Ohne Einkommen in Zeiten von Corona

Bild: Hermann Haubrich

Volle Auftragsbücher und Terminkalender, haben sich binnen Stunden geleert. Veranstaltungen, Pressekonferenzen, vereinbarte Interviews werden abgesagt. Berichtenswerte Themen verlieren scheinbar an Relevanz. Die Folgen für Selbstständige: Honorareinbußen, deren Umfang nicht absehbar ist. Gewerkschaften und andere Verbände machen Druck auf die Politik, die Kreativen im Blick zu haben, geben Lösungsvorschläge. Erste Angebote sind auf dem Weg.

Medien, sei es Rundfunk oder Print, sind ohne freie Mitarbeiter*innen kaum in der Lage, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten und damit ihre gesellschaftlich wichtige Informationsaufgabe zu erfüllen. Allein für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten etwa 18 000 Freie. Das sind Reporter*innen, Redakteur*innen, Moderator*innen, Bild- und Tontechnik*innen, Bühnenbauer*innen, Cutter*innen und viele andere mehr. An der Zeitungs- und Zeitschriftenproduktion wirken unter anderem freie Grafiker*innen und Layouter*innen, Journalist*innen und Fotograf*innen mit. Veranstaltungstechniker*innen im Rundfunk sind Selbstständige oder sie kommen aus kleinen und mittelständischen Media-Dienstleistungsfirmen. Gleiches gilt für die gesamte Entertainment-Branche, die aufgrund der Absagen aller Veranstaltungen in die Knie geht. In der Filmproduktion kommt es zu Drehverschiebungen und Ausfällen, die auch Selbstständige „arbeitslos“ machen. Betroffen von der Corona-Krise sind ebenso unszählige Kunst- und Kulturschaffende wie Autor*innen oder Musiker*innen – überwiegend „Einzelkämpfer*innen“.

„Hausverbot“ und andere Einschränkungen

Ihnen allen brechen Aufträge weg oder sie können nur eingeschränkt arbeiten. Teilweise übernehmen Feste die eigentlich für Freie gedachten Aufträge. Einige Sendeanstalten und Redaktionen dürfen von Freien nicht mehr betreten werden. Sie können also auch die dortige Infrastruktur, etwa für die Produktion eines Rundfunkbeitrags, nicht nutzen. Die Häuser sind weitgehend geschlossen oder nur noch für wenige Beschäftigte offen. Große Teile der Kolleg*innen arbeiten im Homeoffice, häufig in „geteilten Teams“, das heißt eine Hälfte arbeitet von zu Hause und die andere in der Redaktion. Im Falle einer Erkrankung können gesunde Kolleg*innen einspringen.

Zeitungen haben inzwischen ihren Umfang reduziert. Themen außerhalb von Corona scheinen wenig gefragt. Doch selbst wenn, ist Recherche vor Ort immer mehr eingeschränkt. Quellen und Gesprächspartner sind schwerer erreichbar, von physischen Kontakten wird zum Schutz vor Ansteckung Abstand genommen.

Mit Kreativität im Netz unterwegs

Beeindruckend ist aber, wie kreativ auch viele Selbstständige mit dieser schwierigen Situation umgehen. Ein großes Pfund dafür ist das Internet. Lesungen finden online statt, Podcasts dienen Kabarettist*innen als Plattform; Konzerte, ja selbst Discos werden in leeren Sälen veranstaltet und gestreamt. In Chats kann über Ausstellungen diskutiert werden. Filmfestivals versuchen, sich online aufzustellen. Viele Künstler*innen bieten dabei ihre Werke kostenlos an, fordern aber das Publikum auf, gern einen „Eintrittspreis“ für den virtuellen Kunst- und Unterhaltungsgenuss zu zahlen. Sie bauen auf die Solidarität ihrer Fans!

Der Rundfunk, allen voran der Öffentlich-rechtliche, unterstützt die Kreativen dabei. Statt Ausstellungs- und Veranstaltungstipps werden Podcasts und andere Webformate rezensiert, kommen Medien- und Kulturschaffende vielfältig informativ und unterhaltend zu Wort.

Im Kontakt mit der Gewerkschaft

Viele Selbstständige wenden sich an ver.di, berichten, was ihnen auf den Nägeln brennt – mitunter ist ihre Lage existenzbedrohlich, wegen absehbarer heftiger Einnahmen-Ausfälle.

