Renaissance der Solidarität

Gewerkschafter fühlen sich bei der LiMA gut aufgehoben

Eine Mitstreiterin der LiMA ist Renate Angstmann-Koch, Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt, Tübingerin, stellvertretendes Mitglied im dju-Bundesvorstand und erfahrene Tarifverhandlerin im Auftrag der Gewerkschaft. „M“ sprach mit ihr darüber, warum LiMA und Gewerkschaft so gut miteinander können.

Auf den ersten Blick passen die altehrwürdige Institution Gewerkschaft und ein alternativer Medienkongress, der sich mit der digitalen Gesellschaft befasst, nicht so recht zusammen.

Als ich das erste Mal von der LiMA hörte, dachte ich: Ich bin zwar nicht die Zielgruppe, aber das klingt interessant. Also habe ich eine Mail geschickt und gefragt: Habt Ihr Verwendung für mich? Und sie hatten. Ich habe zwei Workshops angeboten – zum politischen Lokaljournalismus und zur Sozialberichterstattung im Lokaljournalismus.

Und, wie ist das angekommen?

Ehrlich gesagt, ich hatte noch nie ein solch interessiertes, begeisterungsfähiges Publikum. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht und ermutigt. Inzwischen war ich zwei Mal bei der LiMA, werde in diesem Jahr wieder dabei sein und habe auch zwei Mal die LiMA regional in Stuttgart mitorganisiert.

Also passen Gewerkschaft und Linke Medienakademie tatsächlich zusammen?

Ich finde, wir sind bei der LiMA gut aufgehoben. Es geht um unabhängige, kritische Medien, es geht um Qualität, um Verantwortung, um Vernetzung und Handwerk. Alles Sachen, die uns als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter interessieren.
Außerdem finde ich gut, dass sich bei dem Kongress Profis und Amateure, Ältere und Jüngere, Lernende und Lehrende treffen. Aber eben nicht nur das – sie wechseln auch die Rollen. Wer in der einen Veranstaltung etwas lernt, bringt in der nächsten anderen etwas bei. Oder bietet im darauffolgenden Jahr selbst ein Seminar oder einen Workshop an. Das ist gut. Auch wenn dann nicht immer alles reibungslos und perfekt klappt. Ein wenig Chaos gehört zur LiMA, zumal sie bisher weitgehend von Ehrenamtlichen organisiert wird. Das liegt am Grundkonzept, das eher offen als starr, eher experimentell als feuerfest erprobt ist. Und mit den Podiumsdiskussionen und verschiedenen Veranstaltungsformen wird dies alles noch in einen gesellschaftlichen Rahmen gestellt. Damit ist die LiMA sozusagen ein lernendes System geblieben. Und das ist gut.

Das unioncamp trägt den mutigen Titel „Renaissance der Solidarität“. Mutig, weil er zum einen konstatiert, dass die Solidarität fast oder ganz verschwunden war aus unserem Leben. Und weil er die Hoffnung ausspricht, dass Solidarität nun doch wieder im Kommen ist.

Ja, der Mut ist angebracht. Bewegungen wie Occupy wehren sich gegen diese Entsolidarisierung. Wir als dju wollen über unsere Tarifauseinandersetzung des vergangenen Jahres an den Tageszeitungen berichten. Über die Ansage der Kolleginnen und Kollegen „Nach uns die Sintflut? Von wegen!“. Die künftigen Medienschaffenden sollten bis zu 25 Prozent Einbußen hinnehmen müssen. Aber dazu wäre es nur gekommen, wenn wir uns nicht solidarisiert hätten. Nicht nur untereinander, sondern auch mit denen, die nach uns einsteigen und Zeitung machen werden. Online oder analog. Und der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske hält die Keynote an diesem Tag.

Worüber soll beim unioncamp noch diskutiert werden?

Wir wollen auf dem unioncamp über Rahmenbedingungen journalistischen Arbeitens reden. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen werden außertariflich bezahlt. Technisch kann man heute Zeitung mit wenigen Leuten und ein paar Handgriffen machen. Das sagt aber noch nichts über die Qualität der Inhalte, denn Qualität braucht gute Leute, viel Know How, solides handwerkliches Können und Zeit für Recherche. Wir halten als dju – in der Zwitterrolle, Gewerkschaft und Berufsverband zugleich zu sein – die Rolle des Journalismus hoch, weil er das Gemeinwesen mitprägt und mitgestaltet, weil es ohne Pressefreiheit keine Demokratie gibt. Wir sind auch in beiden Rollen bei der LiMA gefragt. Es geht um anspruchsvollen Journalismus – kritisch, unabhängig, aufklärerisch und fortschrittlich. Mit diesen Begriffen und der Vorstellung von einem anwaltschaftlichen, engagierten Journalismus hinterlege ich das Vorhaben „Linke Medienakademie“, und damit kann ich mich gut identifizieren.

