Lokalblatt machen im Schatten von Pegida

Screenshot vom 27.8. 2018

Zeitungmachen in der Provinz ist kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht, wenn es sich um die sächsische Provinz handelt. Davon kann Uwe Vetterick ein Lied singen. Seit 2007 ist er Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, die in Dresden erscheint. Also in einer Region, in der die AfD bei der Bundestagswahl erstmals stärkste Kraft im Lande geworden ist. Wie arbeitet eine Lokalredaktion konstruktiv und lösungsorientiert, die nach wie vor regelmäßig mit „Lügenpresse“-Parolen beschimpft wird?

„Auch im konstruktiven Journalismus beginnt es immer damit, erstmal ein Problem zu erkennen, das Problem zu beschreiben und das Problem zu analysieren“, meint Uwe Vetterick. Für den Ostdeutschen und ehemaligen Vizechefredakteur der Bild-Zeitung ist klar: Statt sich am Geschrei der AfD abzuarbeiten, kümmert sich die Redaktion lieber um die realen Probleme im Lande.

Zum Beispiel Breitbandausbau. 70 Prozent der Sachsen, so ergaben Umfragen, wünschen sich schnelleres Internet. Das betrifft im Grunde alle außerhalb der Großstädte Leipzig, Dresden, Chemnitz. Die Bundesregierung hat dem Bundesland 2017 eine halbe Milliarde für digitale Aufrüstung zur Verfügung gestellt. Unter der Bedingung, dass die Gemeinden selbst einen Anteil der Kosten übernehmen. Aber nicht mal ein Prozent der Kommunen machte davon Gebrauch, auch wegen chronisch klammer Kassen, wie die Sächsische Zeitung herausfand und öffentlich machte. Damit kam Bewegung in die Sache. Unlängst beschloss die sächsische Landesregierung, einen Breitbandfonds aufzulegen, der die nötigen Zusatz-Investitionen aus der Landeskasse finanziert. Nur ein Beispiel, welche Rolle ein engagierter Lokaljournalismus spielen kann.

Vetterick bekennt sich zum lösungsorientierten Journalismus. „Die Zeitung kann zwar nichts entscheiden, aber wichtige Anstöße geben“, sagt er. In zahlreichen Workshops untersuchte die Redaktion, welche Probleme die Menschen im Alltag umtreiben. Etwa „Elterntaxis, die jeden Morgen für Stau sorgen im Ort – wie kann man das Problem beheben? Oder die letzte Kinderärztin, die in Rente gegangen ist, und es gibt keinen Nachfolger. Oder fehlende Toiletten in der Innenstadt, ein Problem insbesondere für ältere Menschen, wenn sie ins Zentrum fahren.“

Themen, die nicht unbedingt Pulitzerpreis-verdächtig sind, räumt Vetterick ein. Aber das beharrliche Nachfassen der Zeitung könne gelegentlich dafür sorgen, das Leben vor Ort angenehmer zu machen. Genau aus diesem Grund prallen auch die Anfeindungen der AfD und ihrer Hilfstruppen an der Redaktion ab. Gelegentlich gebe es noch Demonstrationen vor dem Haus, an den Montagabenden, wenn Pegida in der Stadt unterwegs sei, mit 20 Minuten Sprechchor „Lügenpresse“ oder „Schämt euch, schämt euch!“ Aber man habe inzwischen „gelernt, damit ruhig, sachlich und besonnen umzugehen“.

Eine Umfrage der Zeitung auf dem Höhepunkt der Pegida-Hetze 2015 ergab, dass eine Mehrheit der Leserschaft zumindest teilweise mit Positionen der Rechten sympathisierte. Dennoch blieb das Blatt bei seiner kompromisslosen Haltung gegenüber rechtspopulistischen Parolen und Inhalten. Und bekam dabei Rückendeckung von der Geschäftsführung.