So bietet ein Freier im Auftrag von Messeveranstaltern, Messebauern, Ausstellern und Redaktionen bundesweit Messe- und Veranstaltungsfotografie an. Ende Februar begannen die Absagen, mittlerweile sei alles bis Ende Mai abgesagt, berichtet er. In den Monaten März, April und Mai erwirtschaftet der Fotograf das halbe Jahreseinkommen. Er hofft nun auf einige Messen im Juni, dann komme das „Sommerloch“ und ab September die Herbstmessen. „Bis dahin muss ich mich irgendwie über Wasser halten“, sagt er.

Stressbewältigung, Selbstmangement-Training, Auftritts-Coaching sind das Angebot eines selbstständigen Coaches. In der aktuellen Situation blieben die meisten Klienten weg. Die Folge: fast 100 Prozent Verdienstausfall, schildert er. Er könne eventuell einige Wochen überbrücken mit Rücklagen. Die seien aber eigentlich zur Absicherung für den Krankheitsfall gedacht gewesen. Aber wenn die jetzige Situation sehr lange andauere, dann seien Basiszahlungen wie Miete oder Krankenkassenbeiträge bedroht. Schließlich gehöre er nicht zu einer Branche, die online arbeiten könne, betont er. Ähnliches erzählt eine Trainerin und Moderatorin, die nur im Kontakt mit Menschen (-gruppen) arbeiten und Geld verdienen kann. Nun würden ihr Stück für Stück aufgrund der Coronakrise die Aufträge entzogen. Sie stehe damit vollkommen ohne Verdienstmöglichkeit da und habe zwei Kinder zu versorgen.

Design ist sein Metier. Er fertigt unter anderem Drucksachen für Kurse im medizintechnischen Bereich an und setzt auch die Aussendungen dafür um. Nun hat ein Kunde alle sieben Ausbildungskurse für März abgesagt. Damit sei der Auftrag entfallen. Der daraus resultierende Ausfall liege etwa bei 40 Stunden für den März, sagt der Freelancer. Für die Monate April und Mai rechne er mit ähnlichen Ausfällen.

Seit 23 Jahren sei sie freie Fachjournalistin, Texterin und Event-Betreuerin für die Branchen Gastronomie, Catering und Hotellerie, schrieb eine Kollegin. Da die Gastronomie von der Coronakrise stark betroffen sei, würden ihre Haupteinnahmen wegbrechen. Sowohl Messeberichterstattungen als auch Zuarbeiten für Fachverlage/Gastro seien bereits ersatzlos gestrichen worden.

Über den bereits feststehenden Verlust von etwa einem Viertel des Jahresverdienstes berichtet eine Schriftstellerin. Viele Lesungen/ Vorträge seien abgesagt worden. Dazu gehört auch ein gecanceltes Festival, auf dem sie eine Woche lang jeden Tag auf der Bühne gewesen wäre, „lesend, moderierend, Zwischentexte sprechend“. Zudem sei sie „als Autorin eines guten Romans angekündigt worden, der den insgesamt wohl weit über tausend Zuhörer*innen präsentiert werden sollte“. 100 Exemplare ihres Buches wollte sie dort verkaufen.

Schnelle unbürokratische Hilfe gefordert

„ver.di hat sehr schnell einen Forderungskatalog mit konkreten Lösungsvorschlägen adressiert an die Politik aufgesetzt. Dabei spricht sie sich für branchenübergreifende unbürokratische Hilfen aus. Das sind Nothilfefonds für von Insolvenz bedrohte Selbstständige, für spezielle öffentliche Kredite, Senkungen von Einkommenssteuer-Vorauszahlungen oder Beitragssenkungen bei den Sozialversicherungen“, sagt Veronika Mirschel, Leiterin des ver.di-Bereichs für Selbstständige.

All das und mehr ist sehr detailliert auf dem speziellen ver.di-Infopool für Selbstständige nachzulesen. https://selbststaendige.verdi.de/beratung/corona-infopool

Aus dem journalistischen Maschinenraum mit Tipps für Freie im Rundfunk

Erste konkrete Hilfsangebote

Inzwischen gibt es erste konkrete Hilfsangebote für Selbstständige. Die Künstlersozialkasse weist selbstständige Künstler*innen, Publizist*innen und abgabepflichtige Unternehmen unter anderem auf die Möglichkeiten der Beitragsanpassung hin, wenn sich die geschätzte Einkommenserwartung aufgrund von Auftragsstornierungen ändert. Dafür gibt es ein entsprechendes Meldeformular.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat zugesagt, dass es neben Hilfen für Arbeitnehmer*innen mit Verdienstausfällen einen Nothilfefonds für Kleinst-Selbständige, die um ihre Existenz fürchten müssen, geben werde. Die Agentur für Arbeit verfüge über 26 Milliarden Euro an Rücklagen.

