MoJoCon: Journalismus mit dem Smartphone

Vom 4. bis 6. Mai trafen sich in Irland Enthusiasten zur bereits dritten MoJoCon - Konferenz für mobilen Journalismus.
Foto: Kai Rüsberg

600 Journalisten aus aller Welt haben sich Anfang Mai in Irland auf einer ungewöhnlichen Veranstaltung getroffen: bei der Konferenz für mobilen Journalismus. Große Video-Kameras und Fotoapparate wurden zu Hause gelassen. Die Teilnehmer brachten nur ihr Smartphone mit, um damit ihre Arbeit zu machen, mobilen Journalismus. Die Anreise am 3. Mai gestaltete sich zu einem Kulturhappening im Stil einer Klassenfahrt.

Von Dublin aus war ein MoJoCon-Express gechartert worden, der gut ein Viertel der Teilnehmer per Schiene quer über die Insel bis an die Atlantikküste zum Tagungsort nach Galway brachte. Schon auf der Fahrt starteten die Workshops. Sitzgruppen im Zug wurden zum Gruppenraum umfunktionert: Die Trainer zeigten, wie man ganz ohne Übertragungswagen live auf Sendung geht oder eine einstündige TV-Dokumentation nur mit dem Smartphone dreht.

Mitmach- und Aufbruchstimmung

Eine Mitmach- und Aufbruchstimmung prägte die dreitägige Konferenz, die selbst sonst reservierte Briten wie Marc Settle von der BBC mitriss. „Erstaunlich, so etwas zu beobachten“, sagte der BBC-Ausbildungsleiter für Smartphone-Journalismus, „Mehr mobilen Journalisten, Produzenten, Filmemacher und Experten als in diesem Zug sind vermutlich nirgends an einem Ort versammelt.“

Settle treibt die Benutzung von Mobilgeräten bei der BBC voran. Der Sender forciert das Thema und investiert Geld in spezielle Software für Smartphones, die an Reporter verteilt wird. „Die App nimmt Fotos und Videos auf, die dann in unser Produktionssystem im Sender überspielt werden. Wir ermutigen Kollegen dazu, die Handhabung zu erlernen, damit sie uns Qualitätsmedien bei einer besonderen Nachrichtenlage direkt beliefern können, statt sich nur per Telefon zu melden.“ Trotz der seit Jahren laufenden Schulung von inzwischen hunderten BBC-Mitarbeiter_innen setzen aber noch längst nicht alle am Smartphone Ausgebildeten das Gerät auch in der täglichen Arbeit ein, beklagt Settle. Auch die ARD hat inzwischen eine Reporterfunktion in die Tagesschau-App eingebaut, die freigeschaltet werden kann.

MoJo als Befreiung des Journalismus?

Für viele freie Videojournalist_innen bedeutet die Arbeit mit dem Smartphone als Kamera und Tonaufnahmerekorder tatsächlich eine Befreiung. Besonders der ständige Austausch mit den MoJos, den mobilen Journalisten, wirkt motivierend, meint die freie Produzentin Bianca Maria Rathey aus Hamburg. In der sehr internationalen Community, die sich jetzt in Dublin bereits zum dritten Mal getroffen hat, herrsche nur wenig Konkurrenz, sagt sie: „Ich habe das Gefühl, dass MoJos offener sind, ihr Wissen zu teilen. Wie eine große Familie. Ich bin von Anfang an dabei und war nach jedem Treffen Feuer und Flamme. Das macht Spaß für die eigene Arbeit.“

Smartphone-Journalismus bedeutet drastisch weniger Ballast durch die Technik und Kosteneinsparung für das sonst deutlich teurere Equipment. Die in Smartphones eingebauten Kameras können zumeist auch die vom Fernsehen gewohnten Qualitätsstandards problemlos einhalten. Das zeigten die in Galway vorgeführten Beispiele eindrucksvoll. Der die Konferenz veranstaltende irische Sender RTE hatte selbst eine einstündige Dokumentation über skurrile Sammelleidenschaften komplett mit einem iPhone gedreht, sogar im hochauflösenden Zukunftsstandard 4K. Das bedeutet gegenüber einem HD-Fernseher die vierfache Auflösung.

Neben praktischen Workshops gab es auch Expertenpodien.
Foto: Kai Rüsberg

Mit leichtem Gepäck

Smartphones als Kameras bieten auch inhaltliche Vorteile für die Arbeit von Journalisten. Weil ein kleines und zudem gewohntes Gerät benutzt wird, lässt sich oft sehr schnell zu den Interviewpartnern ein intensiverer Kontakt aufbauen. Es werde einfacher, näher an sie heran zukommen und ihr Vertrauen zu gewinnen, so einige MoJos auf der Bühne in Galway.

Wenn die technischen Hürden niedriger werden und die Filmausrüstung immer einfacher zu bedienen ist, entsteht für Journalisten allerdings auch die Gefahr, dass sie für die Berichterstattung gar nicht mehr gebraucht werden. Statt darauf zu warten, dass Fernsehsender berichten, produzieren viele Pressestellen von Unternehmen und anderen Organisationen nun ihr Video mit dem Smartphone selbst und veröffentlichen es auf Facebook und Twitter. Die Rolle als Gateway der Massenkommunikation und die Filterfunktion von professionellen Journalisten geraten unter Druck.

