Nervöse Zone

Lutz Hachmeister über den Einfluss neuer Medien auf das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten

Lutz Hachmeister (53) ist Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM, Berlin) und Autor des Buches „Nervöse Zone: Politik und Journalismus in der Berliner Republik“ (München 2007: DVA). Foto: Jim Rakete
Lutz Hachmeister (53) ist Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM, Berlin) und Autor des Buches „Nervöse Zone: Politik und Journalismus in der Berliner Republik“ (München 2007: DVA).
Foto: Jim Rakete

M | Viele Politiker haben das Gefühl, dass Medien und Märkte sie vor sich hertreiben. Ist diese Wahrnehmung begründet?

Lutz Hachmeister | Wenn man genauer hinsieht, bleibt von der berühmten Kolonisierung der Politik durch die Medien nicht viel übrig. Die operative Politik ist ein System, das Resistenz leistet und in dieser Resistenz auch Macht hat; zum Beispiel die Macht, Prozesse zu verlangsamen. Ein wesentlicher Faktor der Politik ist die Ministerialbürokratie, die viel mehr Macht besitzt als die Politiker, die man im Fernsehen sieht. Diese Bürokratie ist geradezu darauf aus, ihre standardisierten Prozeduren so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber wenig mit, weil sie dem Schein der mediatisierten Politik unterliegt. Wenn sich Politiker massenmedialen Ritualen ausliefern, ist dies nicht die Realität des Politischen.

Politiker beklagen eine zunehmende Personalisierung und Boulevardisierung. Sind sie nicht selbst Verursacher dieser Entwicklung?

In der Tat wird kein Politiker gezwungen, in eine Talkshow zu gehen. Es ist ein Trugschluss, dass sich Talkshowpräsenz und Popularität beim Wähler automatisch synchronisieren. Die Beispiele Helmut Kohl oder Angela Merkel zeigen, dass Politiker auch ohne übermäßige Medienpräsenz lange machtvoll agieren können. Bildschirmpräsenz korreliert also nicht automatisch mit Einfluss und Macht. Durch die Ausweitung der medialen Sphäre ist aber ein neuer struktureller und zeitlicher Druck entstanden. Facebook, Twitter oder Blogs wollen bedient werden – das erhöht den Aufwand, bietet aber systemtheoretisch gesehen auch die Chance zu höherer Selektion.

War zu Zeiten der Bonner Republik die Welt überschaubarer und Politik daher leichter zu erklären?

Das ist mir zu einfach: Bonn war gemütlich und Berlin ist hektisch. So richtig gemütlich geht es ja in Wolfgang Koeppens Bonn-Roman „Das Treibhaus“ auch nicht zu. Im Bonner Journalismus war das Parteisoldatentum viel stärker verbreitet. Viele Journalisten waren eindeutig zugeordnet, gerade auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk; das galt auch für Programmdirektoren und Intendanten. Es gab regelrechte Schildknappen bestimmter Politiker, und das wusste jeder. Das trifft für die Berliner Republik zumindest in dieser Form nicht mehr zu.

Wie verführerisch ist für Journalisten Nähe zur Macht?

Politischer Journalismus ohne Berührung zur Macht funktioniert nicht. Es wundert mich aber immer wieder, dass sich Journalisten so leicht zu Komplizen machen und sich nahtlos in das politische oder publizistische Ritualsystem einfügen. Dazu gehört auch, dass man es offenbar genießt, in Hintergrundrunden zu sitzen und angeblich wichtige Informationen zu bekommen, die sich oft genug schon am nächsten Tag als nicht besonders bedeutend herausstellen. Es gibt nur wenige Journalisten, die sich diesen Ritualen entziehen können. Die TV-Regelberichterstattung ist im Grunde fast erkenntnisfrei. Es gibt auch dieses Rauschhafte des Schwarms, die Sehnsucht nach der großen Kampagne, in der sich der politische Journalismus seine Macht beweisen will.

Ist das auch Teil des Konformitätsdrucks, der beispielsweise zur einhelligen Verurteilung Christian Wulffs geführt hat?

Wulff war für die meisten Journalisten von seinem Amtsbeginn an der ungeliebte Präsident, dazu kam der Konflikt mit Springer und das Ungeschick im Krisenmanagement. Das ist ein Fall für sich. Davon abgesehen sind die Massenmedien einerseits ökonomisch und technologisch gefährdet, aber immer noch publizistisch mächtig. In dieser Situation sind offensichtlich starke Zusammenschlüsse über ideologische Grenzen hinweg entstanden, eine Art pragmatische Gewinngemeinschaft der Elitejournalisten. Das war sehr gut zu beobachten, als die Medien 2005 unisono erklärten, Gerhard Schröders Zeit sei abgelaufen, und dann hätte er die Bundestagswahl fast doch noch gewonnen. Elisabeth Noelle-Neumann hat dieses Phänomen aus einer konservativen Position heraus in den Siebzigerjahren das „gespaltene Meinungsklima“ genannt: In der Bevölkerung herrscht eine andere politische Stimmung als in der Establishment-Publizistik.

Ist die seriöse Presse im Habermas’schen Sinn nach wie vor das „Rückgrat der politischen Öffentlichkeit“?

Sie ist ein zentrales funktionales Element der spätbürgerlichen Aufklärung, daran hat sich nichts Wesentliches geändert. Dank Twitter und den diversen Blogs haben nun aber auch Gruppen und Individuen eine vernehmbare Stimme bekommen, die sie früher in den etablierten bürgerlichen Medien nicht hatten. Außerdem haben sich manche Blätter völlig gewandelt. Die FAZ und ihre Sonntagszeitung haben nichts mehr mit der Frankfurter Allgemeinen von 1970 zu tun. Diese Prozesse kann man nur begreifen, wenn man die Medienevolution in einem Kontext mit ihren kulturellen und soziologischen Voraussetzungen und Wirkungen analysiert. Habermas’ Verteidigung der bürgerlichen Qualitätspresse ist mir da zu feierlich, weil sie das Potenzial neuer Öffentlichkeiten zu gering schätzt. Etwas mehr Abenteuer darf schon sein, auch wenn es ökonomisch nicht einfach ist.

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