Mediafon – Freien-Service am Telefon

Projekt-Start

Die IG Medien startet ein neues Projekt zur Beratung von Selbstständigen in Medienberufen – Gespräch mit dem Projektleiter Gunter Haake

Gunter, du leitest das neue Freien-Projekt mediafon der IG Medien, das auch auf der folgenden Seite beschrieben ist. Hat die bisherige Freienarbeit der IG Medien nicht ausgereicht?

Gunter Haake: Sie hat nicht überall ausgereicht. Sie hat vor allem aber – und das ist ja die Aufgabe des Projektes – im Servicebereich und in Sachen Vernetzung der Selbstständigen nicht ausgereicht. Es gibt einzelne Landesverbände, die hier gute Anfänge gemacht haben, aber auch andere, in denen es überhaupt keine spezielle Freienberatung gibt. Es gibt also viele Freie, die sich mit ihren beruflichen Fragen erst einmal nirgendwo hinwenden können. Das gilt insbesondere für die Selbstständigen, die noch nicht Mitglied der IG Medien sind und daher hier keine Antwort erhalten. Das Projekt berät auch diese Freien.

Was versteht du unter Servicebereich, was ist notwendig an Service für die Freien von einer Gewerkschaft?

All die ganz normalen Fragen aus den Arbeitsleben, die ja bei den Angestellten sehr oft schon vom Betriebsrat beantwortet oder auch im IG-Medien-Büro erledigt werden. Freie haben aber eher die dort als exotisch empfundenen Fragen: Wie mache ich einen Vertrag, welche Honorare gibt es hier und da. Das sind für mich Servicefragen, weil ihre Beantwortung ja nicht unmittelbar politisch ist, sondern Einzelnen hilft. – Im Endeffekt kann dies natürlich auch hochpolitisch sein.

Und wie wollt ihr diesen Notwendigkeiten jetzt besser gerecht werden?

Indem Leute, die sich in solchen Bereichen sehr gut auskennen, weil sie selber auch Freie sind, Erfahrungen weitergeben, Wissen weitergeben, Tipps geben, eine Rechtsberatung stattfindet. Kurz: bundesweit bieten wir leicht erreichbar ein Know-how, das wir ohnehin haben, das aber nie vernünftig gebündelt wurde.

Warum ist diese neue Form notwendig geworden?

Es gibt immer mehr Menschen, die unter diesen Bedingungen arbeiten. Organisationspolitisch genügt es da nicht festzustellen, dass neue Berufe in unseren Organisationsbereich gehören. Um ihnen die IG Medien nahe zu bringen, muss man auch etwas dafür tun. Man muss ihnen etwas anbieten, was sie in ihrem Berufsleben auch wirklich angeht.

Wenn das so eine originäre Aufgabe der IG Medien ist, warum habt ihr dann für die Lösung dieser Aufgabe die Form eines teilweise extern angesiedelten Projektes gewählt?

Ich glaube, die Projektform war nötig, weil die IG Medien zwar schon lange Freie organisiert, aber sie insgesamt immer noch schwer in den Apparat, in alltägliche Arbeitsabläufe integrieren kann. Die real existierende Organisationsform ist eben noch die einer Industriegewerkschaft. Hier findet langsam ein Wandel statt, der sich unter anderem in der Integration von Projekten wiederspiegelt, die gerade deshalb aber auch als Impulsgeber nach innen notwendig sind. – Aus gleichen Gründen greifen ja auch die Freienberatungen der Landesverbände in der Regel auf Freie als Beratende zurück.

Nun ist das ja ein Projekt, das über die Grenze der IG Medien hinausgeht. Die Finanzierung, die Anlage des Projekts ist eingeordnet in einen größeren Zusammenhang von Projekten eines Ministeriums. Kannst du uns dazu etwas sagen?

Das BMBF*, das das Projekt finanziell unterstützt, hat mit der so genannten Mikrounternehmen-Initiative den Ansatz, etwas genauer hinzuschauen, wie denn die wirtschaftlichen Bedingungen oder auch die Jobchancen in diesem Bereich aussehen. mediafon passt hier herein, weil die IG Medien sagt: Mikro- und Einzelunternehmer brauchen auch eine andere Form von Beratung und Formen der beruflichen Vernetzung. Hier ist die IG Medien, die diese Unternehmer schon lange organisiert, hoch kompetent und die Erkenntnisse aus dem Projekt werden sicher wichtige Hinweise auch für andere Bereiche als den Mediensektor geben, in denen immer mehr Selbstständige arbeiten.

