Praktikumsmühle

37 Prozent der Absolventen in der „Sucharbeitslosigkeit“

Die „Generation Praktikum“ gehörte 2006 zu den vieldiskutierten Phänomenen auf dem Arbeitsmarkt. Doch die Angaben waren sehr unterschiedlich. Deshalb haben die DGB-Jugend und die Hans-Böckler-Stiftung eine Studie in Auftrag gegeben, die für Praktikanten mit Studienabschluss „belastbare Zahlen“ bieten soll, erklärte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock bei der Vorstellung in Berlin. 37 Prozent aller Absolventen leisten nach dem Studienabschluss noch ein oder meh­rere Praktika, im Bereich Medien, Kunst und Kultur sogar mehr als die Hälfte. Rund 50 Prozent der Praktika werden nicht bezahlt. Zwei Drittel der Absolventen müssen in dieser „Sucharbeitslosigkeit“ die Eltern um Geld bitten.

Die Absolventenforscher der FU Berlin, Dieter Grühn und Heidemarie Hecht, haben die Studierenden des Prüfungsjahrgangs 2002 / 03 der FU Berlin sowie der Universität zu Köln zu ihrem Fortkommen in den vergangenen dreieinhalb Jahren befragt. Bei einer Rücklaufquote von 35 Prozent in Berlin und 23 Prozent in Köln werteten die Forscher knapp über 500 Fragebögen aus. Die Studie erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein, zeigt allerdings die Unterschiede des regionalen Arbeitsmarktes. Bei den Berliner Absolventen ist die Zahl der unbezahlten Praktika fast doppelt so hoch wie in Köln.

Rechtzeitig Notbremse ziehen

Die Absolventenforschung verfolgt die Arbeitssuche schon länger. Von den Berlinern gibt es eine Befragung des FU-Prüfungsjahrgangs 2000: Damals machten ein Viertel der Absolventen mindestens ein Praktikum, heute sind es 41 Prozent. Auch das Hochschul-Informations-System (HIS) befragt regelmäßig Absolventen. 2004 publizierten Kolja Briedis und Karl-Heinz Minks vom HIS eine Studie zum Prü­fungsjahrgang 2001, in dem „unterquali­fizierte berufliche Einstiegspositionen“ bei Geisteswissenschaftlern und Pädagogen ausgemacht, aber als „Randerscheinung“ be­zeichnet werden. In der Diskussion 2006 empfahlen die beiden Forscher, nach dem Studium die Finger von unbezahlten Praktika zu lassen und nicht in den Dumpingwettbewerb einzutreten. Spätestens nach dem dritten Praktikum nach dem Studium solle die Notbremse gezogen werden, sonst würden Praktika zur Belastung im Lebenslauf.
Die neue Studie „Generation Praktikum?“ der FU beschäftigt sich ausschließlich mit dem Praktikum nach dem Studium. Im Durchschnitt dauern diese postgraduellen Praktika sechs Monate, bei den unbezahlten sind es fünf Monate. Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler sind stärker betroffen als andere Studienrichtungen, Frauen stärker als Männer: 41 Prozent der Absolventinnen leis­ten mindes­tens ein Praktikum ab, aber nur 23 Prozent der Männer. Auch sind es eher Frauen, die ein zweites oder drittes Praktikum anhängen. Gleichzeitig zeigt sich bei den bezahlten Praktika der bekann­te Geschlechterunterschied: Während junge Männer durchschnittlich mit 740 Euro nach Hause gehen, kommen die jungen Frauen nur auf 540 Euro pro Monat.
Die Phase der „Übergangsarbeitslosigkeit“ nach dem Studium hat sich deutlich verlängert, zwei Drittel der jungen Leute sind in dieser Zeit auf die Hilfe der Eltern angewiesen, 40 Prozent haben einen Ne­benjob. Der „Probearbeitsmarkt“ der Praktikanten führt nur in einem Drittel der Fälle zu einer Weiterbeschäftigung. Der Hamburger Sozialforscher Berthold Vogel beschreibt die Situation der Praktikanten im „Magazin Mitbestimmung“ der Hans-Böckler-Stiftung so: „Wie Satelliten umkreisen sie die Kernbelegschaften der Betriebe, stets in der Hoffnung, dass irgendwann einmal der Ausstieg aus der Prakti­kantenrolle gelingt.“ An diese „Grenzgänger der Arbeitswelt“ würden zwar von den Betrieben hohe Ansprüche gestellt – die Hälfte der in der Studie Befragten erklärte, sie sei voll in die Betriebsabläufe eingebunden gewesen. Sie selbst können dagegen wenig Ansprüche anmelden: „Das Praktikum wird zum vorberuflichen Fegefeuer und die Angst, irgendwann zu alt zu sein und ganz aus dem Rennen genommen zu werden, wächst.“

Studium lohnt sich dennoch

Allerdings belegt die Studie zur Generation Praktikum auch, dass sich ein Studium nach wie vor lohnt und eine bessere Ausgangsposition schafft als eine andere oder gar keine Ausbildung. Nach einem Jahr hatten 93 Prozent eine erste Beschäftigung gefunden, waren selbstständig oder freiberuflich tätig. Nach dreieinhalb Jahren waren drei Viertel in einem Betrieb ­beschäftigt, 40 Prozent hatten einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Arbeitslos waren nur vier Prozent und ein Prozent steckte immer noch in der Praktikumsmühle fest.
Die Ausweitung der Praktikanten­stellen ist nach der Studie ein Trend, der in allen Bereichen vorkommt, besonders häufig in Medien, Kunst und Kultur sowie der öffentlichen Verwaltung. Der Bildungsexperte der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Christoph Anz, bestritt gegenüber der Financial Times Deutschland, dass in der Privatwirtschaft die Zahl der Praktikanten wachse, räumte aber den „Missbrauch, wie er offensichtlich in der Medienbranche stattfindet“ ein. Nach einer erfolgreichen Petition zur Regelung des Praktikantenwesens, wie es von Arbeitsminister Franz Müntefering angekündigt und dem DGB gefordert wurde, haben die Fraktionen der Grünen und der Linken Anträge dazu in den Bundestag eingebracht. Sie wurden an den Bildungsausschuss überwiesen.

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