Pixel contra Filmstreifen

Technische Revolution im Kino: Die seit 1889 gebräuchlichen 35-Millimeter-Filmstreifen mit doppelseitiger Perforation sollen durch digitale Bilder aus Speichermedien ersetzt werden. Damit wird aber auch ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze in Kopierwerken und Filmvorführungen wegfallen. Die Pläne der von der Digitalisierung profitierenden Hersteller und Verleiher sind ambitioniert, es bleibt abzuwarten, ob der Zuschauer sie in gewünschtem Umfang annimmt. Unklar ist bisher auch noch, wer die beträchtlichen Investitionen in einer kriselnden Kinobranche stemmen soll.

Seit die Bilder laufen lernten, fanden zwei filmtechnische Revolutionen statt. Zuerst kam der Ton-, dann der Farbfilm. Eines aber blieb, die gute alte Filmrolle aus Polyester. Diese besteht aus vielen einzelnen Bildern, kopiert auf eine durchgängige Trägerfolie und wird mit einer Frequenz von 24 Einzelbildern pro Sekunde auf die Leinwand geworfen. Der Regisseur Wolfgang Petersen bemerkte einmal, wie seltsam es sei, dass im digitalen Zeitalter weiterhin Lastwagen über Land fahren und Filmrollen transportieren, bevor Filmvorführer mehrere dieser Rollen, „Akte“ genannt, zu einem großen „Teller“ zusammenkleben, um dann den kompletten Spielfilm abzuspulen. Bei großen Filmstarts wie „Harry Potter“ oder „Der Herr der Ringe“ werden mehr als 1.000 Kopien und mit einem Gesamtgewicht von über 40 Tonnen durch Deutschland gefahren, bevor sie am Ziel angelangt sind: im Vorführraum der Kinos.
Heute reißt zwar kaum noch ein Film, aber die optische Qualität lässt oft zu Wünschen übrig. Nach wenigen Vorführungen stellen sich erste Schäden an den Kopien ein, Farbschlieren, Laufstreifen und eine miserabel verarbeitete Tonspur sind bei Massenkopien an der Tagesordnung. Der Vorführer trägt daran in der Regel keine Schuld – für die Massenkopien sind die Verleiher verantwortlich und Filmvorführer wissen zu berichten, dass die Qualität in den letzten Jahren beständig abgenommen hat. Dass es besser geht, beweisen brillante Gala- und Pressevorstellungen mit ausgewählten Premierenkopien. Filmschaffende wünschen sich seit langem die Projektion ihrer Werke in einem einheitlich hohen Standard. Die Digitalisierung könnte da helfen.

Digitale Verarbeitung

Die Produktion eines Spielfilms durchläuft drei Schritte: Bildaufnahme, Nachbearbeitung und Distribution. In der Filmindustrie werden zwar bis heute die meisten Filme analog fotografiert, anschließend aber werden die Aufnahmen zu über 50%, mit rasant steigender Tendenz, digitalisiert. Die Postproduktion, das heißt die Nachbearbeitung (Vertonung etc.), erfolgt seit vielen Jahren weitgehend digital. In der Verwertungskette ist lediglich das Kino noch analog. Nach dem Willen der großen Filmproduzenten und Verleiher soll sich dies ändern, allerdings vor dem dramatischen Abspann geänderter Marktbedingungen: seit ca. drei Jahren ist die DVD im Durchschnitt erlösstärker als der dazugehörige Kinofilm. Das Kino, sagen Spötter, verkommt zur Werbeplattform für das Homeentertainment.
Der entscheidende Impuls zur Digitalisierung war die Gründung der Digital Cinema Initiative (DCI) durch sämtliche große Hollywood Studios (Disney, Fox, MGM, Paramount, Sony Pictures Entertainment, Universal und Warner Bros.) im März 2002. Die DCI plädiert für das Bildkompressionsformat JPEG2000, einer Bildauflösung von mindestens 2K (2048 _ 1080 Pixel) sowie für einen erweiterten Farb- und Dynamikbereich, um dem Fernsehen weiterhin optisch überlegen zu bleiben. Zunächst entstanden zwei Lager: das D-Cinema (das auf DCI-kompatible Spielfilme setzt) sowie das E-Cinema (Filme bis zu 1,4K, etwa Werbung und HD-Produktionen). Im Kampf zwischen beiden Anhängern, obsiegte die US-amerikanische Filmindustrie. Denn um eine Hollywood taugliche 2K-Auflösung auf der Leinwand sicherzustellen, bedarf es der sicheren Apparaturen von NEC, Christie, Barco, Cinemeccanica oder Kinoton, die ihre Projektoren mit lichtstarken 2K-DLP-Chips ausstatten. Lediglich kleinere Filmtheater haben sich zumeist dem Verbund CinemaNet Europe angeschlossen, der günstig bis zu 1,4K-taugliche Bildwerfer („Beamer“) samt Server anbietet.
Das D-Cinema hat aber auch filmpolitische Brisanz. Das Digital Cinema Package (DCP), also der auf ca. 200 Gigabyte komprimierte digitale Film, kann erst mit einem beigelegten Schlüssel (Key), einem speziellen Datencode, für einen spezifizierten Projektor freigeschaltet werden. Die Verleiher erhoffen sich dadurch größeren Schutz vor Filmpiraterie, könnten aber gleichzeitig auch in die Programmierung eines Kinos eingreifen. Vor allem deutsche Betreiber wollen aber Herr im eigenen Haus bleiben. Nach der Verabschiedung der DCI-Spezifikationen sind weltweit rund 6.500 Leinwände umgestellt worden (Stand September 2008), und es kommen täglich weitere hinzu.
In Europa startete am 12. November 2004 das Projekt European DocuZone in 8 Ländern und 182 Kinos, davon 112 in Deutschland. Dieses Projekt wird durch die Filmförderung und EU-Mittel unterstützt und fokussiert sich dabei ganz bewußt darauf, die Auswertungssituation von kleinen Filmen in kleinen Kinos mit kleinen Leinwänden zu verbessern. European DocuZone legt seinen Schwerpunkt vor allem auf den Dokumentarfilm. Die hierbei verwendete Technik ist voll DCI-konform, was zeigt, dass für die Festlegung zukünftiger Standards die Besitzer der Filmrechte ein erhebliches Wort mitzusprechen haben.

In Irland wurden von einer amerikanischen Investorengruppe die dortigen rund 500 Kinosäle für ca. 40 Millionen Euro umgerüstet. In Deutschland, ist die Entwicklung noch kaum bei den Multiplexketten und ihren Block-Buster Filmen angekommen. Dies liegt vor allem an finanziellen Schwierigkeiten und dies nicht erst seit der globalen Finanzkrise.

Nach Hochrechnungen der Unternehmensberatung „Pricewaterhouse-Coopers“ muss man in Deutschland für die rund 3.700 relevanten (von insgesamt: mehr als 4.800) Leinwände mit Projektoren und Serveranlagen um die 211 Millionen Euro veranschlagen – Umbau- und Wartungskosten nicht eingerechnet.

