Raus aus den Nischen

Loccum: Medienschaffende mit Migrationshintergrund fördern

Wir gelangt mehr Vielfalt in die Medien? Wie kann der Zugang von Migrantinnen und Migranten zu den Medien verbessert werden? Diesen Fragen gingen Medienschaffende und Wissenschaftler auf einer Tagung der evangelischen Akademie in Loccum Anfang Juli nach. Unter dem Titel „Mehr Farbe in die Medien“ konnte zum Beispiel der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mit seinem Erfahrungsschatz punkten.

Als der WDR im Herbst 2007 per Anzeige neue freie Mitarbeiter suchte, ging ein Aufschrei durch die Mailingliste der freien WDR-Mitarbeiter. Unter dem Betreff „Unverschämtheit!“ befürchteten einige Schreiber neue Konkurrenz auf ihrem hart umkämpften Markt, andere witterten sogar Diskriminierung von Freien ohne Migrationshintergrund. Denn der WDR suchte aktiv Journalistinnen und Journalisten „mit Migrationsbiografie“. Sinn der Aktion „Raus aus den Nischen“ war laut TV-Redakteur Arnd Henze, einem der Initiatoren der Aktion, nicht nur interkulturelle Kompetenz für das Programm einzukaufen, sondern auch, dem Sender für seine Berichterstattung leichteren Zugang zu Migranten-Milieus zu ermöglichen.
Jetzt, ein Jahr später, hat sich die Aufregung gelegt, und Nüchternheit ist eingekehrt. Und zwar bei allen Beteiligten, bei den Bewerbern, den anderen freien Mitarbeitern – und auch im WDR selbst. Ausbildungsleiter Rainer Assion sieht die Aktion als einen Versuch, den Markt zu erkunden. „Mit mittlerem Erfolg“, sagte er in Loccum. „Aufwand und Ertrag standen in einem vernünftigen Verhältnis.“
Von den 383 Bewerbern – die meisten unter 30 und weiblich – blieben 168 übrig, deren Bewerbungsunterlagen an Redaktionen weitergeleitet wurden. 80 Bewerbungsgespräche hätten daraufhin stattgefunden. Assion weiß von mindestens acht Menschen, die nun von der WDR-Verwaltung mit einer „Beschäftigungsprognose“ versehen sind – was aber keineswegs eine Beschäftigungsgarantie bedeutet. Assions Wunsch, dass „Raus aus den Nischen“ neue Gesichter auch vor die WDR-Kameras befördert, blieb bisher unerfüllt.
In der Zielgruppe ist die Bilanz ebenfalls gemischt. Die bulgarischstämmige Matilda Jordanova-Duda bekam trotz zweier journalistischer Ausbildungen und einiger Hörfunkerfahrung nur eine kurze Absage auf ihre Bewerbungsmappe. Andere fragten sich, warum Redakteure sie eigens aus Berlin nach Köln baten, um ein Kontaktgespräch zu führen. Denn in dem Gespräch wurde ihnen dann mitgeteilt, eigentlich bestehe kein Bedarf an neuen Mitarbeitern. Weitere Bewerber fanden es seltsam, dass sie nach dem Gespräch dazu eingeladen wurden, ausgerechnet dem WDR-Integrationsmagazin „Cosmo TV“ Beiträge zu liefern. Damit wurden sie in die Nische hinein gebeten aus der sie ja eigentlich hinaus wollten – und hätten dort andere Autorinnen mit Migrationshintergrund verdrängt. In anderen Fällen war ein leichter Akzent genug Anlass, einen Bewerber nicht für das Radioprogramm einzukaufen, auch wenn seine Arbeit auf Probe ansonsten hoch gelobt und für programmkompatibel befunden wurde.
Dabei ist der WDR eine Art Vorreiter auf dem Gebiet von „Mehr Farbe in den Medien“. Der Sender fördert beispielsweise regelmäßig mit dem Programm „Grenzenlos“ die journalistische Kompetenz junger Medienschaffender mit Migrationshintergrund.
Andernorts herrscht Farblosigkeit vor. Auf der Tagung berichtete der Journalist Miltiadis Oulios von der Folgenlosigkeit der Selbstverpflichtungen, die deutsche Verlegerverbände beim Integrationsgipfel der Bundesregierung abgegeben hatten. Beim Bundesverband der Deutschen Zeitschriftenverleger war das Thema auf Nachfrage gänzlich unbekannt. Man verwies dort auf die Zeitungsverleger. Die Europäische Broadcasting Union EBU hat im vergangenen Jahr zwar ein „Toolkit“ für „Diversity Management“ erarbeitet, aber bisher hat kein deutsches Anstaltsmitglied der EBU das Material übersetzt – geschweige denn die Ideen umgesetzt.
Horst Pöttker, Journalistikprofessor an der TU Dortmund findet es unangemessen, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Journalismus nur zwei oder drei Prozent ausmachten, während es in der Gesamtgesellschaft 15 bis 20 Prozent seien. Er empfiehlt, sich am Modell USA zu orientieren, wo „Diversity Management“ staatlich verordnet ist. Alle Medienunternehmen müssen dort jährlich veröffentlichen, wie hoch der Anteil der Vertreter der Minderheiten unter ihren Beschäftigten ist. Dies sei die Ursache dafür, dass die Quote der Minoritäten in den US-Medien permanent gestiegen sei, meint Pöttker.
Ob allerdings damit automatisch der „andere Blick“ in die Medien einzieht, das bezweifelt die Kölner Journalistin Mercedes Pascual-Iglesias, die eine Studie über Migranten in den Medien geschrieben hat. Denn nach ihrer Erkenntnis suchen die arrivierten Medienarbeiter bei der Rekrutierung neuer Kolleginnen und Kollegen immer nur ihresgleichen: Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, die aus der gebildeten Mittelschicht kommen und perfekt Deutsch beherrschen und genau so „ticken“ wie ihre Kollegen, ob sie nun Hayali oder Yogeshwar, Jobatey oder Abdallah heißen.

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