum des Aktionstages ist kein Zufall, denn am 19. September vor 40 Jahren wurde die AG Dok im Anschluss an die Duisburger Filmwoche gegründet.

Stiefkind Dokumentarfilm

Das Jubiläum steht bei der Kampagne allerdings im Hintergrund. Vielmehr geht es darum, den langen Dokumentarfilm sichtbarer zu machen. Denn sowohl im Fernseh- als auch im Kinoprogramm spielt er nur noch eine Nebenrolle. Eigentlich für den Kinomarkt produziert, machen die langen Dokumentarfilme unter den im Fernsehen gezeigten Doku-Formaten laut Fritz Wolfs Studie „Deutschland – Doku-Land“ gerade einmal vier Prozent aus. Und auch ihre Sendeplätze sprechen Bände. So werden die Filme entweder um 0 Uhr herum gezeigt oder in die Spartenkanäle der öffentlich rechtlichen Sender abgeschoben. Und im Kino haben Dokumentarfilme oft kaum eine Chance, ausreichend Besucher*innen zu finden. Warum? Den kleinen engagierten Kinobetreibern und Verleihfirmen, die Dok-Filme in ihr Programm aufnehmen, fehlt das Geld für eine angemessene Werbung. Der Saal lässt sich meist nur kostenintensiv mit Gästen wie Filmemacher*innen und Protagonist*innen füllen. Eigentlich sollten ab 2020 Gelder vonseiten der Filmförderungsanstalt (FFA), der BKM und den Länderförderungen die „Stärkung der Kulturarbeit“ in den Kinos unterstützen. Das wäre auch dem Dokumentarfilm zugutegekommen. Nur dann durchkreuzte die Corona-Pandemie den Plan.

Nationale Kulturinitiative

Als die Initiator*innen von LETs DOK planten, gab es noch keine Pandemie. Erst vor zehn Wochen fiel die Entscheidung, die Kampagne trotz der Einschränkungen durchzuziehen. „Denn gerade der Lockdown hat uns gezeigt, wie sehr wir Begegnung brauchen– mit anderen Menschen, aber auch mit Kunst, die unseren Horizont weitet, die Fragen stellt und uns inspiriert“ sagt Susanne Binninger, Ko-Vorsitzende der AG Dok. Nicht nur Kinos, auch Privatpersonen und Filminitiativen nehmen an der Kampagne teil und zeigen Dokumentarfilme an besonderen Orten wie auf Dächern, an Häuserwänden und in Galerien, häufig begleitet von Filmgesprächen, Podiumsdiskussionen und Lesungen. Täglich gehen bei Eva Rink, Leiterin von LETs DOK Anrufe von Veranstaltern ein, die beim Aktionstag mitmachen wollen. Rink ist beeindruckt, „wie mit der Wiedereröffnung der Kinos in kürzester Zeit die gesamte Branche für LETs DOK mobilisierbar war, mit viel Kreativität, Flexibilität und auch einem bemerkenswerten Willen zur spontanen Improvisation. Rink betont, die Kampagne habe sich zu einer großen nationalen Kulturinitiative entwickelt.“

Dokumentarfilm als schöpferischer Umgang mit der Realität

Und welche Filme werden gezeigt? Die Kinos können auf eine eigens zum Jubiläum kuratierte Filmliste aus 40 Jahren deutscher Dokumentarfilmgeschichte zurückgreifen. Der ehemalige Geschäftsführer der AG Dok und Initiator der Kampagne Thomas Frickel meint: „Filme, die damals in ihrer Entstehungszeit Diskussionen erzeugt haben, sind es wert, heute wieder gezeigt zu werden.“ Schaut man sich die Liste genauer an, geht es vor allem um Politik und Gesellschaft in den sich wandelnden Zeitläuften: Angefangen mit „Septemberweizen“ von Peter Krieg (1980) über die noch immer praktizierten kapitalistischen Methoden der Weizenindustrie hin zu „Winter Adé“ von Helke Misselwitz (1988), die sich dem Frauenalltag in der DDR widmete. Maryam Zarees hochprämierter Film „Born in Evin“ (2019) ziert das Ende der Liste von insgesamt 108 Filmen. Zusätzlich bietet die AG Dok Themenpakete an, dazu gehören Filme rund um Themen wie „Zukunft und Umwelt“, „Digitalisierung“ und „Identität“.

Es stellt sich die alte Frage, wie weit sich der künstlerische Dokumentarfilm überhaupt politisch positionieren darf. In der Gründungsphase der AG Dok waren Dokumentarfilme hochpolitisch und programmatisch, wie etwa der Titel „Rote Fahnen sieht man besser“ von Rolf Schübel zeigt. „Wir verstehen unsere Arbeit als Anteilnahme an gesellschaftlichen Prozessen und nicht als angeblich objektive Berichterstattung“ zitiert Thomas Frickel aus der Gründungserklärung der AG Dok und ergänzt, dass vor allem die Haltung der Filmemacher*innen entscheidend sei, sie sollte den in den Filmen dargestellten Menschen zugewandt sein. Susanne Binninger betont, der Dok-Film sei ein schöpferischer Umgang mit der Realität und nicht per se politisch, er könne es aber durchaus sein.


Let’s Dok Highlights am 19.09.2020

Berlin:
Eröffnung von LETs DOK im Rahmen des Festivals „Achtung Berlin“
„Becoming Black“ von Ines Johnson-Spain
19:45 Kino Babylon Mitte

LETs DOK-Tag am Ebertplatz in Köln:

14.00 – 14.45 Schauplatz Ebertplatz| Regie Heinrich Pachl / Christian Maiwurm | 15.00 – 17.30 Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint | Regie Halina Dyrschka | 17.30 – 18.00 Filmgespräch: aufgezeichnetes Interview mit Halina Dyrschka | 18.00 – 18.45 Die Geschichte des Rassismus von Peter Hartl mit Marius Jung | 18.45 – 19.00 Filmgespräch mit dem Kabarettisten Marius Jung | 19.00 – 19.30 Lesung mit Marius Jung | 20.00 – 21.30 LORD OF THE TOYS | 19.30 – 20.00 Diskussion mit den Filmemachern Pablo Ben Yakov & André Krummel & Publikum: Der offene und versteckte Rassismus | 21.30 – 23.00 Musik: Rainmund Kroboth (ehm. Schäl Sick Brassband) & Tsaziken

Weitere Highlights:

https://letsdok.de/events/

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