Bitte beschreibe uns die Anlage des Projekt noch etwas genauer. Wie das funktioniert, wer da berät und wie ihr die gefunden habt?

Das Projekt lebt sehr stark von seiner Authentizität, die die IG Medien als Gesamtorganisation nicht bieten kann: Freie beraten Freie und dies prinzipiell nicht länger als vier Stunden pro Woche pro beratende Person – also neben ihrer „normalen“ Tätigkeit. – Die Berufsnähe der Beratenden ist eines der zentralen Elemente. Gesucht haben wir daher Expertinnen und Experten zu verschiedenen Themen, Leute, die sich im Urheberrecht besonders gut auskennen, die sich in allgemeinen Berufsfragen Darstellender Künstler auskennen usw. Gefunden haben wir sie natürlich vor allem in der IG Medien, die ja in dem Freiengeschäft nicht neu ist. Konkret: Die Fachgruppen wurden gefragt, die Landesbezirke angeschrieben und es haben sich viele Freie gemeldet, die Interesse an einer beratenden Tätigkeit haben. Mit ihnen haben wir im Juli ein Seminar gemacht und gemeinsam diskutiert, wie die Beratung aussehen kann. Natürlich gab es vorher schon einen Plan, aber wir haben noch einmal geschaut, ob er so aufgehen kann.

Habt ihr genug gefunden, um den ganzen Zeitraum abzudecken?

Wir haben momentan sogar wahrscheinlich mehr, als wir in der Startphase brauchen. 35 Menschen waren auf dem Seminar, über 50 sind in der Liste interessierter Expertinnen und Experten aufgeführt. Brauchen werden wir alle diese Kompetenzen, zurzeit gibt es aber ehrlich gesagt noch ein logistisches Problem, diese Menge an Wissen in Anwesenheitspläne für die Beratung umzusetzen. In der Startphase, die rund ein Viertel Jahr dauern wird, werden wir daher mit etwa 15 beratenden Personen anfangen.

Heißt Startphase, dass es auch noch ausbaufähig ist?

Es ist mit Sicherheit ausbaufähig. Wir haben ja bislang keine Öffentlichkeitsarbeit betrieben, mediafon ist bisher weder innerhalb noch außerhalb der IG Medien bekannt. Ich bin überzeugt, wir werden so gut sein können, dass es sich herumspricht. mediafon wird auch in andere Bereiche ausbaufähig sein, wie in Kernbereiche, die wir heute schon als Klientel reklamieren, zu denen wir aber faktisch kaum
Kontakt haben. Dies betrifft vor allem die jungen Leute und Berufe der Multimediabranche. Es genügt nicht, denen zu sagen: Ihr seid
in unserem Organisationsbereich, nun kommt mal bitte“. Das Projekt kann ein Beitrag sein, dass sie auch Lust entwickeln zu kommen.

Heißt das eigentlich, dass dieses Projekt sozusagen jetzt die ganze Freienarbeit der IG Medien ausmacht?

Nein. Die Freienarbeit der IG Medien muss vor allem auch politisch wirksam ausgebaut werden und Solidarisierungsmöglichkeiten schaffen. Servicearbeit – und damit dies Projekt – macht ja nur einen bestimmten Teil dessen aus, wie eine Gewerkschaft auf den Wandel der Arbeitswelt reagieren kann. Hier ist mediafon als Impulsgeber und Hilfsmittel wichtig. Die Freienarbeit der IG Medien würde aber darin münden, lediglich Einzelne konkurrenzfähiger zu machen, im Zweifelsfall gar helfen, die Ellenbogen besser einsetzen zu können, wenn sie sich allein auf ein Beratungsprojekt konzentrieren würde. Also nicht gerade das, was von einer Gewerkschaft erwartet werden kann. – Das Projekt wird für bestimmte Berufsfragen – wenn es gut geht, für alle – Antworten geben. Nicht mehr und nicht weniger. Im Rahmen der sonstigen Aufgaben, Selbstständige zu vertreten wird das Projekt nur Indikator und Hilfsmittel sein. Etwa zu erkennen, bei welchen Themen oder auch Unternehmen Engagement oder politische Lobbyarbeit gefordert ist.


