Regisseurinnen mit Haltung und Rückgrat

Szene aus dem Film „God exists, her name ist Petrunya” der mazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska, ausgezeichnet auf dem Frauenfimfetsival in Dortmund
Foto: IFFF

Spannende feministische und politische Spiel- und Dokumentarfilme zu inszenieren, die das Publikum inspirieren, weiterbilden und begeistern, reicht nicht. Ein Hauptbetätigungsfeld der Regisseurinnen ist stets der Kampf um Akzeptanz bei Filmförderungen, Produktionsfirmen, Sponsoren, Filmverleihern und TV-Redaktionen. Das wurde beim 36. Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) vom 9. bis 14. April in Dortmund in den Kinosälen diskutiert.

Es braucht Haltung, aber auch Durchsetzungskraft von Regisseurinnen, wenn sie Filme mit gesellschaftskritischen, anspruchsvollen Inhalten ins Kino bringen wollen – und es sich eben nicht um seichten Unterhaltungsstoff handelt. Das war beim IFFF immer wieder Thema, wenn nach Filmvorführungen die Debatte zwischen Regisseurin und dem Publikum begann. Ein Spielfilm wie „Der Boden unter den Füßen“ von der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer hat es in der Hinsicht nicht leicht: Hinterfragt ist darin das Streben nach Perfektion in einer neoliberalen Arbeitswelt mit Reisen zwischen Wien und Sydney. Thematisiert wird zudem die Fürsorge einer rund um die Uhr schuftenden Unternehmensberaterin für deren psychisch erkrankte Schwester und eine lesbische Affäre mit der Vorgesetzten ist im Spiel.

Überzeugungskunst in Finanzfragen gefragt

Insbesondere, wenn es darum geht, den Film zu finanzieren, ist Rückgrat und Überzeugungskunst vonnöten. Eine renommierte Filmemacherin wie Kreutzer, die als Lehrbeauftragte an der Filmakademie Wien tätig war, Vorstandsmitglied im Drehbuchverband und Drehbuchforum Austria ist, kann damit souverän umgehen. Die Förderer des Films seien nach erster Sichtung irritiert gewesen, hätten mit dem Film „nichts so richtig anzufangen“ gewusst, erklärte Kreutzer. Nachdem der Film bei der Berlinale gelaufen war, hätten sie sich aber gern mit im Erfolg gesonnt. Beim hauptsächlich weiblichen Publikum in Dortmund kam der Film dagegen sofort gut an. Viele kennen die darin dargestellten Probleme aus ihrem eigenen Umfeld: Dass Frauen zugleich in der Karriere und im sozialen Leben ständig Höchstleistungen bringen, dabei auch noch gut aussehen müssen. Arbeitsstress und Leistungsdruck mit 100 Wochenstunden. Psychische Krankheiten in der eigenen Familie werden nach außen hin verschwiegen oder verleugnet.

Die leidige Finanzierungsfrage: Was das Publikum von einem Film erwartet und was Entscheider der Filmindustrie, der Fernsehredaktionen und Filmförderung für förderungswürdig halten, ist oft nicht miteinander kompatibel. Aber es gibt auch Fortschritte: Anders als bei ihren bisherigen Filmen sei die Finanzierung des Spielfilms „God exists, her name ist Petrunya” kein Problem gewesen, berichtete die mazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska im Dortmunder Kinosaal. Das dortige Filmförderungsprinzip sei zum Positiven verändert worden. Entscheidend sei nicht mehr, wie bekannt eine Regisseurin ist und welche Beziehungen sie hat. Ein Skript werde anonym eingeschickt und neutral nach einem Punktesystem beurteilt. Damit sei das neue mazedonische Fördersystem eine Absage an die Vetternwirtschaft. Ihr Film wurde aus fünf Ländern koproduziert: Mazedonien, Belgien, Slowenien, Kroatien, Frankreich. Gelohnt hat es sich. In Dortmund erhielt er den mit 15 000 Euro dotierten Preis des Internationalen Spielfilmwettbewerbs für Regisseurinnen 2019. Der bissige und religionskritische Film erzähle „in großartiger Weise die Geschichte einer erwerbslosen Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich mutig gegen die patriarchalischen Strukturen des Alltags stellt“, urteilte die Jury.