Heike Stiegler von der Social-Media-Abteilung beim Bayrischen Rundfunk will mithalten. Sie meint, Reporter sollten heutzutage jederzeit auf einen Smartphone-Einsatz vorbereitet sein. „Die beste Kamera ist die Kamera, die Du dabei hast. Und das ist meist die im Handy. Gut, wenn man genau weiß, wie man damit umgehen muss.“ Sie bedient per Smartphone aber längst nicht nur klassische Kanäle der öffentlich rechtlichen Medien, sondern auch die, die nur auf dem Smartphone konsumiert werden.

Hochkant-Journalismus

Snapchat und Instagram liefern mit sogenannten Stories Beispiele, die ohne die Benutzung und Medienherstellung auf dem Smartphone gar nicht funktionieren. Weltweit haben sich daher Medienhäuser darauf spezialisiert, solche oft nur weniger als eine Minute dauernden kurzen Geschichten aus Fotos, Videos, Symbolen und darüber gelegten Texten regelmäßig herstellen zu lassen. Mitunter sind sie nur an sehr eng gefasste Zielgruppen wie Jugendliche oder Schulkinder gerichtet und erreichen damit hohe Abrufzahlen.

Auch die ARD bietet Derartiges unter ihrem Jugendangebot „Funk“, das in Irland dem fachkundigen internationalen Publikum vorgestellt wurde. Drei junge Journalisten wechseln sich in dem „Hochkant“ genannten Snapchat-Angebot wöchentlich ab und produzieren täglich mit dem Smartphone einen Beitrag. Für Großereignisse reisen sie auch ins Ausland und produzieren dort vor Ort, wie zuletzt in Amerika oder bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich. Anschließend werden sofort Fragen der zumeist sehr jungen Nutzer beantwortet, denn Snapchat ermöglicht ja eben Kommunikation in beide Richtungen.

Längere Arbeitszeiten und mehr Stress

Noch ist die Gruppe der Smartphone-Journalist_innen weltweit überschaubar. Es sind zumeist eher die kleinere TV-Stationen und Onlineportale, die die Technik regelmäßig einsetzen. Oftmals wird dort Kameramann/frau eingespart, den Job müssen dann Journalist_innen noch nebenbei erledigen. Für sie bedeutet das oft längere Arbeitszeiten und mehr Stress. Die 600 MoJo-begeisterten Journalist_innen, die nach Galway gekommen sind, nehmen das aber in Kauf.

nach oben

weiterlesen

Polizeigewalt in Kolumbien

Kolumbiens Polizeieinheiten zur Aufstandsbekämpfung (ESMAD) werden für Dutzende von Toten und Schwerverletzten seit dem Beginn der sozialen Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht. Dabei wurden auch Journalisten gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen, kritisiert die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP). Videos, Fotos und Zeugenaussagen aus Städten wie Sibaté, Cali und Popayán belegen das. Doch die Regierung in Bogotá geht auch verbal gegen kritische Berichte vor allem in den sozialen Medien vor: von Cyber-Terrorismus ist die Rede. Für Jonathan Bock, FLIP-Direktor, ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung.
mehr »

Wieder Journalist in Süd-Mexiko ermordet

In Mexiko ist erneut ein Journalist ermordet worden. Wie die Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Oaxaca mitteilte, erschossen Unbekannte am Donnerstag (Ortszeit) den Reporter Gustavo Sánchez Cabrera, während dieser gerade mit einer anderen Person auf dem Motorrad unterwegs war.Der Angriff erfolgte in der Stadt Santo Domingo Tehuantepec im Süden des Landes. Sánchez Cabrera arbeitete für ein Nachrichtenportal, das über Verbrechen in der Region berichtet.
mehr »

Mit am Tisch sitzen und selber bestellen

„Wir brauchen Teilhabe, nicht nur Teilnahme – das ist mehr, als nur dabei zu sein!“ Dieses Fazit zog Anna Koktsidou, SWR-Beauftragte für Vielfalt und Integration aus den Diskussionen beim jüngsten Medienforum Migration Mitte der Woche. In den konstruktiven Gesprächsrunden ging es um Identitätsfragen, Rassismus, ausgrenzende Sprache, Karrierechancen, Vorbilder, Diversitätsquoten und die Rolle der Medien für das „Wir“ der Einwanderungsgesellschaft.
mehr »

VG Wort: Ausschüttung im Juli gesichert

Die Hauptausschüttung für 2020 der Verwertungsgesellschaft Wort ist gesichert. Denn eine Mehrheit von rund 74 Prozent der Mitglieder hat schriftlich per Brief dem Jahresabschluss zugestimmt. Im Jahr 2020 hat die VG Wort 209,94 Millionen Euro aus Urheberrechten eingenommen. Im Vorjahr waren es 156,12 Millionen Euro. Das liegt an einer Nachzahlung für audiovisuelle Kopiergeräte in Höhe von rund 60 Millionen Euro für die Vorjahre.
mehr »