Warum bietest du auch in diesem Jahr einen Workshop zum Thema „Sozialberichterstattung im Lokalen“ an?

Dieser Workshop ist sehr beliebt und er ist wichtig. Mein Ansatz ist: Es gibt regelmäßig Hetzkampagnen – gegen Arbeitslose, Wohnungslose, Menschen, die um Asyl ersuchen. Wenn es politisch passt, werden sie stigmatisiert, für faul erklärt, zu Schmarotzern stilisiert.
Der Lokaljournalismus kann, wenn er gut und seriös gemacht wird, dagegen halten. In einer Gesellschaft, die sich immer stärker spaltet, nehmen viele die Lebenswirklichkeit der Menschen außerhalb ihres eigenen Umfelds nicht wahr, übersehen etwa Armut oder die Verzweiflung von Menschen, die keine anständig bezahlte Arbeit finden. Guter Journalismus kann helfen, über die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären. Lokale Medien sind deshalb dafür so gut geeignet, weil sie eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen. Ihre Behauptungen sind für die Leser oder Hörer schnell überprüfbar. Außerdem interessieren sich die Leute in der Regel besonders stark für das Geschehen direkt vor ihrer Haustür.

Und was ist die Basis guter, aufklärerischer Texte?

Man muss Quellen checken, darf sich nicht auf Pressemitteilungen verlassen. Man muss Zahlen nennen, aber vor allem auch konkrete Menschen ins Blatt bringen. Guter Lokaljournalismus arbeitet gegen aufkommende Neiddebatten und trägt zu der Überzeugung bei, dass man Menschen nicht stigmatisieren und herabsetzen darf.
Ich rede also in dem Workshop auch darüber, wie wichtig es ist, für die Recherche glaubwürdige Verbindungen zu suchen, seriöse Netzwerke zu knüpfen. Mit Hilfsorganisationen, Sozialorganisationen, Kirchen.

Wo siehst du künftig eurer Engagement bei der LiMA?

Für uns als dju bietet die LiMA die Chance, mit künftigen hauptberuflichen Journalisten ins Gespräch zu kommen, aber auch mit ehrenamtlichen, die bloggen, Websites unterhalten, Stadtteilblätter herausgeben oder alternatives Radio machen, weil sie mit den klassischen Medien unzufrieden sind. Bei der LiMA stellen wir also auch die Entwicklungen der Branche und unsere eigene Arbeit zur Diskussion.
Das unioncamp dient vor allem der Vernetzung und der Debatte über die gewerkschaftliche Praxis. Wir wollen über die Medienbranche hinaus die veränderten Bedingungen von Arbeitskämpfen diskutieren. Und bei der Podiumsdiskussion „Renaissance der Solidarität“ werden wir präsent sein und uns als Partnerin der LiMA einbringen. Ich hoffe, dass das LiMA-unioncamp wächst und sich weiter etabliert.

Infos

  • Die LiMA „Schnittstellen///interfaces“ findet vom 21. bis 25. März 2012 in Berlin statt.
  • Veranstaltungsorte: TU Berlin und UdK Berlin, Straße des 17. Juni 135 in 10623 Berlin.
  • Die Teilnahme wird als Bildungsurlaub anerkannt.
  • Die LiMAarena bündelt Podien, Fachvorträge, Ausstellungen, Theater, Networking und cometogether.
  • In der LiMAWerkstatt werden mehr als 200 workshops angeboten. Sie decken alle Themenfelder der Medienpolitik und der praktischen Arbeit ab.
  • Das LiMAunioncamp findet am 23. März statt und beginnt um 10 Uhr mit der Keynote von Frank Bsirkse.
  • Anmeldung und Tickets: http://www.lima12.de
  • Unter „Partner Tickets“ findet man die ermäßigten Karten verschiedener Kategorien für ver.di-Mitglieder.
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