In NRW wurde festgelegt, dass Beschäftigte in den Medien als „systemrelevanten Jobs“ bewertet werden, damit zum Beispiel die Kinder von Rundfunkmitarbeiter*innen in die Notfallbetreuung der Kitas integriert werden können. Das sollte ein Beispiel für andere Länder sein.

Soforthilfe Corona aus Bayern 

„Nahezu alle Soloselbstständigen sind von wegbrechenden Aufträgen wegen Corona betroffen. Und fast alle stehen ohne Einnahmen, aber mit weiterlaufenden Kosten da“, stellt Willi Nemski klar. Genau deshalb lobt der ehrenamtliche Sprecher des Selbstständigenrats von ver.di Mittelfranken das konkrete Handeln der Bayerischen Staatsregierung. Denn als erstes Bundesland hat Bayern „umfangreiche Maßnahmen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus“ beschlossen. Dazu zählt auch das „Förderprogramm Soforthilfe Corona“ mit konkreten Hilfen für Kleinstbetriebe. Und darunter fallen auch besagte Soloselbstständige, berichtet M-Autor Heinz Wraneschitz.

„Notleidende Betriebe erhalten unbürokratisch und sehr kurzfristig zwischen 5.000 und 30.000 Euro“, verkündete Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger direkt nach der Kabinettssitzung am 17. März. Die Soforthilfe werde gestaffelt nach der Zahl der Erwerbstätigen gewährt. Der oder die Soloselbstständige gelte nach ministerieller Auskunft als erwerbstätig und erhalte bei aktueller Bedürftigkeit den Betrag der Staffel „bis zu 5 Erwerbstätige“, also 5.000 Euro. Bereits wenige Stunden später stand ein sehr einfaches Antragsformular dafür auf der eigens eingerichteten Webseite im Internet.

Fakt ist demnach: Das Geld zur Unterstützung muss nicht zurückgezahlt werden. Es ist nach Auskunft des Ministeriums als steuerfreie Einnahme zu werten. Aber ein Geschenk an alle Selbstständigen ist die Finanzhilfe beileibe nicht: „Liquiditätsengpass bedeutet, dass keine (ausreichende) Liquidität vorhanden ist, um z. B. laufende Verpflichtungen zu zahlen. Vor Inanspruchnahme der Soforthilfe ist verfügbares liquides Privatvermögen einzusetzen“, steht dort ausdrücklich. Und weiter: „Vorsorglich wird darauf hingewiesen, dass der Antragssteller an Eides statt versichert, alle Angaben im Antragsformular nach bestem Wissen und Gewissen und wahrheitsgetreu gemacht hat.“

Zwar werde nicht jeder Antrag im Einzelnen nachgeprüft, erklärte eine Ministeriumssprecherin auf Nachfrage. Aber: „Wenn bei einer Stichprobenkontrolle herauskommt, dass private Mittel vorhanden waren, war das ein Subventionsbetrug.“ Sprich: Jede Kleinstunternehmer*in sollte vor Antragstellung ernsthaft prüfen, ob die aktuelle finanzielle Situation nicht aus dem Sparbuch überbrückt werden kann.

Unterstützung durch Länderförderungen

Das Medienbord Berlin-Brandenburg teilte am Abend des 18. März mit, dass die Länderförderungen in Deutschland die gesamte Film- und Medienbranche mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in dieser Krise bestmöglich unterstützen wollen. Außergewöhnliche Zeiten erforderten außergewöhnliche Maßnahmen. „In einer dreistündigen Telefonkonferenz wurden heute Pläne für einheitliche Hilfsmaßnahmen entwickelt, die allerdings noch mit den entsprechenden Aufsichtsgremien abgestimmt werden müssen. Diese gemeinsam erarbeiteten Maßnahmen sollen zeitnah und so unbürokratisch wie möglich auf den Weg gebracht werden.“

Weitere Informationen von ver.di für Selbstständige:

Corona und Freie – Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union

Hinweise und Tipps für Filmschaffende

Handreichung für die Unterstützung selbständiger und freier Kulturschaffender

https://www.facebook.com/Selbststaendige


Ganz Aktuell der neue M-Medienpodcast im Gespräch mit Veronika Mirschel, zuständig bei ver.di für Selbstständige


Mal eine ganz andere Sicht: Corona und die Kunst

kuk online: Viel reicher und tiefer

 

 

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