  •  Mit Gunter Haake sprach Ulrike Maercks-Franzen


    Freienberatungs-Projekt – Grundzüge

    Das Projekt „mediafon“ vermittelt Selbstständigen aus den Bereichen Medien, Multimedia, Kultur und Kommunikation berufsspezifische Kenntnisse und Hilfen, vermittelt und fördert Kooperationen zwischen Freien. Über ein Callcenter ist „mediafon“ ab 10. Oktober als ein „virtuelles Beratungsbüro“ zu erreichen. Es besteht aus einer Vielzahl von Freien, die jeweils spezielles Berufswissen haben und entsprechend beraten können.

    Die Beratung findet in flexiblen Strukturen statt: eine große Zahl von Spezialistinnen und Spezialisten bilden das über ein Callcenter leicht erreichbare Beratungsnetz mit generellen und speziellen Fachkompetenzen. Sollte eine direkte Weiterleitung an eine Expertin oder einen Experten nicht möglich sein, weiß das Callcenter anhand eines Präsenzplanes, wann ein Wiederanruf er-folgreich sein wird. Das „mediafon“-Callcenter wird unter der Nummer 01805/754444 zunächst montags bis freitags zwischen 10 und 19 Uhr erreichbar sein. Diese Zeiten können später bedarfsgerecht angepasst werden.

    Gewähr für eine berufsnahe Beratung bietet ein Grundsatz des Projekts: Spezialwissen allein genügt nicht, um beraten zu können. Daher müssen die Expertinnen und Experten im entsprechenden Berufsfeld arbeiten und durch Erfahrungen sowie durch Schulungsmaßnahmen Spezialkenntnisse und damit Beratungsqualifikationen erworben haben. Die Beratung erstreckt sich über die gesamte Themenpalette der Medienberufe, aber auch zu generellen Themen wie soziale Sicherung, Vertragsgestaltung oder Urheberrechte. Abgedeckt werden auch allgemeinere Berufsfragen wie etwa geeignete Arbeitsformen, Existenzgründung, Nutzung von Informations- und Kommunikationstechniken etc. Die Beratungsangebote werden durch eine Internet-Präsenz unter www.mediafon.net unterstützt.

    Gefördert wird das Projekt im Rahmen der Mikrounternehmen-Initiative des Bundesminsteriums für Bildung und Forschung.

nach oben

weiterlesen

Antisemitismus im Netz mit KI bekämpfen

In den letzten Jahren ist in Chats, Foren und sozialen Medien ein dichtes Geflecht aus populistischen Blogs, fiesen Trollen und organisierten rechten Gruppen entstanden. Sie verbreiten antisemitische Verschwörungsphantasien und streuen gezielt Desinformationen. Nicht immer zeigt sich ihr Antisemitismus dabei offen. Zunehmend werden verklausulierte Formulierungen und Bilder verwendet. Eine Künstliche Intelligenz soll diese nun aufdecken und Redaktionen eine Hilfe sein, wenn sie Kommentarspalten moderieren
mehr »

Prekäre Beschäftigung in Medien nimmt zu

Nachrichtenmedien bleiben auch im Zeitalter von Digitalisierung und Internet unverzichtbar. Sie werden vor dem Hintergrund von Fake News und Manipulation für demokratische Länder sogar immer wichtiger. Zugleich nehmen prekäre Beschäftigungsverhältnisse überall zu. Das geht aus den nun veröffentlichten Ergebnissen des Forschungsprojektes „Media for Democracy Monitor 2021 (MDM)" hervor. Die Studie signalisiert zudem Handlungsbedarf bei der Gleichstellung der Geschlechter, nicht zuletzt in Deutschland.
mehr »

Corona trifft Fotobranche hart

Weniger Foto-Anlässe, weniger Werbung, weniger Bilder: Die Corona-Pandemie hat auch auf dem Bildermarkt deutliche Spuren hinterlassen. In einer Umfrage von Professor Lars Bauernschmitt von der Hochschule Hannover im Februar 2021, die auch von der dju in ver.di unterstützt wurde, gaben die Fotograf*innen einen durchschnittlichen Umsatzrückgang von rund 24 Prozent an. Die prekäre Situation besonders der journalistisch tätigen Fotograf*innen müsse „endlich als gesamtgesellschaftliches Thema begriffen werden", fordert der Wissenschaftler mit langjähriger Praxiserfahrung.
mehr »

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »