Qualität und Krise

Baden-Württemberger fordern kritische Recherche ein

Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten werden an Journalistinnen und Journalisten besonders hohe Anforderungen gestellt. Es geht darum, die Ursachen der Krisen zu erklären; zu zeigen, wie sich die Krise auf die Gesellschaft auswirkt, wer dafür verantwortlich ist, wer davon profitiert und wer darunter zu leiden hat. Doch werden sie dieser Aufgabe gerecht? Darüber diskutierten am 22. Juli im Esslinger Gewerkschaftshaus Gewerkschafter, Journalisten und interessierte Bürger auf Einladung der IG Metall Esslingen und des Landesvorstandes der dju in ver.di.

„Seit vielen Jahren werden die neoliberalen Glaubenssätze nachgebetet“, so Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigter der IG Metall. „Oft werden Statements von Geschäftsleitungen einfach wiedergegeben.“ Keine Spur von kritischer Recherche, selbst ein einfacher Anruf bei Gewerkschaften oder Betriebsräten unterbleibe. Kai Bliesener, Sprecher der IG Metall Baden-Württemberg plädiert für einen „kritischen Blick statt pauschaler Medienschelte“. Er kennt auch viele Positiv-Beispiele. Der Konkurrenzdruck – auch durch neue Medien – ist groß. Nachrichten werden oft direkt nach einer Pressekonferenz abgesetzt, vorab online publiziert oder von den Agenturen an die Redaktionen weitergegeben. Bliesener rät den Gewerkschaftern: „Selbst aktiv werden, Kontakt aufnehmen, Informationen an die Redaktionen weitergeben. Denn gerade jetzt sind Gegenpositionen gefragt!“ Ein Rat, der bei den Journalisten auf Zustimmung stieß. Uli Schreyer, Vorsitzender des dju-Landesvorstands betonte: „Journalismus braucht Anregung und Kritik von innen und außen.“ Leider seien viele Redaktionen personell ausgedünnt, viele Kollegen klagten, ihnen fehle die Zeit zu eigenständiger Recherche. Etliche sorgten sich um ihren Arbeitsplatz, weil die Konjunktur-Krise auch die Medienhäuser trifft und mancher Unternehmer unter dem Deckmantel der Krise strukturelle Veränderungen vornimmt und einen strikten Einsparungs-Kurs fährt.
In einer gemeinsamen Resolution erinnerten Gewerkschafter und Journalisten daran, dass Qualitäts-Journalismus entsprechende Arbeitsbedingungen voraussetzt. Pressevielfalt und unabhängige Berichterstattung (ohne Pressionen von Interessengruppen oder Verlegerseite) sind für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar. IG Metall und dju vereinbarten, dass die im vorigen Jahr in Esslingen begonnene Diskussions-Reihe fortgesetzt wird. Sie fordern zudem die Gewerkschaftsorganisationen auf, „Medienpolitik nicht länger stiefmütterlich zu behandeln. Gerade in Krisenzeiten müssen die Voraussetzungen für kritischen Qualitätsjournalismus erhalten werden. Daran müssen die Gewerkschaften schon in ihrem eigenen Interesse stärker als bisher mitwirken.“

nach oben

weiterlesen

Fakten, Fakten, Fakten – ein Allheilmittel?

Angriffe auf Journalisten, Morddrohungen gegen Politiker, eine „Bild“-Zeitung, die Wissenschaftler an den Pranger stellt und so die Szene der Corona-Leugner befeuert. Der harte Kern der Verschwörungsideologen ist mit den Mitteln der etablierten Medien, mit wahrheitsgemäßer Information nicht mehr zu erreichen, darin sind sich Wissenschaftler*innen und Journalist*innen einig. Öffentlich-rechtliche wie auch private Medien setzen dennoch verstärkt auf Faktenchecks. Nutzlos oder können sie doch helfen?
mehr »

Corona und kein Ende: Neustarthilfen 2022

Soloselbstständige, Freiberufler und kurz befristet beschäftigte Künstler*innen können seit dem 14. Januar für das erste Viertel des neuen Jahres Gelder aus der bundesweiten Neustarthilfe 2022 beantragen. Wenn die wirtschaftliche Tätigkeit corona-bedingt weiter eingeschränkt ist und der Umsatzeinbruch mindestens 30 Prozent beträgt, werden für den Zeitraum Januar bis März bis zu 4500 Euro gewährt. So gefördert werden insbesondere Soloselbständige, die nur geringe betriebliche Fixkosten haben.
mehr »

Gewinn und Gefahr sozialer Medien 

Wo liegen Chancen und Risiken sozialer Medien für den Journalismus, wie kann das partizipatorische Potenzial genutzt und Hetze begrenzt werden? Antworten gaben und suchten Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen bei einer Konferenz der CIVIS Medienstiftung für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa. Die Situation in Deutschland sei dabei im Vergleich zu anderen Ländern noch entspannt, sagte Carsten Reinemann aus München. In anderen Ländern sei der ökonomische Druck auf die Medien weitaus stärker als hierzulande. 
mehr »

Fotojournalismus und Datenschutz

Der Datenschutz führt in der journalistischen Arbeit nach wie vor zu Unsicherheiten. Ein besonderer Streitpunkt sind Fotos, wenn auf ihnen Personen erkennbar sind. Denn nicht jede*r möchte sich in der Zeitung oder im Internet abgebildet sehen. Welche Aufnahmen sind erlaubt und wann ist eine Veröffentlichung zulässig?
mehr »