Onlinegrenzen entdecken

Recherchetraining spielt in der Volontärsausbildung nur eine untergeordnete Rolle

Über mangelnde Recherchefähigkeit des journalistischen Nachwuchses zu klagen, ist heute geradezu zur Norm geworden. Doch wie weit wird die Kompetenz zur Recherche in der Ausbildung vermittelt?

Die größte Gruppe der jungen Journalistinnen und Journalisten wird in den Volontariaten der Zeitungen und Zeitschriften ausgebildet. Manche Verlage haben dafür eigene Journalistenschulen. Für die anderen Volontärinnen und Volontäre gibt es die insgesamt vier Wochen dauernden Kompaktkurse an Presse- und Medienakademien entsprechend der tarifvertraglich festgelegten Ausbildungsordnung. Natürlich ist es Verlagen und Redaktionen unbenommen, zusätzliche Kurse zu buchen, die Recherche bei den monatlichen Volotagen anzusetzen und durch die Betreuung in den Volontärsalltag einfließen zu lassen. Leider wird das zu wenig genutzt.
An der Akademie der Bayerischen Presse in München hat sich das Programm für Zeitungsvolos seit Jahren nicht geändert. „Recherche und Unterscheidung der Darstellungsformen (Bericht, Feature, Reportage, Recherchieren, Schreiben und Besprechen einer Reportage)“ steht im ersten der beiden zweiwöchigen Kurse an. Nur dreieinhalb Tage sind für dieses umfangreiche Thema vorgesehen. Bei den Kursen für Zeitschriftenvolontäre und freie Journalisten sind es vier Tage. „Die Zeitungsvolontäre haben meist ein höheres Niveau und bereits Erfahrungen mit den verschiedenen Genres, da sie wegen des täglichen Erscheinens mehr üben als Volontäre einer Monatszeitschrift“, begründet Akademieleiter Herbert Knur den Unterschied. Ansätze zur crossmedialen Recherche sollen jetzt in den Kurs eingebaut werden – „auch auf Wunsch unserer großen Kunden wie etwa der Süddeutschen Zeitung oder des Münchner Merkur“.
In der Hamburger Akademie für Publizistik absolvieren die Volontäre meistens vierwöchige Kompaktkurse. Zwei Tage gehören darin dem Kapitel Recherche, erläutert Direktorin Annette Hillebrand. Damit hat die Akademie die Zeit für Recherche verdoppelt, seit die Online-Recherche dazugekommen ist. Noch einen Tag mehr widmen die Volokurse der Evangelischen Medienakademie in Berlin der Recherche: zwei Tage gelten den Grundlagen, ein weiterer Tag der Online-Suche, dem Umgang mit Suchmaschinen und Datenbanken. Immerhin soll Online zu einem Schwerpunkt der inhaltlich zu straffenden Volokurse ausgebaut werden. Recherchetraining spiele in der Volontärsausbildung nur eine untergeordnete Rolle, eben eine zweitägige „Zwangsbeglückung“ im Volontärskurs, so Jürgen Dörmann auf der Tagung zur Internet-Recherche der Landesmedien-Anstalt Nordrhein-Westfalen Ende Juni in Berlin. Dörmann ist Leiter des Journalisten-Zentrums Haus Busch, das unter anderem auch Seminare für Volontäre anbietet. Thomas Leif, Vorsitzender des Netzwerks Recherche, mahnte dagegen inhaltlich: Die jungen Leute surften zu viel im Internet und griffen zu wenig zum Telefonhörer bei ihren Recherchen. Er brachte es auf die Formel: „Die Internet-Recherche als Wellness-Einbahnstraße“.

Wieder mehr nachgefragt

Bei den Ausbildungen in Journalistenschulen, die als kompakte Phasen zwischen Redaktionsaufenthalten oder studienbegleitend gestaltet sein können, sowie in den originär journalistisch ausgerichteten Studiengängen ist mehr Zeit für Recherche als in den Akademie-Grundkursen für Volontäre. Die Kölner Journalistenschule sieht in den ersten beiden Semestern ein wöchentliches Recherchetraining vor. Bei der zweijährigen Ausbildung an der Burda Journalistenschule wird die Recherche als „integraler Bestandteil aller Ausbildungsabschnitte“ verstanden, so die Offenburger Ausbildungsleiterin Lydia Krumet. „Jede Unterrichtseinheit ist mit Recherche verbunden. So kann man den Anteil nur grob auf zirka vier Monate schätzen.“ Der Rechercheunterricht habe zeitlich zugenommen und „inhaltlich ist eine deutliche Bewegung zu spüren. Vor drei bis vier Jahren wurde das Medium Internet als zentrale gewichtige Quelle genutzt, heute müssen die angehenden Journalisten Grenzen dieses Mediums entdecken, kritisch analysieren, aufwendiger und genauer recherchieren.“ In der Zukunft werde die Bedeutung der Recherche weiter zunehmen, da ist sich Lydia Krumet sicher, denn der Konkurrenzdruck werde steigen, auch durch den „Laien-Journalismus“.
An der Mitteldeutschen Journalistenschule in Mittweida werden die journalistischen Grundlagen parallel zum Studium vermittelt. Hier hängt die Bedeutung des Recherche-Unterrichts von der Modulwahl der Studierenden ab. Ausbildungschef Professor Otto Altendorfer erklärt: „Wenn ein Volontär das Modul ‚Event’ wählt, ist der Rechercheaufwand natürlich geringer und weniger umfangreich als wenn die Wahl auf das Modul ‚Hörfunk’ mit dem täglichen Einsatz in der Redaktion unseres 24-Stunden-Regionalradios gefallen ist.“
In die Zukunft sieht Altendorfer zuversichtlich: „Der Rechercheanteil ist wieder im Steigen, weil wieder mehr nachgefragt wird und die Infos nicht mehr so unkritisch übernommen werden. Diese Tendenz wird anhalten, erfordert aber auch mehr Ausbildung nicht nur in journalistischen Methoden, sondern auch hinsichtlich Medienstrukturen, Medientechniken und Vertriebsformen.“ Allerdings hat der Professor auch beobachtet – und das trübt die Aussicht auf eine bessere Recherchezukunft etwas –, dass „das Grundwissen, die Grundtechniken zur Informationsgewinnung, die Informationsfreude und das Informationsverlangen vieler Abiturienten gesunken sind“.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di: KSK-Novelle bringt mehr Sicherheit

ver.di hat die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Anpassungen im Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG) begrüßt, die am 1. Dezember im Rahmen einer umfassenden Novelle des Vierten Buches im Sozialgesetzbuch verabschiedet wurden. Es sei ein wichtiger Schritt zu mehr Fairness, dass über die Künstlersozialkasse versichert bleiben soll, wer im Hauptberuf künstlerisch oder publizistisch tätig ist, heißt es in einer Pressemitteilung.
mehr »

Umfrage: SoloS sollten mehr über Geld reden

7250 Honorardatensätze zeigen: Solo-Selbstständigkeit ist überwiegend „kein faires Geschäftsmodell“. Trotz hoher fachlicher Qualifikation und langjähriger Berufserfahrung würden Kreative nicht leistungsgerecht entlohnt. Zu diesem nicht überraschenden, doch ernüchternden Fazit kam eine Podiumsrunde im Leipziger Haus der Selbstständigen bei der Auswertung einer branchenübergreifenden Honorarumfrage, der sich 54 Gewerkschaften, Berufsverbände und Interessenvertretungen Solo-Selbstständiger anschlossen.
mehr »

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »