Potsdam zeigt Filme von gestern

Filmstill aus "Nie wieder schlafen" von 1992, der ebenfalls im Rahmen der Retrospektive gezeigt wurde
Rechte: Pia-Frankenberg-Filmproduktion

Bewegte und bewegende Geschichte gab es vom 25. bis 29. September auf dem Filmfestival Moving History in der brandenburgischen Landeshauptstadt zu sehen. Passend zum diesjährigen Jubiläum wurden dort unter dem Motto „Als wir träumten. Revolution, Mauerfall, Nachwendezeit“ rund 30 Dokumentar- und Spielfilme aus der Zeit zwischen 1989 und 2019 gezeigt. Doch nicht nur.

Festival-Schirmherrin Margarethe von Trotta
Foto: Jürgen Keiper

Es sei erstaunlich, dass es bisher in einem Land wie diesem kein solches Festival gegeben habe, wunderte sich Margarethe von Trotta in ihrer Rede zur Festivaleröffnung im Filmmuseum im Marstall neben dem wiedererbauten Potsdamer Stadtschloss. Denn, so findet die Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin, „unsere Geschichte ist eine einmalig widersprüchliche innerhalb von Europa“.

Tatsächlich sei ein Festival für Geschichte im Film einzigartig in Deutschland, pflichtete Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert bei, neben von Trotta der zweite Schirmherr von Moving History. Und er fügte hinzu: Dieses Format sei wie geschaffen für Potsdam – ein Verweis auf das Potsdamer Studio Babelsberg, Wiege des deutschen Films, wo seit der Gründung vor über 100 Jahren fünf politische Systeme ihre Spuren hinterlassen haben. Ein gewichtiges Argument außerdem für Potsdams Bewerbung als UNESCO Creative City of Film, für die Schubert um Unterstützung warb beim ebenfalls in Person eines Staatssekretärs anwesenden Bundesministerium für Bildung und Forschung, einer der zahlreichen Kooperationspartner und Förderer des Festivals.

Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls zur Festivaleröffnung auf der Treppe des Filmmuseums Potsdam
Foto: Ivette Löcker

Stargast des Eröffnungsabends von Moving History war allerdings kein Politiker, sondern der preisgekrönte Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, dessen filmisches Denkmal „Novembertage – Stimmen und Wege“ das Festival am Mittwochabend eröffnete. Dafür hat der 1927 geborene Sohn des nicht minder berühmten Filmregisseurs Max Ophüls im Auftrag der BBC und zusammen mit Co-Produzentin Regina Ziegler, „eine schwierige Person“, so Ophüls, im Jahr nach dem Mauerfall zahlreiche Interviews mit sehr verschiedenen Akteurinnen und Akteuren geführt. Zum Beispiel mit Menschen aus dem Osten, die am Abend der Grenzöffnung von der BBC interviewt wurden und die Ophüls Monate später mit Hilfe zahlreicher Annoncen in Berliner Zeitungen ausfindig gemacht hat. Aber auch mit Politikern wie Egon Krenz und Günter Schabowski und Schriftstellern wie Stephan Hermlin und Heiner Müller. Gespickt mir originalen Nachrichtenbildern und Ausschnitten aus Filmklassikern, ist dabei ein filmisches Potpourri herausgekommen, das auch viel widersprüchliches aufdeckt. Unverhüllt bleibt dabei Ophüls‘ persönliche Sicht auf die Ereignisse rund um den 9. November, der für ihn ein „später Sieg“ gewesen sei, „vielleicht sogar einer der letzten Siege der Freiheit, solange der Planet noch steht“.

Paneldiskussion über die Transformation der ostdeutschen Filmproduktion mit Katrin Schlösser, Dieter Chill, Stefanie Eckert (Moderatorin), Peter Badel, Karin Düwel (v.l.n.r.)
Foto: Moving History

So wie Ophüls‘ „Novembertage“ standen auch die anderen Filme der Retrospektive nicht für sich allein, sondern wurden jeweils durch Gespräche mit Gästen wie Regisseur*innen, Autor*innen oder Schauspieler*innen begleitet. Moving History verstehe sich deshalb auch als Gesprächsforum, so Festivalleiterin Ilka Brombach anlässlich der Eröffnung. Gelegenheiten für Austausch und Diskussionen gab es neben den Filmgesprächen vor allem in den unterschiedlichen Formaten des Rahmenprogramms. Dazu gehörten eine Master Class mit „Gundermann“-Autorin Laila Stieler, eine Games-Ausstellung mit digitalen Spielen über die DDR und den Eisernen Vorhang oder verschiedene Panel-Diskussionen. Wie etwa ein Gespräch über die Transformation der ostdeutschen Filmproduktion, in dessen Rahmen die Kameramänner Peter Badel und Dieter Chill, die Schauspielerin Karin Düwel sowie Katrin Schlösser, Produzentin von Ö-Film, die unter anderem für „Sonnenallee“ verantwortlich zeichnete, über ihr ganz persönliches Erleben der Ereignisse um und nach dem Mauerfall berichteten.

Präsentiert wurde im Festival-Rahmenprogramm auch das Projekt Open Memory Box, eine über 400 Stunden umfassende Online-Sammlung privater Schmalfilme, die von 149 Familien aus 102 Orten in der DDR gedreht wurden. Zusammengetragen wurde das Archiv seit 2013 von dem schwedischen Filmemacher Alberto Herskovitz und dem kanadischen Politologen Laurence McFalls.

Hans-Joachim Kulenkampff (rechts) in „Kulenkampffs Schuhe“
Foto: HR Kurt-Bethke

Ein Preis war natürlich auch zu vergeben: Die Clio – in der griechischen Mythologie die Muse der Geschichtsschreibung – prämiert einen Film, der sich auf besondere Weise mit einem historischen Thema befasst, und ging in diesem Jahr an Regina Schillings Fernsehdokumentation „Kulenkampffs Schuhe“. Darin setzt sich die 1962 geborene Autorin in Fotos und Super-8-Filmen vordergründig mit ihrer eigenen Familiengeschichte und Kindheit auseinander. Einen großen Raum nehmen in diesen Erinnerungen die Samstagabende mit der Familie ein, gemeinsam vor dem Fernseher mit Unterhaltungsshows wie „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff oder „Dalli-Dalli“ mit Hans Rosenthal. Anhand der Biographien der Showmaster, die sie mit der Biographie ihres Vaters in Verbindung setzt, und einer akribischen Recherche in den Aufzeichnungen der Shows deckt Schilling auf, wie die Traumata der Kriegserfahrung, aber auch nationalsozialistisches Gedankengut trotz der oberflächlichen Verdrängung in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit fortleben. Zum Beispiel, wenn ein Teilnehmer der Show von Hans-Joachim Kulenkampff, vom Moderator scherzhaft der betrügerischen Trickserei bezichtigt, diesem kaum hörbar zuraunt, er habe bei einem Juden gelernt.


Die erste Ausgabe von Moving History fand 2017 statt. Nach einer Pause 2018, die für das Gewinnen von Förderern und Kooperationspartnern genutzt wurde, soll das Filmfestival nun im jährlichen Rhythmus veranstaltet werden.

nach oben

weiterlesen

Lawfare gegen freie Journalisten

Der englischsprachige Begriff „lawfare“ ist ein Wortspiel aus „Recht“ und „Kriegsführung“. Gemeint ist eine Methode, um Journalist*innen mittels kostspieliger Strafverfahren mundtot zu machen. In Österreich ist der auf Entwicklungen in der rechtsextremen Szene spezialisierte Wiener Journalist Michael Bonvalot davon betroffen. Martin Sellner, Chef der  neofaschistischen „Identitäre Bewegung“ droht nun, ihn zu verklagen. Das könnte ihn zehntausende Euro kosten. Deshalb setzt er auf die Solidarität seiner Leser*innen.
mehr »

Presserat: „Bild“ erneut Rügen-König

Der Deutsche Presserat hat nach den Sitzungen seines Beschwerdeausschusses zwischen dem 8. und 10. September sowie am 14. September insgesamt 15 öffentliche Rügen ausgesprochen, darunter gehen allein sechs auf das Konto von „Bild“ oder „Bild.de“. Das Boulevardblatt bleibt damit weiterhin unangefochtener All-Time-Spitzenreiter im Rügen-Ranking. Seit 1986 hat der Presserat 797 Rügen ausgesprochen. 219 davon, also mehr als ein Viertel, kassierte „Bild“.
mehr »

Let‘s Dok: Aktionstag für den Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm trotzt Corona. Am 19. September zeigt die Initiative LETs DOK bundesweit Filme in rund 100 Kinos und an öffentlichen Plätzen. Neben den Filmscreenings sollen begleitende Veranstaltungen die formale Vielfalt und die thematische Bandbreite von Dokumentarfilmen zeigen. Mit aktuellen Werken sowie Perlen aus der Geschichte des deutschen Dokumentarfilms impft das Programm das Publikum gegen den Rückzug ins Private und für den gesellschaftspolitischen Diskurs.
mehr »

Überlebenskunst Filmemachen

Das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) bot auch in diesem Jahr ein politisch und kulturell anspruchsvolles Filmprogramm sowie anregende und mitunter erfrischend kritische Debatten. Zum Beispiel über die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen von Filmschaffenden, die durch die Corona-Krise noch verschärft wurden. „Filmemachen ist Überlebenskunst“, sagt deshalb die in Argentinien geborene und seit 2016 in Berlin lebende Filmemacherin Melina Pafundi.
mehr »