Teure Umrüstung

Die großen Multiplexketten, die seit ihrem Marktstart Anfang der 90er Jahre ca. 50% Marktanteil erobert haben und die verbliebenen Familienbetriebe können sich nur schwer gegen die Super-Flat-Screens im heimischen Wohnzimmer behaupten. Ihnen fehlt das Geld für die Digitalisierung, immerhin ca. 50.000 bis 70.000 Euro pro Leinwand. Außerdem bleibt das Risiko, dass nach einigen Jahren die Soft- und Hardware veraltet ist.
Im Gegenzug liegen erhebliche Einsparpotentiale bei der Herstellung. Eine Digitalkopie ist deutlich preiswerter als die traditionelle 35-mm-Rolle – der Unterschied schwankt je Kopie zwischen 500 bis 900 Euro. Diesen Betrag würden die Kinobetreiber gerne in Form der „Virtual Print Fee“ (VPF = virtuelle Kopienkosten) als Investitionskostenbeitrag der Verleiher verbuchen.
Die Kinoverbände und Verleiher haben sich jüngst auf das „100er-Modell“ geeinigt. Die Verleiher wollen sich an der nationalen „Konversion“ mit 100 Millionen Euro beteiligen – der „Virtual Print Fee“, die in einen gemeinsamen Topf eingezahlt werden. Zur Auszahlung kommt das Geld aber nur, wenn der Kinobetreiber sich mit einem auf acht Jahre ausgedehnten „Investitionskostenbeitrag“ von 100 Euro pro Monat und digitalem Saal an diesem Modell beteiligt. Aus staatlichen und regionalen Fördertöpfen könnten in den kommenden Jahren ebenfalls 100 Millionen Euro fließen.
Deshalb wurde jüngst zur Zusammenarbeit aufgefordert. Nach langjähriger Vorarbeit ist ein Konzept gefunden worden, von dem politische Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Gemeinden überzeugt werden müssen, der Filmwirtschaft bei der Finanzierung der Digitalisierung zu helfen. Filmkulturell engagierte Kinos sollen von der Zahlung des monatlichen Grundbetrags in Höhe von 100 Euro befreit werden, sofern sie im Vorjahr mit dem Kinoprogrammpreis des Bundes ausgezeichnet wurden oder mit dem entgeltlichen Abspiel von deutschen und europäischen Filmen einen nachgewiesenen Besucheranteil von mindestens 50 Prozent erzielt haben. Gleiches gilt in Orten unter 20.000 Einwohnern für Leinwände in Filmtheatern mit bis zu vier Sälen, deren Kinokartenumsatz im Vorjahr weniger als 100.000 Euro betrug. Mit diesem „100er-Modell“-Vorschlag will die Kinobranche die Bundesregierung von der Förderungswürdigkeit des D-Cinema überzeugen, sagt Thomas Negele, Vorstandschef des Hauptverbands Deutscher Filmtheater.
In deutschen Lichtspielhäusern arbeiten etwa 40.000 Menschen (Quelle: HDF Kino e.V.), ca. 5–10% davon in der Filmvorführung. Die künftige Digitalisierung der laufenden Bilder dürfte die allermeisten Filmvorführer überflüssig werden lassen, wenige verbleibende müssen sich auf ein völlig verändertes Berufsbild einstellen. Sie werden mehr „Event-Manager“, als „Filmvorführer“ sein. Allenfalls dürfen sie gelegentlich einen Film starten, was künftig dem Start einer DVD gleich kommt. „Wer es jemals geschafft hat, einen VHS-Video Recorder so zu programmieren, daß er am Samstag abend pünktlich um 20:15h startet und den richtigen Film aufzeichnet, der wird künftig auch in einem Multiplex-Center als Filmvorführer arbeiten können“, sagt Jens Feldkamp, langjähriger Filmvorführer und Cineast. Moderne Steuerungssysteme, einmal vom Administrator programmiert, werden künftig solche Abläufe automatisieren – inklusive Fernwartung.

Kino quo vadis?

An Projektoren gibt es keine Mechanik, die zu pflegen ist, Filme müssen nicht mehr eingelegt werden, das Zusammenkleben der Akte entfällt, digitale Werbung muss auch nicht mehr verarbeitet werden, der Filmwechsel Mittwoch Nacht wird lediglich ein Verschieben von Bits und Bytes – ein 100 Jahre altes Berufsbild wird auf dem Altar der Moderne geopfert.
ver.di und connexx.av, beziehen gegenüber politischen Entscheidungsträgern Stellung zugunsten der Filmvorführer – mit Erfolg. So wurde dem Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann abgerungen, dass ein Teil der staatlichen Fördermittel für die Digitalisierung, in die Aus- und Weiterbildung der Filmvorführer fließt. Ebenso groß ist das gewerkschaftliche Engagement für die Beschäftigten der Kopierwerke.

Europas größter Kinobetreiber, die UCI-/ Odeon-Gruppe will noch im Frühjahr 2009 die erste Phase des digitalen Rollouts abschließen. 16 Säle in Deutschland werden dann mit 3D-fähigen digitalen Leinwänden ausgestattet sein. Jeffrey Katzenberg, Produzent und Geschäftsführer von DreamWorks Animation, gehört zu den größten Verfechtern der Stereoskopie im Kino. Er ist davon überzeugt, dass bereits „in fünf bis sieben Jahren alle Filme dreidimensional“ sein werden. Katzenberg weiß, wovon er spricht: Seit über 25 Jahren ist er als Filmproduzent tätig, er hob den ersten Star-Trek-Spielfilm aus der Taufe und wurde später Studiochef bei Disney. Nach Katzenbergs Vorstellung wird die 3D-Brille, welche für den 3D Kinogenuß notwendig ist, bald so selbstverständlich sein, wie ein Handy oder mp3 Spieler.
Andere Kinobetreiber arbeiten bereits an weitergehenden Automatisierungen und damit auch Rationalisierungen. Viele Kassensysteme haben bereits eine „E oder Handy-Ticket“ Funktion. Auch wird an Bestuhlungen mit elektronischer Sitzplatzerkennung gearbeitet. Damit würden auch viele Arbeitsplätze im Service Bereich, Ticketverkauf und Platzanweisung, eines Kinos wegfallen.

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