Gute Qualität ohne Förderung

Mala Reinhardts Dokumentarfilm „Der zweite Anschlag“, der Betroffene und Hinterbliebene von rechtsradikalen und rassistischen Gewalttaten in Deutschland zu Wort kommen lässt, bekam beim IFFF viel Zuspruch vom Publikum. Allerdings gab es für den Film keinerlei Förderung. Über zwei Jahre lang haben Reinhardt und ihr junges Team an dem Film gearbeitet, ohne auch nur einen Cent zu verdienen. Und sie haben bewiesen, dass freie Arbeit – ohne jegliche Auflagen – eine gute Filmqualität hervorbringen kann. Es ging darum, den Opfern von Lichtenhagen, Mölln oder der NSU-Morde eine Stimme zu verleihen, ihnen zur Selbstermächtigung zu verhelfen. Im Kinosaal in Dortmund traf es weitgehend auf Unverständnis, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk solch jungen, kreativen Filmemacherinnen keinen Sendeplatz verschafft und zu einem großen Fernsehpublikum verhilft. Schließlich sei es dessen originäre Aufgabe, Demokratie fördernde und aufklärerische Filme zu verbreiten. Bereits beim Festival DOK Leipzig 2018 war der Film der Jury des ver.di-Preises für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness eine lobenswerte Erwähnung wert.

Frauenfilmfestival finanziell auf solide Beine stellen

Die neue künstlerische Leiterin Maxa Zoller des IFFF, nimmt das Stichwort „Diversity beim Film“ schwungvoll auf. Sie hat länger als ein Jahrzehnt in Großbritannien gelebt und lehrte unter anderem am Londoner Goldsmiths College, an der Kingston University und dem Sotheby’s Institute of Art. Dort hätten Aktivistinnen vieles durchgesetzt, so dass ein gleichberechtigteres System als hierzulande bei der Beurteilung und Förderung von Filmen greife, sagte sie gegenüber M. In Großbritannien werden Filme nach Diversitätsstandards ausgerichtet. Das „British Film Institute“ fördert Filme, wenn darin Angehörige von Minderheiten positiv berücksichtigt sind, die wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer ethnischen und Klassenzugehörigkeit, ihres Alters oder einer Behinderung benachteiligt sind. „In dieser Hinsicht gibt es in Deutschland viel zu tun, wir brauchen dafür ein neues Koordinatensystem und müssen dafür Wissen zusammentragen“. Zum Beispiel: „Wann stand eigentlich die erste Afro-Frau als Protagonistin oder Hauptdarstellerin vor der Kamera?“ Ziel müsse auch sein, das Internationale Frauenfilmfestival finanziell auf solide Beine zu stellen. Sie würde etwa das Preisgeld gern von 15 000 Euro auf 25 000 Euro aufstocken. Derzeit würden allerdings eher Sport, Jugend oder Umwelt gefördert. Zoller warnt vor einer solch fatalen politischen Entwicklung: „Die Kultur ist nicht zu unterschätzen und wichtig, um vor politischen Einbrüchen eines gesellschaftlichen Rechtsrucks zu schützen.“

nach oben

weiterlesen

Statt Senderlogos Parteiembleme

Digitale Plattformen und Social Media verändern die politische Öffentlichkeit. Mit ihrer Hilfe bringen Politiker ihre Botschaften selbst ungefiltert unter die Bürger*innen. Bleibt auf diese Weise über kurz oder lang der politische Journalismus auf der Strecke? Diese Frage stand im Zentrum der Konferenz „Formate des Politischen“ in Berlin, zu der Deutschlandfunk und Bundespressekonferenz geladen hatten.
mehr »

Nazis muss man Nazis nennen

Ein Viertel aller Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das Bewusstsein ist gestiegen, dass Integration nicht nur eine Bringschuld von Einwanderern ist, sondern eine staatliche und gesellschaftliche Aufgabe, die alle angeht. Auf der anderen Seite erleben wir momentan einen massiven Backlash aus der rechten Ecke.
mehr »

Aufruf: Schützt die Pressefreiheit!

Die dju in ver.di unterstützt gemeinsam mit 450 Medienschaffenden, 20 Verbänden und 17 Redaktionen den Aufruf „Schützt die Pressefreiheit!“. Darin solidarisieren sich die Unterzeichner*innen mit den freien Journalisten Julian Feldmann, David Janzen und André Aden, die von Rechtsextremen bedroht werden. Hunderte Neonazis wollen am 23. November gegen die drei demonstrieren. Das Bündnis ruft nun zu einer Gegendemonstration auf.
mehr »

Buchtipp: Presse und Profit

Im Namen von Pressefreiheit und Medienvielfalt sollte 1989/90 in der DDR das politische Monopol der SED aufgebrochen werden. Doch stattdessen entstanden neue wirtschaftliche Monopolstrukturen. Die vielen Reformprojekte erlebten nur einen kurzen „Pressefrühling“ und wurden durch „eine marktgesteuerte Pressereform ignoriert oder plattgemacht“, so Mandy Tröger, die in ihrem Buch gängige Erklärungen für das Pressesterben in Ostdeutschland hinterfragt.
mehr »