Der Übergang in die digitale Zukunft fällt dem Regionalblatt alles andere als leicht. Soeben ist die verkaufte Auflage der Sächsischen Zeitung erstmals unter 200.000 Exemplare gesunken. „Es gelingt uns faktisch nicht mehr, Zeitungsabos bei Leuten jünger als 55 zu generieren“, sagt Vetterick. „Wir haben kein Content-Problem. Wir haben ein massives Monetarisierungsproblem. Weil wir das Geld eben in der Gruppe der über 55-jährigen verdienen.“

Erst in diesem Jahr hat sich die Verlagsleitung entschlossen, den Online-Auftritt in ein Paid-Content-Portal zu verwandeln. Für Vetterick funktionieren hinter der Paywall nur Geschichten mit den drei E: „Solche, die emotionalisieren, die exzellent geschrieben und zudem exklusiv sind“. Dazu gehören die großen Stories von Seite 3, alles über Dynamo Dresden, städtebauliche Debatten, auch Highlights aus dem Politischen Feuilleton, etwa zur Flüchtlingsfrage oder zur DDR-Vergangenheit.

Nach wie vor hält die SPD-Zeitungsholding, die DDVG, 40 Prozent an der Dresdner Druck- und Verlags GmbH. Dort erscheint neben der Sächsischen Zeitung auch das Boulevardblatt Dresdner Morgenpost. An eine politische Intervention des mächtigen Teilhabers kann Uwe Vetterick sich nicht erinnern. „In meinen elf Jahren bei der Zeitung hat es noch nie, wirklich noch nie, einen Anruf gegeben, über den eine politische Einflussnahme versucht worden wäre“, sagt Vetterick. Und: „Insofern bin ich einer der freiesten Chefredakteure, die man sich überhaupt vorstellen kann.“

nach oben

weiterlesen

Einnahmen von Plattformen sprudeln

Die Statistik von PwC besagt, dass die Umsätze der deutschen Medienwirtschaft 2021 erst das Niveau von 2017 erreicht haben. Für 2022 wird dagegen ein neuer Rekord vorausgesagt. Die Verluste waren vorrangig bei Printmedien und Kinos zu verzeichnen. Fernsehen und Digitalmedien konnten deutlich zulegen. Die Einnahmen aus Nutzungsgebühren sprudeln bei den Streaming-Plattformen. Bei gedruckten Periodika steigen sie zwar auch, können die Printverluste aber nicht ausgleichen. Der Buchmarkt war 2021 leicht im Plus, aber die Leserzahl geht beim jüngeren Publikum zurück.
mehr »

Buchtipp: Ostdeutsche Regisseurinnen in der Nachwendezeit

Die Sichtweisen auf die Zeit nach der Wende sind vielschichtig – doch für viele davon ist im gängigen Narrativ der Wiedervereinigung bis heute kein Platz. Vor diesem Hintergrund ist das Buch „Was wir filmten“ entstanden. In Essays und Gesprächen beschäftigen sich Filmemacherinnen aus drei Generationen mit Filmen von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990. Den Impuls gab das Internationale Frauen Film Fest Dortmund/Köln.
mehr »

Fakten, Fakten, Fakten – ein Allheilmittel?

Angriffe auf Journalisten, Morddrohungen gegen Politiker, eine „Bild“-Zeitung, die Wissenschaftler an den Pranger stellt und so die Szene der Corona-Leugner befeuert. Der harte Kern der Verschwörungsideologen ist mit den Mitteln der etablierten Medien, mit wahrheitsgemäßer Information nicht mehr zu erreichen, darin sind sich Wissenschaftler*innen und Journalist*innen einig. Öffentlich-rechtliche wie auch private Medien setzen dennoch verstärkt auf Faktenchecks. Nutzlos oder können sie doch helfen?
mehr »

Facebook News von dpa kuratiert

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) übernimmt ab 1. April das Kuratieren journalistischer Nachrichten auf Facebook. dpa-Redakteur*innen sorgten demnach für Auswahl und Pflege von Inhalten aus deutschen Medienhäusern auf Facebook News. Vertragspartner seien Meta und die dpa-Tochter dpa Infocom, teilten beide Unternehmen mit. dpa als Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Medien sei für diese Aufgabe „prädestiniert“, so der Geschäftsführer der Nachrichtenagentur.
mehr »